What makes the world go round?
So gern ich darauf mit Schlagworten wie Solidarität und Mitgefühl antworten würde, so realistisch kann es ich nur mit „Geld“ beantworten. „Money makes the world go round“ . Weil wir gerade bei Redewendungen sind, lässt sich hier ideal mit „Zeit ist Geld“ anknüpfen. Diese Phrase ist nicht mehr nur so zu verstehen, dass man sich beeilen sollte, um viel zu erledigen. Sie passt auch auf das Phänomen, das ich als das große Buhlen um unsere Zeit und um unsere Aufmerksamkeit bezeichnen möchte. In mir regt sich seit Längerem ein dumpfes Gefühl der Abgrenzung dagegen, das ich bisher kaum in konkrete Worte fassen konnte. Umso interessierter war ich als ich, als ich Jenny Odell und ihre Bücher entdeckte, die dann auch noch in einem meiner „Top 3“ Verlage, dem C.H. Beck Verlag in der deutschen Übersetzung von Annabel Zettel verlegt wurden. Im Oktober gesellten sich somit gleich zwei Bücher zu meinen Sachbuch-Jahresfavoriten. Jenny Odell ist Schriftstellerin, Künstlerin und Dozentin, sie lehrt in Stanford, schreibt für verschiedenste Zeitungen und war als Künstlerin u.a. Teil des Residency Projekts von Facebook. „Nichts tun. Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen“ und „Zeit finden. Jenseits des durchgetakteten Lebens“ beschäftigen sich beide mit der Frage, wie wir unsere Balance im Umgang mit der Ökonomisierung unserer Aufmerksamkeit und Zeit finden. Von allen Seiten wird mittels mehr oder weniger subtiler Werbung um unsere Konsumentscheidungen gebuhlt und damit um unsere Aufmerksamkeit und Zeit. Gleichzeitung wird uns suggeriert, dass Selbstoptimierung und Effizienzstreben unsere Ziele sein sollen. Da die Welt Menschen wie uns braucht und unser Engagement zum Besseren, ist ein Eremitendasein keine Alternative. So liegt es an uns, diese Prozesse bewusst zu reflektieren und inne zu halten und Kunst, Muße, Kreativität, echtem Austausch und politischem Engagement Raum zu geben und somit nicht zuletzt ein Zeichen des Protests und für den Naturschutz (Thema KI) zu setzen. Wem nutzt es, wenn jede Minute unseres Tages durchökonomisiert ist, wie kam es kulturhistorisch dazu? Zu diesen und noch vielen weiteren Schwerpunkten legt die Autorin in beiden Büchern ihre Gedankengänge dar, schildert viele Hintergründe und Beispiele. Der Stil ist durchweg anspruchsvoll, die Lektüre verlangt stetiges Mitdenken. Hier liegt womöglich auch der größte, denkbare Kritikpunkt verankert: Beide Texte imponieren in ihrer Form eher wie ein essayistisches Selbstgespräch, wie ein gemeinsames Nachdenken und nicht wie ein klar strukturiertes Sachbuch, in man stets den Überblick über das bisher Gesagte behält. Ich konnte mich gut auf diesen Reflektionsfluss einlassen, insofern habe ich mich daran nicht gestört. Vielmehr war ich immer wieder begeistert und berührt, dass Odell Dinge, die ich seit Längerem spüre, so treffend in Worte kleiden konnte. Beide Bücher klingen immer noch nach in meinen Gedanken und setzen immer wieder den Impuls, mir die Verfügungshoheit über meine Zeit und meine Aufmerksamkeit zurück zu erobern. Am Beispiel kommerzieller sozialer Medien möchte ich die Vorteile für mich nutzen und mich nicht von jeder Wellenbewegung umstoßen lassen, in der es letztlich nur ums aufmerksamkeitsbindende Gruppen-Echauffieren (ergo Engagement Provozieren) und nicht um inhaltliche Schwerpunkte geht. Eine Leseempfehlung mit Tiefgang und (nice to have) großer Coverliebe meinerseits.




