
In „Was von meinem Vater bleibt“ nähert sich José Henrique Bortoluci dem Leben seines Vaters Didi, einem brasilianischen Fernfahrer, der über Jahrzehnte fast ständig auf den Straßen war. Der Sohn, inzwischen Akademiker und Soziologe, erzählt die Geschichte durch eine Mischung aus Erinnerungen und Interviews mit seinem Vater, um dessen Leben, Einsamkeit und Stolz authentisch einzufangen. Dabei entdeckt Bortoluci seinen Vater in einer Tiefe, die ihm als Kind nie zugänglich war, und die geographische wie soziale Distanz zwischen beiden wird spürbar. Das einfühlsame Porträt eröffnet einen faszinierenden Blick auf ein halbes Jahrhundert brasilianischer Geschichte. Vom Bau der Transamazonica über die Abholzung des Regenwaldes bis hin zum beschleunigten Wachstum des Landes. Emotional bewegt das Buch, weil es Didi weder idealisiert noch dessen beschwerliches Leben romantisiert. Es zeigt ihn als „vergessenen Helden“, der seine Familie mit harter Arbeit versorgte, dabei aber die Liebe und Verbundenheit, die er seinem Sohn entgegenbrachte, kaum zeigen konnte. Ich denke für Bortoluci wird die Geschichte seines Vaters so zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität Brasiliens, die auch Themen wie den sozialen Auf-/Abstieg und dem Miterleben der Umweltzerstörung anspricht. Bortoluci verleiht seinem Vater eine Stimme und lässt dessen Geschichte in all ihrer Tiefe bestehen. Diese berührende Hommage zeigt, wie familiäre Bindungen uns prägen – selbst aus der Ferne. Die ruhige, klare Erzählweise schafft eine Intimität, die der Vater-Sohn-Geschichte Tiefe verleiht. Ein Buch, das ich jedem ans Herz lege, der persönliche Lebensgeschichten liebt.



