Was macht das mit einem selbst, mit einer Beziehung, wenn der eigene Partner chronisch krank ist? Dieser Frage geht Mercedes Lauenstein in Tagebuchartigen, feinfühligen Beobachtungen nach.
Während ihr Mann Miro körperlich leidet (ohne eindeutige Diagnose), leidet die Erzählerin selbst (die Forscherin ist) eher mental, im Gehirn. Wenn sie ihren Mann nicht gerade wieder zu einem weiteren überforderten Arzt fährt, gibt sie sich Tagträumen hin und studiert ihr Umfeld. Denn mehr als Zuschauen und winken kann sie nicht.
Trotzdem ist da ganz viel gegenseitiges Verständnis und Vertrauen, Akzeptanz und irgendwo auch immer ein Funke Hoffnung, das Miro irgendwann eine Antwort bekommt.
“Der Himmel ist blau, und die Wolken sind wie Gefühle, die kommen und gehen, und es ist immer gut, wenn nicht zu viele auf einmal da sind, wenn sie sich nicht stauen und auftürmen, wenn sie nur zarte Schlieren sind, zarte Schlieren vor dem blauen Himmel.”
„Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als meine Ruhe zu haben und mir Notizen zu machen. Alle sagen, nichts sei schöner als ein reiches Sozialleben. Aber ich möchte immer nur dort sein, wo die anderen nicht sind.“ (Pos. 419)
@mercedesleona neuer Roman ist eine zarte und feine Gedankensammlung, einer, die Umwelt ganz genau betrachtenden, Ich-Erzählerin.
Sanft umschließen mich die Worte der Autorin, öffnen oder bestätigen mir den Blick für tägliche Überlegungen die nicht stillstehen möchten, weil es soviel im „um mich herum“ zu beobachten gibt.
Zwei Handlungsstränge geben dem gedanklichen Umherschweifen Halt, stellen die junge Frau vor tägliche Herausforderungen.
Da wäre zum einen ihr Freund Miro, der an einer unbekannten Krankheit leidet und zum anderen ihre Ausarbeitung zur Kulturgeschichte des Moores, welche stagniert.
Mit zerbrechlichem Blick auf kleine Details im Leben, im Alltag, im Miteinander, trifft mich die Autorin ein drittes Mal mitten ins Herz und macht für mich ihr neues Buch so einzigartig.
Ihre melancholische und wissende Sicht, welche Situationen manchmal erahnen und manchmal nur erspüren lassen, bewegt jene Leser, die im Geschriebenen die Sehnsucht des Seins erkennen können, sicherlich umso mehr.
„Zuschauen und Winken“ erzählt eine Geschichte von der Vergänglichkeit des Lebens, den möglichen Ankern in Beziehungen, vom Verlieren und evtl gewinnen, aber auch dem Loslassen und Akzeptieren von Gegebenheiten.
Mit diesen sanften Gedanken schließe ich die neue Geschichte von Mercedes Lauenstein ab und weiß, dass ich (wie in ihren beiden Büchern zuvor) Spuren ihrer Worte in meinem Leben wiederfinden werde und „Nachts liege ich unter dem Dach und höre der Abgeschiedenheit zu.“ (Pos. 947)
Literarisch feinsinnig, warm, ehrlich und voller Menschlichkeit.
„Und wenn man die fliegenden Gedanken wenigstens festhält, als Stichworte ohne Kontext, als kleine Gedichte ohne Reim und Versmaß, dann fällt es mir leichter, das zu tun, was in diesen Momenten das einzige ist, das hilf: Zuschauen und Winken.“ (S.22)
In »ZUSCHAUEN UND WINKEN« erzählt Mercedes Lauenstein die Geschichte eines jungen Paares, einer namenlosen Krankheit und einer Forschungsarbeit über das Moores, die nicht vorangeht. Die Erzählerin, eine Wissenschaftlerin, deren Forschung sich mit der Kulturgeschichte des Moores beschäftigt, steckt beruflich in einer Sackgasse. Gleichzeitig ist ihr Alltag geprägt von den Arztbesuchen ihres Mannes, der an einer Krankheit leidet, deren Diagnose unklar ist. Während ihre wissenschaftlichen Aufzeichnungen zunehmend persönlicher werden, vermischen sich Beobachtungen zur Natur, zum Moor und zur Landschaft mit Reflexionen über das eigene Leben, Trauer, Angst und Hoffnung. Die Krankheit steht zwischen ihnen – und dennoch finden die beiden in ihrer besonderen Art des Zusammenlebens Nähe, Liebe und Verständnis.
„In der Sehnsucht nach dem, was nicht da ist, liegt das eigentliche Lebendige.“ (S.61)
Wie geht man mit Unsicherheit, Verlust und der Abwesenheit klarer Antworten um? Die Krankheit des Partners, für die es weder Namen noch Heilung gibt, wird zum Symbol für das Unerklärliche und Unkontrollierbare im Leben. Doch es ist nicht nur eine Geschichte über Krankheit und Trauer, sondern auch über Nähe, Liebe und Akzeptanz. Mercedes Lauenstein zeigt in »ZUSCHAUEN UND WINKEN«, wie der Blick auf das Unscheinbare – auf kleine Alltagsmomente, gemeinsame Routinen, Gespräche und Blicke – einen eigenen, wertvollen Sinn schaffen kann. Besonders eindrucksvoll ist die Verknüpfung der Moorforschung mit dem Erleben der Krankheit: Das Moor als mysteriöse, undurchdringliche Landschaft, die schwer zu fassen ist, spiegelt die Unklarheit der Situation wider. Gleichzeitig steht es für etwas Zeitloses, Lebendiges, Veränderliches – genau wie die Beziehung des Paares, die sich jenseits gesellschaftlicher Normen entfaltet. Lauensteins Sprache ist poetisch, klar und zugleich voller Wärme. Mit feiner Beobachtungsgabe beschreibt sie die Eigenheiten des Alltags, die Gefühle zwischen Nähe und Distanz sowie die Schwierigkeit, mit Ungewissheit zu leben. Trotz der Schwere des Themas durchzieht eine leise Komik und Hoffnung die Erzählung.
„Je weniger wir voneinander erwarten, desto mehr geben wir uns.“ (S.47)
»ZUSCHAUEN UND WINKEN« ist ein leises, kluges und tief bewegendes Buch. Mercedes Lauenstein gelingt es, die Komplexität menschlicher Gefühle – Angst, Liebe, Trauer und Hoffnung – auf einfühlsame Weise einzufangen. Ihre Geschichte über eine Liebe, die sich in schwierigen Zeiten bewährt, ist zugleich eine Meditation über das Ungewisse im Leben. Ein Buch, das den Blick für die leisen Zwischentöne des Alltags schärft und dazu einlädt, das Unvollkommene auszuhalten. Ein Buch, das berührt, nachdenklich macht und dennoch Trost spendet – weil es zeigt, dass es nicht immer Antworten braucht, um gemeinsam weiterzugehen. Ein literarisch feinsinniges Werk. Es bleibt nicht nur eine Erzählung, sondern wird zu einer Begleitung – warm, ehrlich und voller Menschlichkeit.