Ausgezeichnetes Werk, das einsdrucksvoll deutsche Geschichte beleuchtet
Es liest sich wie ein Thriller, der den Überlebenskampf und die Flucht insbesondere intellektueller Flüchtlinge aus Frankreich 1940 beschreibt. Varian Fry‘s Hilfsaktion für verfolgte Künstler rettet mehr als 1000 Leben. Darunter Berühmtheiten wie Heinrich Mann. Spannend eindrucksvoll und sehr lesenswert.
Auf alle Fälle eins meiner Lieblingsbücher!
Ich bin beeindruckend, wie man aus so vielen einzelnen, zusammengestückelten Informationen, ein so flüssiges Buch machen kann, das sogar als Hörbuch funktioniert. Sehr lesens- beziehungsweise hörenswert.
Es war für mich wirklich beeindruckend zu erfahren, wie viel Varian Fry und seine Mitstreiter riskieren, um zahlreiche Intellektuelle und Künstler von Marseille aus auf teilweise abenteuerlichen Wegen außer Landes zu bringen.
Leider war es ob der Fülle an Material und Geschichten für mich nicht immer leicht, dem „roten Faden“ der Darstellung zu folgen. Der Chronologie wird in meinem Urteil zu viel an Erzählfluss geopfert.
Frankreich 1940. Deutschland breitet seine Angriffe immer weiter aus, Teile von Frankreich werden besetzt. Viele Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle haben vor ein paar Jahren Deutschland verlassen und sind jetzt wieder auf der Flucht. Ziele gibt es einige, nur wenig Möglichkeiten dahin zu gelangen. Der amerikanische Journalist Varian Fry versucht mit Hilfe des Emergency Rescue Committee’s Visas und Ausreisedokumente zu organisieren und so den Menschen zu helfen.
Eigentlich ein Sachbuch, doch es liest sich fast wie ein Roman. In kurzen Kapiteln lernen wir die hier betroffenen Menschen kennen, unter anderem Hannah Arendt, Anna Seghers, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Franz Werfel. Einfühlsam geschrieben, tief berührend ist das Schicksal dieser Menschen. Uwe Wittstock führt uns ganz nah ran, an die Verzweiflung, an die Hoffnung. Marseille fungiert hier als Dreh- und Angelpunkt des Wartens und des Ankommens. Wir lesen über Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft aber auch Machtlosigkeit. Wittstock führt hier viele einzelne Schicksale in dem Jahr zusammen mit dem literarischen und politischen Kontext. Alles was in diesem Buch geschrieben steht, ist gründlich recherchiert. Ein wichtiger Teil unserer deutschen Geschichte, sehr lesenswert.
1940: Die dramatische Rettung der großen Exilanten
Juni 1940: Hitlers Wehrmacht hat Frankreich besiegt. Die Gestapo fahndet nach Heinrich Mann und Franz Werfel, nach Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger und unzähligen anderen, die seit 1933 in Frankreich Asyl gefunden haben. Derweil kommt der Amerikaner Varian Fry nach Marseille, um so viele von ihnen wie möglich zu retten. Uwe Wittstock erzählt die aufwühlende Geschichte ihrer Flucht unter tödlichen Gefahren.
Beim Blättern durch das Buch entfaltet sich eine atemberaubend spannende Lektüre. Die unglaubliche Recherchearbeit von Uwe Wittstock, verbunden mit der Tatsache, dass alles auf wahren Ereignissen beruht, macht die Geschichte noch eindringlicher und unfassbarer. Ein unbedingt empfehlenswertes Werk für alle, die sich für Geschichte und Literatur interessieren. Ich habe schon lange nicht mehr so viel nachgegoogelt während dem Lesen 📖☺️
Zunächst muss ich meinen größten Respekt aussprechen für die wunderbare Recherche, welche bis in das kleinste Detail geht und mit Hingabe verschriftlicht wurde. Gespickt mit Fotos und Auszügen aus Briefen lassen die Personen und die Schrecken der Zeit realer werden. Internierungslager, Massenmorde, Deportierungen, Hunger, Angst und der pure Überlebenswille sind Themen des Buches und der Personen dahinter. Wir erhalten einen tiefen Einblick in die Geschichten der großen Künstler*innen der Zeit und den Kulturverlust durch das deutsche Regime. In kurzen Abschnitten werden immer wieder die Ereignisse der Personen erzählt, was dem Buch Spannung und Kurzweiligkeit verleiht. Der Umgang mit den teils schweren Themen kommt der pragmatischen Wiedergabe der Ereignisse zu Gute und ließ mich so gut durch die schweren Themen gleiten. Die Frage die bleibt ist: Was wäre wenn wir all das Kulturgut erhalten geblieben wäre und wo würden sich die einzelnen Stränge der Kunst aktuell befinden?
Fazit: Klare Leseempfehlung für historisch und literarisch Begeisterte, welche mehr als eine stupide Abhandlung von Ereignissen möchten.
Vielen Dank für des Rezensionsexemplar lieber C.H. Beck Verlag.
Zwischen Biografie und Flucht aber besonders voll von Menschlichkeit
Wir befinden uns im Frankreich 1940, in welches viele Kunstschaffenden Personen nach der Machtübernahme der Nazis 1933 geflohen sind.
Diese einzel Schicksale und deren Flucht aus dem im 1940, von den Deutschen besetzten, Frankreich füllen die eine Hälfte des Buches. Die andere Hälfte besteht schon fast aus einer Biografie über Varian Fry und sein Netzwerk "Centre" zur Rettung wichtiger Kunstschaffender/politisch verfolgten aus Frankfurt was aus Marseille agiert.
Ein interessanter Mann, welcher zu Lebzeiten kaum Anerkennung für seine mutigen Taten bekam. Mehrere Hundert Menschen haben wegen seinem Netzwerk Frankreich verlassen können und den Krieg überlebt- dennoch gibt es kaum Literatur über ihn und noch weniger Literatur auf deutsch.
Besonders berührt hat mich die Menschlichkeit, welche in dem Buch zur Geltung kommt. Ohne die Menschlichkeit vieler Franzosen hätten viele Menschen nicht die französische Grenzen übertreten können um von dort aus weiter zu fliehen.
Dieses Buch hat mich länger begleitet und ich glaube diese Zeit brauchte das Buch auch. Ich habe so viel erfahren und trotzdem das Gefühl die ganzen Informationen nicht in Gänze aufgesaugt zu haben. Was eventuell in einem erneuten lesen münden wird. Wir werden sehen.
Die Abwechslung und die Romanform in der das Buch geschrieben ist, hat es mMn relativ leicht gemacht durch so schwere Themen durchzukommen. Ich kann das Buch nur weiterempfehlen.
Eine spannende Zusammenstellung verschiedener Perspektiven auf die Flucht aus Europa. Wittstock ist es gelungen, trotz dokumentarischer Darstellungen, eine Erzählweise wie die eines Romans zu schaffen.
Die einzelnen Schicksale sind nicht nur interessante Rekonstruktionen der Zeit, sondern lassen vor allem tief in gesellschaftliche und politische Interessen blicken. Erschreckend stellt die Leserschaft nicht nur einmal fest, mit welcher brisanten Aktualität uns das Zeitgeschehen selbst bekannt zu sein scheint.
In diesem Buch geht es um verschiedenste Fluchtgeschichten von den unterschiedlichsten Schriftstellern.
In der Vorgeschichte geht es um den "Helfen" einen Amerikaner, der sich entscheidet Exilenten ihre Flucht zu ermöglichen.
Nun steht, vom amerikanischen Staat genehmigt, die Rettung von Schriftstellern an wie dem Bruder von Thomas Mann soweit dessen Sohn.
Man stellt hier definitiv fest, dass Schriftsteller die jüdische Wurzeln oder sich in ihren Romanen gegen Hitler ausgesprochen haben sehr gesucht sind.
Andere haben Glück und können sich verstehen und auch noch die Antragsstellungen für Visa etc. leisten.
Dadurch war man privilegierter als manch andere, die geflüchtet sind.
Dennoch stellt man hier auch fest, dass die Essays oder Manuskripte verbrennt wurden und rie Zensur ein großer Teil war, die die Herzen der Verfasser bluten ließen.
Zudem stelltan auch fest, dass manch ein Grenzsoldat auch menschlich ist und Ratschläge geben kann, welche Aussichten es geben wird.
Highlight und absolute Leseempfehlung!
Das Buch hat mich von der ersten Seite an gefesselt und tief berührt. Die Sorgen und Ängste der Protagonisten konnte ich absolut nachempfinden.
Es ist Juni 1940, die deutsche Wehrmacht hat Frankreich besetzt, die französischen Truppen haben den Deutschen fast kampflos das Feld überlassen. Frankreich wird geteilt, der Norden wird zur besetzten Zone, der Süden zur »freien« – doch nur scheinbar. Denn die französische Übergangsregierung, die nun in Vichy sitzt, kollaboriert mit den Deutschen im Kampf gegen den Widerstand und erlässt nach und nach Sondergesetze für Juden, die zu Enteignung und Deportationen in Vernichtungslager führen. Zahlreiche Menschen, die nach der Machtübernahme Hitlers nach Frankreich geflohen waren und dort im Exil lebten, flüchten nun nach Südfrankreich und sitzen dort in der Falle.
Denn die benachbarten Staaten sind bis auf die Schweiz entweder von Nazis besetzt oder, wie Italien und Spanien, selbst von Faschisten regiert. Das Mittelmeer bietet keinen Fluchtweg, da es von italienischen Kriegsschiffen kontrolliert wird. Hinzu kommt, dass die Vichy-Regierung keine Ausreisegenehmigungen erteilt und von den Nazis Fahndungslisten bekommt, auf denen bekannte Hitler-Gegner:innen und Dissident:innen stehen, die Frankreich an Deutschland auszuliefern habe.
In dieser aussichtslosen Zeit kommt ein junger Amerikaner, Varian Fry, nach Marseille. Er soll einigen Exilliterat:innen – ausgewählt u.a. von Thomas Mann – Notfallvisa für die USA ermöglichen. Geplant sind drei Wochen, doch Fry wird viel länger bleiben und eine Organisation aufbauen, die letztlich über tausend Menschen zur meist illegalen Flucht aus Frankreich verhelfen wird. Die Aktivitäten und Mitarbeiter:innen dieser Organisation stehen im Mittelpunkt dieses Buches.
Marseille 1940 ist kein Roman, sondern vielmehr ein biografisches Kaleidoskop mit Fokus auf verschiedenste Erfahrungen von Menschen, die in Südfrankreich 1940 gestrandet sind, und von denen, die ihnen helfen. Es erzählt von den dramatischen Fluchtgeschichten vieler berühmter Persönlichkeiten wie Anna Seghers, Walter Benjamin, Lion und Marta Feuchtwanger, Hannah Arendt oder Max Ernst. Doch es erzählt auch die Geschichten von denjenigen, die die eigene Freiheit opferten, um anderen zu helfen und deren Namen viel weniger bekannt sind.
Trotz der vielen Perspektiven gelingt es Uwe Wittstock wunderbar, einen roten Faden zu kreieren und dramatische Wendepunkte so zu platzieren, sodass man dieses Buch nur schwer aus der Hand legen kann. Mit Varian Fry als Hauptfigur widmet er sein Buch einem Mann, dessen Verdienste noch immer nicht genug anerkannt werden. Er zeigt außerdem, was für ein riesiger bürokratischer Apparat hinter der Flucht vor den Nazis steckte, der ganz oft dazu führte, dass viele Menschen es am Ende doch nicht rechtzeitig geschafft haben, ihnen zu entkommen.
Ich habe von Uwe Wittstocks Buch "Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur" erwartet, dass es interessant sein könnte. Was ich nicht erwartet habe, ist, dass es mich völlig in seinen Bann zieht, mich umhaut, wütend macht und wahrscheinlich mein absolutes Jahreshighlight wird.
Ein Buch, das sehr detailliert beschreibt, wie durch mutige Franzosen und amerikanische Bürger:innen, hunderte von europäischen Bürgern jüdischen Glaubens aus dem Süden Frankreichs gerettet werden konnten.
Mir war bis zu diesem Buch nicht bewusst, wie viele sehr bekannte Künstler: innen aus Deutschland und Frankreich in dieser Zeit in der nicht besetzten Region Frankreichs zunächst Schutz fanden, dann aber die Nazi Schergen den Kreis immer enger machten und eine Flucht über Spanien und Portugal notwendig machte.
Durch den chronologischen Aufbau des Buches ist die Folge der Ereignisse sicher korrekt dargestellt. Es fällt teilweise schwer zu folgen, da aus ganz unterschiedlichen Perspektiven der Geflüchteten die Ereignisse dargestellt werden und so Sprünge entstehen, die zunächst immer wieder “erkannt” werden müssen.
Dennoch ein wichtiges und lehrreiches Buch.
Ich bin geradezu überwältigt von diesem Buch, welches sich für mich liest wie ein Roman.
Während des Lesens ist mir immer wieder der Gedanke gekommen, wie es wohl den vielen anderen Menschen gegangen sein muss die nicht bekannt, berühmt und daher keine Fluchtunterstüzung bekommen haben. Und selbst darauf geht der Autor am Ende seines Buches ein: "Neben jeder Person, die in diesem Buch erwähnt wird, standen Hunderte oder Tausende andere, die das gleiche Recht hätten, in Erinnerung gebracht zu werden..."
Nur das, so heißt es würde den Rahmen des Buches sprengen.
Abschließend kann ich mich den anderen Rezensenten nur anschließen und dieses Buch sehr empfehlen es zu lesen
Als Opener auf der globale° 2024 habe ich Uwe Wittstock im Gespräch mit Ronya Othmann live gesehen und war gefesselt von dem spannenden Autor:innengespräch.
In seinem Buch Marseille 1940 erzählt Uwe Wittstock anhand akribisch recherchierter Informationen die Geschichten vieler deutscher Exilant:innen im zweiten Weltkrieg. Unzählige Kunstschaffende suchen einen Ausweg aus der Bedrohung durch die deutsche Wehrmacht.
Man begleitet den Amerikaner Varian Fry dabei, wie er verschiedene Wege sucht, um berühmte Persönlichkeiten wie Heinrich Mann, Franz Werfel, Hannah Arendt und Lion Feuchtwanger in Sicherheit zu bringen Dabei spannt er innerhalb kürzester Zeit ein riesiges Netzwerk mit sozial engagierten Menschen in seiner Organisation, dem „Centre Américain de Secours à Marseille“.
Gleichzeitig ordnet Wittstock die parallel erzählten Lebensgeschichten in das Kriegsgeschehen von Juli 1935 bis Oktober 1941 ein.
Packend und interessant öffnet das Buch für mich eine neue Perspektive auf das Geschehen des zweiten Weltkriegs. Ich habe sehr mit den einzelnen Geschichten mitgefiebert, die Daumen gedrückt und war begeistert von dem großen Einsatz und der Überzeugung, mit der Varian Fry beschrieben wird.
'Marseille 1940‘ ist eine gut recherchierte Erzählung über den historischen Einsatz wichtiger Fluchthelfer im Kontext des Zweiten Weltkriegs in Frankreich.
Uwe Wittstock kreiert mit 'Marseille 1940‘ eine sachlich erzählte Chronologie, die insbesondere Helfer der Organisation rund um Varian Fry hervorhebt und ehrt. Zahlreiche unbekannte Helden des Zweiten Weltkriegs bekommen ein Gesicht und wir erfahren einiges über Leid und Flucht von verschiedenen Künstlern und Intellektuellen.
Für mich ein lehrreicher Titel, der mir neue interessante Perspektiven auf das Geschehen eröffnet und mich mit spannenden und mutigen Persönlichkeiten bekannt gemacht hat.
Obwohl es ein Sachbuch ist, hört die Spannung niemals auf. Man fiebert mit den Einzelschicksalen der vielen Flüchtenden mit, hauptsächlich an der Seite eines sozusagen Hauptprotagonisten, dem amerikanischen Journalisten Varian Fry. Dieser gründet eine Hilfsorganisation und versucht unter enormen Risiko aus Marseille heraus vielen Verfolgten (überwiegend bekannte öffentliche Personen) die Ausreise in die Freiheit zu ermöglichen. Dabei hat er enormen Widerstand zu überwinden, nicht nur den der Vichy-Regierung, sondern auch aus amerikanischen Kreisen. Dennoch werden viele Menschen gerettet. Schade ist, dass Varian Fry und seine Mitstreiter während ihrer Lebenszeit nie die angemessene Anerkennung für ihre selbstlosen Taten erhalten haben.
Höchst spannendes Buch über die Fluchthelfer und Geflüchteten Schriftsteller und Künstler von 1940-1941. anschaulich berichtet in kleinen Abschnitten. Ein Buch dass die Fluchthelfer und ihre Arbeit ebenfalls in den Mittelpunkt bringt!
Ein dreifacher Spagat
Ich persönlich lese selten Sachbücher aber wurde von Wittstocks Erzählweise enorm mitgerissen. Marseille 1940 ist so ein Sachbuch über die Exilliteratur in Südfrankreich aber dabei gleichermaßen informativ, spannend als auch bewegend.
Spannend wie ein Roman, erschreckend, weil all dies genau so passierte. Wer sich für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs interessiert, sollte Uwe Wittstock nicht verpassen!
Nachdem mich Februar 33 schon begeistert hat, hatte ich schon vor dem Lesen sehr hohe Erwartungen in dieses Buch. Alle davon wurden übertroffen. Das Buch strotz vor Erzählungen von Einsatz, Nächstenliebe und Menschlichkeit in schweren Zeiten. Der Fokus auf Varian Fry schafft dazu auch ein bewegendes Narrativ.
Vor zwei Jahren habe ich »Februar 33« von Uwe Wittstock gelesen. Atemlos. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen – Himmel, wie spannend kann ein (erzählendes) Sachbuch sein?! Sein neustes Buch »Marseille 1940« steht seinem Vorgänger in nichts nach und ist ebenfalls ein ganz großes Highlight für mich.
Seit 1933 haben Hunderte von Exilant*innen auf der Flucht vor Hitler in Frankreich Asyl gefunden und sich ein neues Leben aufgebaut. Unter ihnen auch viele bekannte Schriftsteller*innen, Künstler*innen und Intellektuelle. Nachdem Hitlers Wehrmacht Frankreich im Juni 1940 besiegt und große Teile besetzt hat, ist dieses Land für viele zu einer tödlichen Falle geworden. Erneut müssen die Exilant*innen vor den Nazis fliehen und alles zurücklassen.
Anna Seghers, Heinrich Mann, Lion und Marta Feuchtwanger, Hanna Arendt, Lisa und Hans Fittko, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel und viele weitere Menschen verdanken ihr Überleben einer Person, von der ich bis zu diesem Buch noch nie gehört habe: Varian Fry. Zusammen mit seinem Team riskierte der Amerikaner sein Leben, um so viele Menschen wie möglich außer Landes zu schmuggeln und damit zu retten. Doch nicht alle konnten rechtzeitig fliehen – oder wollten ein zweites Mal fliehen.
Uwe Wittstock erzählt von Schicksalen, die stellvertretend für Millionen von Menschen stehen, die damals in Frankreich um ihr Überleben kämpften. Er erzählt von Schmerz und Verzweiflung, aber auch von Menschlichkeit, Mut und Hoffnung. Und er setzt dem bemerkenswerten Varian Fry ein Denkmal, der zu Lebzeiten nie die Anerkennung für seine Arbeit als Fluchthelfer erhielt, die er verdient hätte.
Eine ausgezeichnete Tatsachenerzählung, die einen ab der ersten Seite mitreißt und längst vergangenen mitfiebern lässt. Ein Buch, das das Schrecken und den Mut der damaligen Zeit vor Augen führt. Für jeden Geschichts und Literaturinteressierten nur empfehlenswert!
Es sind so viele Gesichter, Geschichten, Familien, so viele Schicksale von Menschen, so viel unvorstellbares Leid und Grauen, das sich in Europa während des zweiten Weltkrieges ereignet hat. So viele Menschen fliehen vor den Nazis und versuchen verzweifelt aus Europa herauszukommen. Es wird deutlich, dass Uwe Wittstock am liebsten alle ihre Geschichten erzählt hätte. All die Geschichten der vielen geflüchteten Menschen, die in ganz Europa versuchen sich in Sicherheit zu bringen, doch da das jeden Rahmen eines Buches sprengen würde, konzentriert er sich in seinen Recherchen zu seinem neuesten Werk "Marseille 1940" auf die Künstler:innen. Autor:innen wie Anna Seghers, Leon Feuchtwanger oder Hannah Arendt, Künstler wie Max Ernst oder André Breton und zahlreiche weitere Kunstschaffende hielten sich um 1940 im französischen Marseille auf, das bei Frankreichs Kapitulation und Waffenstillstand mit den Nazis lange Zeit zur unbesetzten Zone gehörte. Von dort aus versuchten sie und unzählige andere Menschen verzweifelt den bürokratischen Wahnsinn um Ausreisevisas, Aufenthaltsgenehmigungen etc. zu bewältigen, um in die USA oder anderen fernen Ländern, die Flüchtlinge aufnahmen, flüchten zu können. Wenn sie den Nazis in die Hände fielen, würden den meisten von ihnen Folter und Tod drohen. Uwe Wittstock folgt in diesem wahnsinnig gut recherchierten und unglaublich spannenden Sachbuch dem amerikanischen Journalisten Varian Fry. Eindeutig einer der stillen Helden des zweiten Weltkriegs, denn Fry erkannte schon lange, bevor die Situation in Europa komplett eskalierte und in einem Krieg ausartete, die enorme Gefahr, die von Hitler und den Nationalsozialisten ausging und versuchte von den USA aus gegen die Nazis zu arbeiten. In Marseille baute er dann schließlich eine Hilfsorganisation auf, die offiziell erst einmal dazu dienen sollte flüchtenden Menschen im französisch- bürokratischen Wahnsinn zur Seite zu stehen und sie zu beraten und sie mit den nötigsten Geld zu versorgen. Inoffiziell arbeitet Fry an einer Liste von Kunstschaffenden, die er in Marseille ausfindig machte und ihnen mit gefälschten Papieren auf verschiedenen Wegen zur Flucht verhalf. Durch seine Hilfe gelangen ungefähr zweitausend Menschen die Flucht aus Europa, wo sie andernfalls der sichere Tod erwartet hätte.
"Marseille 1940" ist ein wahnsinnig spannendes und herausragendes Buch geworden. Wenn man sich nicht immer vor Augen führt, das man hier Geschichte in den Händen hält, würde man nicht unterscheiden können, ob man hier nun ein Sachbuch oder einen historischen Thriller liest. Denn Frys Zeit in Marseille glich genau dem. Und auch das ist eine wahnsinnig wichtige Komponente in Wittstocks Ausführungen, denn ursprünglich sollte Fry nur mehrere Wochen in Marseille verbringen, doch die unmenschliche Situation vor Ort, die vielen Schicksale mit denen er konfrontiert wurde und die Menschen, die er kennen lernte, von denen nicht wenige zu wichtigen Weggefährt:innen wurden, veränderten ihn als Menschen vollkommen. Fry machte es sich zur Aufgabe so viele Menschen zu retten, wie er konnte, ungeachtet bürokratischen Wahnsinns und auch zum Schluss hin arbeitete er sogar gegen seine eigenen Leute in den USA, die ihn mehrmals versuchten zu zwingen in die USA zurückzukehren, nachdem es sich Fry mit etlichen französischen Regierungsbeamten 'verscherzt' hatte. Doch das verstoß gegen Frys Moral und so arbeitete er unermüdlich weiter, bis er am Ende festgenommen und ausgewiesen wurde. Am Ende blieb er ein ganzes Jahr in Marseille. Aber auch die vielen Menschen, die mit Fry in seiner Organisation zusammenarbeiteten und ihn mit Spenden unterstützten, werden in "Marseille 1940" Tribut gezollt. Aber auch die Geschichten der scheinbaren Randfiguren zu erzählen ist wichtig, nehmen wir beispielsweise Charles Fawcett, ein bulliger Amerikaner, der für Fry als 'Türsteher' in seiner Organisation arbeitete, um den großen Ansturm an Hilfesuchenden Herr zu werden. In seiner freien Zeit heiratete Fawcett zahlreiche jüdische Frauen, damit sie Ausreisepapiere für die USA bekamen, um sich gleich darauf wieder scheiden zu lassen, damit die nächste Frau gerettet werden konnte.
Solche Geschichten sind wichtig, auch wenn "Marseille 1940" nur einen kleinen Teil des unvollstellbaren Leids erzählt, nur einen kleinen Teil von Geschichten und Schicksalen offen legt, so ist es dieses Buch doch auch ein großes Zeugnis von Hilfsbereitschaft, von Menschlichkeit inmitten der unvollstellbaren Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten.
"Ich glaube nicht, dass ich noch der bin, der dir am Flughafen einen Abschiedskuss gegeben hat...die Erfahrungen von zehn, fünfzehn oder auch zwanzig Jahren wurden in ein einziges gepresst. Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich ein ganzes Leben gelebt, seit ich zum ersten Mal die Treppe vom Bahnhof Saint-Charles hinuntergestiegen bin."
S. 323
Extrem gut recherchiert und ergreifend ohne pathetisch oder anekdotenhaft zu werden. Was für ein tolles Sachbuch über die Flucht deutscher Künstler aus dem besetzten Frankreich. Absolute Leseempfehlung!
Ein Stück Geschichte, von dem ich bisher wenig wusste
Varian Fry war mir ein Begriff aber auch wieder nicht. Nachdem ich 'Marseille 1940' gelesen habe, ist es mir unbegreiflich, warum er in der Öffentlichkeit nicht viel bekannter ist. So vielen deutschen Künstler*innen hat er zur Flucht verholfen. Teilweise ohne offizielle Unterstützung.
Uwe Wittstock bringt es fertig ein Sachbuch zu schreiben, dass so spannend und mitreißend geschrieben ist, dass ich selbst das Gefühl hatte in Marseille zu sein.
Interessant für mich war es die Verflechtungen diverser Persönlichkeiten waren, aber vor allem wie schwierig die Ausreise auch aus unbesetzten Gebieten war. Varian Fry hat nicht als Einzelner gehandelt, er hat einen ganzen Stab um sich rekrutiert. Menschen denen Menschlichkeit das oberste Gebot ist, trotz aller Gefahren denen sie sich damit stellten. Nebenbei erfährt man etwas über die Vichy-Regierung und somit die französische Sicht auf den Faschismus
Ein wunderbar recherchiertes Buch, dass meinen Wissensdrang , mehr zu erfahren und die Erlebnisse aus anderen Blickwinkeln zu lesen, entfacht hat.
Das Buch hat mich berührt und bewegt und ich weiß, dies wird eins der Bücher sein, in die noch einmal reinlesen werde. Wir sollten nie müde werden, Berichte aus der Zeit des Nationalsozialismus zu lesen und aktiv bleiben, dass diese dunklen Zeiten sich nie wiederholen.