16. Mai
Rating:4.5

Zart und eindringlich, zwei Frauen wie das Meer

So beharrlich, wie sich die Natur, die hier eine zentrale Rolle spielt, zurückholt, was ihr gehört, so haben sich die Geschichten von Lefke und Mieke in mein Herz geschlichen. Lefke, die Worte hat, aber keine Stimme, die sich in einer starren Welt, die Frauen wenig bietet, behaupten muss und an einer großen Katastrophe wächst. Mieke, die eine Stimme hat, aber keine Worte findet für das, was sie umtreibt, für das, was in ihr tobt, die sich Zeit ihres Lebens meist falsch und fehl am Platz fühlt. Zwei Frauen, die dennoch ihren Weg gehen und dabei wagen, mehr für sich - nämlich Selbstbestimmung und Glück - zu beanspruchen. Dazwischen und drumherum der Norden und das Meer mit all seinen Facetten - der Ruhe, der mitunter zerstörerischen Kraft, der Unerbittlichkeit. Das Meer, das beide Frauen ausmacht und ihnen alles bedeutet. Wer einen feinfühligen, gut zu lesenden Roman - ruhig und mit Tiefgang - sucht, darf hier zugreifen.

Das stumme Rauschen der Wellen bei Nacht
Das stumme Rauschen der Wellen bei Nachtby Juliane HeinemannRütten & Loening Berlin
3. Mai
Rating:4.5

Ruhig, aber voller Tiefe

Hallig Hooge, 1978. Mieke, eine besondere junge Frau, sucht noch nach dem für sie richtigen Lebensweg. Menschen, soziale Interaktionen sind ihr oft zu viel, lieber ist sie allein mit sich. Mit sich und den Brandseeschwalben auf der kleinen Hallig Norderoog. Pellwormharde, 1362. Lefke, auch sie ist besonders. Nach dem Grauen der Pest und dem Verlust der Mutter und Geschwister hat sie ihre Stimme verloren. Auch sie liebt die raue Natur der Nordseeküste, auch sie ist noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Sie beide werden von einer Naturkatastrophe überrascht: Die große Sturmflut im Jahr 1362, die „Grote Mandrenke“, der auch Rungholt zum Opfer fiel und die die Küstenregion grundlegend veränderte. Die Schneekatastrophe im Winter 1978/1979, die das Leben der Menschen im Norden mehrere Tage nahezu lahm legte. Beide Frauen werden mit, für sie grundlegenden, Problemen konfrontiert, für die sie zunächst keine Lösung sehen. Beide Frauen müssen sich mit ihrem Leben, ihren Vorstellungen und ihren Bedürfnissen auseinandersetzen. Beide Frauen lernen sich in dem Schrecken, den sie durchleben, vollkommen neu kennen. Beide Frauen gehen ihre Weg. „Sie war glücklich, wenn sie in der Natur sein konnte. Sie fühlte sich wohl, wenn sie übers Watt lief.“ Ein bewegendes Buch, wunderbar erzählt. Eine ruhige, sehr bedachte Stimmung, wunderschöne bildliche Beschreibungen, nahbar und vorstellbar ausgearbeitete Charaktere. Lefke und Mieke, zwei besondere junge Frauen in ihrer jeweiligen Zeit. Jahrhunderte trennen sie, doch eng verbunden sind sie durch ihre Liebe zum Meer, zur rauen Natur der Nordseeküste. „Das Meer war kaum bezähmbar, und so würde es alle Zeiten sein.“

Das stumme Rauschen der Wellen bei Nacht
Das stumme Rauschen der Wellen bei Nachtby Juliane HeinemannRütten & Loening Berlin
16. Apr.
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Rating:4

"Mit dem Meer leben, das hieß eben, ihm Land abzutrotzen oder etwas von dem zurückgeben zu müssen, was man ihm einst so mühsam abgerungen hatte." Das Buch spielt in zwei Jahrhunderten. 1978 begleiten wir Mieke auf Norderhoog, wo sie den Bestand der Seevögel beobachtet und bewacht. Besonders die Brandseeschwalben und ihr sich mindernder Bestand haben es ihr angetan. Sie ist gerne allein dort mit sich und der Natur. Vor allem aber in der Ruhe und mit wenigen Wörtern. Ihre Familie, besonders ihre Eltern und ihre Schwester können dies nur schwer nachvollziehen. Die Pflicht ist doch zu erfüllen als Frau. Heiraten, Kinder, Hofübernahme in Ermangelung eines Sohnes. 1362 ist das Leben hart am Meer. Nachdem die Pest fast alle Geschwister und die Mutter von Lefke hat sterben lassen ist diese verstummt. Ihre Zwillingsschwester übernimmt das Reden in stillem Einvernehmen. Der Vater findet eine neue Frau, neue Geschwister werden geboren. Sorge bereitet jetzt der Deich, er scheint nicht stabil genug zu sein. Was dann kommt kennen wir bis heute unter dem Begriff der "groten Mandränke" der Marcellusflut. Tausende Menschen und Tiere erkranken und das reiche Rungholt ging komplett unter. Die Schreibweise des Buches ist leicht und flüssig lesbar. Einzig gestört haben mich die vielen Zeitsprünge in den kurzen Kapiteln. Gerne wäre ich länger einem Erzählstrang gefolgt um mehr darin zu versinken. Ein weiterer Schwerpunkt des Buches ist der Charakter der beiden Hauptprotagonistinnen, die entweder gar nicht sprechen, oder nicht viel reden wollen, aus Angst sich nicht klar genug ausdrücken zu können oder nicht die richtigen Worte zu finden. Die Ruhe im Kopf und in der Umgebung zu brauchen. Und auch aus diesem Buch nehme ich wieder ein besonderes Wissen mit, welches ich faszinierend finde. Das historische Spatenrecht der am Deich Lebenden. Versenken diese ihren Spaten am Deich, gaben sie ihr Land auf, da sie sich nicht mehr um ihren Besitz kümmern konnten. Wer den Spaten wieder herauszog verpflichtetesich damit, den Deich instand zu halten und das Land zu besorgen. Besonders diesen historischen Teil des Buches, rund um Lefke und die große Flut habe ich sehr gerne gelesen. Leseempfehlung für alle die sich für ein eher ruhiges Buch mit Me(h)erblick interessieren.

Das stumme Rauschen der Wellen bei Nacht
Das stumme Rauschen der Wellen bei Nachtby Juliane HeinemannRütten & Loening Berlin