Ich habe ungeheuer viel gelernt bei der Lektüre, besonders durch den stetigen Seitenblick auf die (deutsch-)deutsche Rolle bei vielen historischen Prozessen. Leider war dabei auch oft der Vorrang wirtschaftlicher Interessen vor dem Einsatz für Menschenrechte in der bundesdeutschen Politik wahrnehmbar. Insgesamt ein sehr spannendes Buch mit einem breiten Blick - Empfehlung!
1979 markierte eine globale Zeitenwende, die bis heute nachwirkt. Das ist die These von Frank Bösch, Historiker an der Uni Potsdam. In seinem Buch „1979“ zeichnet er in zehn Kapiteln ganz unterschiedliche historische Linien nach, die er an einem Kernereignis festmacht. Dazu gehören der erste Besuch von Johannes Paul II. in Polen, der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, die sandinistische Revolution in Nicaragua, die islamistische Revolution im Iran und die Rückkehr Khomeinis, aber auch die Gründung der Grünen und der Siegeszug von Margaret Thatchers Neoliberalismus. Zusammen mit den anderen Themen ergibt das ein sehr disparates Bild an Entwicklungen, aus denen Bösch aber immer wieder überzeugend interessante Linien und Querverbindungen ableitet. (Wobei er nicht verschweigt, dass manche Ereignisse auch kurz davor oder kurz danach bedeutende Marken haben.) Dabei weist der Autor auf viele Krisen hin, die politische Unruhe befördern und nicht selten die eingespielten Ost-West-Konstellationen durchgeschüttelt haben - China bringt sich mit Deng Xiaoping neu in Position, auch die Revolutionäre in Nicaragua versuchen zunächst neue Wege. Das fordert alte bipolare Gewissheiten heraus. Dazu sieht er eine neue Rolle der Medien und eine gewisse Dynamik von unten - in der Öko-Bewegung genauso wie bei der Solidarität mit den vietnamesischen Boat People oder bei der Begeisterung der Polen für den Papst. Apropos: Auch die Religionen gewinnen mit dem Papstbesuch in einem kommunistischen regierten Land, mit der kirchlichen Friedensbewegung und besonders dem politischen Islam im Iran eine neue Bedeutung.

