„Nach allem, was sie getan haben, sollten sie mich fürchten.“
Ich habe das Hörbuch von Villains Are Made – Der Fluch der Medusa von Julia Holz über NetGalley bekommen und hatte wirklich unglaublich viel Spaß damit. Vor allen Dingen, weil es für mich eines der stärksten Medusa-Retellings ist, die ich bisher gehört habe. Die Geschichte wird in zwei Zeitsträngen erzählt. Einmal begleiten wir Medusa in der Vergangenheit, bevor sie zur Gorgone wurde, und parallel dazu Isla in der heutigen Zeit. Isla leidet an Agoraphobie, also der Angst davor, das Haus zu verlassen und sich unter Menschen zu begeben, und hat ihr Zuhause seit Monaten nicht mehr verlassen. Allein dieser Punkt hat mich von Anfang an unglaublich berührt, weil man so selten Protagonistinnen mit unsichtbaren Erkrankungen oder psychischen Ängsten in Fantasybüchern sieht. Für mich persönlich ging ihre Entwicklung diesbezüglich zwar etwas schnell, gerade weil ich selbst Agoraphobie hatte und weiß, wie schwer solche Schritte sein können, aber trotzdem habe ich es einfach geliebt, dass dieses Thema überhaupt vorkommt und Betroffene dadurch gesehen werden. Am Anfang war ich ehrlich gesagt kurz verwirrt, weil ich nicht mehr genau im Kopf hatte, worum es in dem Buch geht und nicht damit gerechnet hatte, dass ein Teil der Handlung in der heutigen Zeit spielt. Aber sobald ich verstanden hatte, wie die beiden Zeitstränge zusammenhängen, war ich komplett drin. Und im Laufe des Buches wird eben klar, dass Isla und Medusa ein und dieselbe Person sind und Isla heute gemeinsam mit ihrem „Mitbewohner“ Silas lebt, den ich wirklich unglaublich geliebt habe. Silas ist einfach ein großartiger Charakter und hat mit seiner Art immer wieder dafür gesorgt, dass das Buch zwischendurch etwas Leichtigkeit bekommen hat. Was dieses Buch für mich aber wirklich besonders gemacht hat, war die Art, wie hier mit der Medusa-Mythologie umgegangen wird. Das Buch arbeitet sowohl mit der bekannten patriarchalen Version des Mythos — also der Erzählung, dass Athene Medusa nach ihrer Vergewaltigung bestraft habe, wobei wichtig zu erwähnen ist, dass in diesem Buch die Vergewaltigung selbst gar nicht vorkommt, weil Athene Poseidon unterbricht, bevor es dazu kommt — als auch mit der modernen feministischen Neuinterpretation, in der Athene ihr die Kräfte gibt, um sie zu schützen und stärker zu machen. Und ganz ehrlich ergibt diese feministische Variante einfach so viel mehr Sinn. Denn seien wir mal ehrlich: Eine Göttin der Weisheit wie Athene würde keinem Opfer die Schuld geben. Genau deshalb wirkt der ursprüngliche Mythos für mich auch bis heute wie etwas, das nur aus einer patriarchalen Sicht heraus entstanden sein kann. Und genau deswegen liebe ich moderne Neuerzählungen wie diese hier, in denen Medusa nicht als Monster oder Verführerin dargestellt wird, sondern als Frau, die etwas Schreckliches erlebt hat und danach Macht erhält, damit ihr nie wieder jemand schaden kann. Die Kapitel rund um Medusa hatten für mich deshalb auch permanent ein unangenehmes Bauchgefühl, einfach weil man ihre Geschichte kennt und die ganze Zeit darauf wartet, dass etwas Schreckliches passiert. Gerade dadurch haben diese Kapitel emotional unglaublich gut funktioniert. Die Plot Twists selbst waren teilweise vorhersehbar. Der erste relativ deutlich, der zweite zumindest in Ansätzen. Aber ehrlich gesagt hat mich das überhaupt nicht gestört, weil dieses Buch seine Stärke nicht daraus zieht, dass man komplett überrascht wird, sondern daraus, wie emotional alles geschrieben ist. Vor allen Dingen Islas beziehungsweise Medusas Einsamkeit, ihr Schmerz und dieses Gefühl von Verrat waren so greifbar geschrieben, dass ich komplett mit ihr mitgefühlt habe. Und genau deshalb liebe ich auch ihre Entwicklung so sehr. Die Entwicklung von Medusa beziehungsweise Isla ist wirklich großartig, vor allen Dingen in Bezug auf Selbstwert, Selbstliebe und Selbstermächtigung. Dieses Buch zeigt letztendlich die Geschichte einer Frau, die jahrhundertelang klein gehalten, gefürchtet und als Monster dargestellt wurde und die irgendwann beginnt zu verstehen, dass sie keine Angst mehr davor haben muss, Raum einzunehmen oder für sich selbst einzustehen.


































































