Ein ehrlicher, ungeschönter und direkter Blick auf die verstorbene Mutter, die vor allem eine mit Konsum vollgestopfte Wohnung und zahlreiche Rechnungen hinterlassen hat. Hobracks Text hat mich wirklich doll bewegt und begeistert!
Eine sehr bewegende Aufarbeitung, ein Buch, das mich aus Gründen sehr traurig gemacht hat.

Marlen Hobracks „Erbgut“ ist ein außergewöhnlich offenes, emotional aufwühlendes und tiefgründiges Buch, das weit über eine bloße Aufarbeitung eines familiären Nachlasses hinausgeht. Es ist sowohl eine autobiografische Erzählung als auch eine Analyse von Konsumverhalten, gesellschaftlicher Prägung und zwischenmenschlichen Beziehungen – insbesondere der komplexen Mutter-Tochter-Dynamik. Ausgangspunkt der Geschichte ist die Wohnung der verstorbenen Mutter, die überquillt vor Gegenständen, Schulden und ungeöffneten Paketen. Doch Hobrack gräbt mehr als nur materielle Dinge aus. Sie deckt die Lebensrealität ihrer Mutter auf, geprägt von den Entbehrungen der DDR, der Härte des Alltags, und einer psychologischen Dimension, die sich in einer Obsession des Hortens manifestiert. Mit einer beeindruckenden sprachlichen Präzision gelingt es der Autorin, diese persönlichen Erlebnisse mit größeren gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen zu verweben. Besonders berührend ist Hobracks ehrlicher und gleichzeitig schmerzhafter Blick auf ihre Mutter. Ohne diese zu idealisieren oder zu verurteilen, entblättert sie deren Leben und die Beziehung zwischen Mutter und Tochter in all ihrer Widersprüchlichkeit: Nähe und Überforderung, Liebe und Distanz. Dabei stellt sie sich die Frage, wie sehr das Verhalten und die Entscheidungen der Eltern die eigene Identität prägen und welche Muster man unbewusst übernimmt. Das Buch nimmt seine Leser*innen mit auf eine Reise, die gleichermaßen analytisch wie emotional ist. Hobrack verbindet persönliche Erinnerungen mit soziologischen und psychologischen Überlegungen zu Themen wie Klassenzugehörigkeit, Konsumzwang und Traumabewältigung. Besonders spannend ist die Verknüpfung der DDR-Mangelwirtschaft mit dem späteren unkontrollierten Konsum im Kapitalismus. Diese Perspektive gibt dem Buch eine tiefere Dimension, die nicht nur emotional, sondern auch intellektuell fordert. Was „Erbgut“ so eindrücklich macht, ist die radikale Ehrlichkeit, mit der Hobrack ihre Mutter, sich selbst und die Leserschaft konfrontiert. Es ist eine mutige Entscheidung, ein so persönliches Thema ohne Beschönigungen offenzulegen. Diese Offenheit macht das Lesen gleichzeitig faszinierend und unangenehm, denn man wird zum Zeugen einer sehr intimen, fast voyeuristischen Auseinandersetzung. Doch gerade dadurch regt das Buch zum Nachdenken an – über die eigene Beziehung zu Besitz, Familie und Herkunft. Ein mutiges, kluges, schmerzendes und einfühlsames Buch, das einen nicht unberührt lässt.



