25. Okt.
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Rating:5

In „Was von meinem Vater bleibt“ nähert sich José Henrique Bortoluci dem Leben seines Vaters Didi, einem brasilianischen Fernfahrer, der über Jahrzehnte fast ständig auf den Straßen war. Der Sohn, inzwischen Akademiker und Soziologe, erzählt die Geschichte durch eine Mischung aus Erinnerungen und Interviews mit seinem Vater, um dessen Leben, Einsamkeit und Stolz authentisch einzufangen. Dabei entdeckt Bortoluci seinen Vater in einer Tiefe, die ihm als Kind nie zugänglich war, und die geographische wie soziale Distanz zwischen beiden wird spürbar. Das einfühlsame Porträt eröffnet einen faszinierenden Blick auf ein halbes Jahrhundert brasilianischer Geschichte. Vom Bau der Transamazonica über die Abholzung des Regenwaldes bis hin zum beschleunigten Wachstum des Landes. Emotional bewegt das Buch, weil es Didi weder idealisiert noch dessen beschwerliches Leben romantisiert. Es zeigt ihn als „vergessenen Helden“, der seine Familie mit harter Arbeit versorgte, dabei aber die Liebe und Verbundenheit, die er seinem Sohn entgegenbrachte, kaum zeigen konnte. Ich denke für Bortoluci wird die Geschichte seines Vaters so zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität Brasiliens, die auch Themen wie den sozialen Auf-/Abstieg und dem Miterleben der Umweltzerstörung anspricht. Bortoluci verleiht seinem Vater eine Stimme und lässt dessen Geschichte in all ihrer Tiefe bestehen. Diese berührende Hommage zeigt, wie familiäre Bindungen uns prägen – selbst aus der Ferne. Die ruhige, klare Erzählweise schafft eine Intimität, die der Vater-Sohn-Geschichte Tiefe verleiht. Ein Buch, das ich jedem ans Herz lege, der persönliche Lebensgeschichten liebt.

Was von meinem Vater bleibt
Was von meinem Vater bleibtby José Henrique BortoluciAufbau
25. Aug.
Rating:4

Ist Bortolucci die männliche Stimme Annie Ernauxs‘?! 🤔💕

„Was von meinem Vater bleibt“ ist in Form eines biografischen Essays des Autors und Soziologen José Roberto Bortolucci geschrieben, in dem wir nicht nur Brasilien auf eine tiefgründige Weise neu entdecken. Wir erfahren die Geschichte seines Vaters, Didi, der als Lkw-Fahrer von 1965 bis 2015 seine Brötchen verdient und viel unterwegs erlebt hat. Durch die abenteuerlichen Episoden, die er in seinen langen Touren, die ihn von den Straßen im Südosten bis zum unerforschten Norden dieses riesigen Landes führten, entwickelte er einen gar historischen Blick, den nur jemand haben kann, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Das ganze Buch hindurch kommen wir in den Genuss von Didis Erzählungen und Erlebnissen. Auch der harte Tobak bleibt nicht außen vor und so erfahren wir der Krebsdiagnose des Vaters und dessen Behandlung - eine schwere Zeit, voller nervenaufreibender Situationen. Bortolucci bietet sowohl eine Perspektive auf die Anforderungen, die eine solche Diagnose an eine Familie stellt, als auch an ein Individuum oder die Gesellschaft. Mit ebenso viel Empathie wie Liebe schildert er die komplexen Zusammenhänge. Er wirft auch einen Blick auf das Land Brasilien und die strukturellen Wandlungen die in vierzig Jahren zu tiefgreifenden Veränderungen führen - aus einer Perspektive der Arbeiterklasse heraus. Ihm selbst geling der soziale Aufstieg im Gegensatz zu seinen Eltern. Ein Kontrast entwickelte sich zwischen ihm, dem erfolgreichen Soziologen mit Doktortitel und seinen Eltern, die nur wenig Bildung genossen und in der Arbeiterklasse verharrten. „Was von meinem Vater bleibt“ von José Henrique Bortolucci bietet reichlich Diskussionsstoff und das nicht nur auf einer soziologischen Ebene, auch die Krebsdiagnose des Vaters und dessen Auswirkungen haben mich dazu angeregt, das Gespräch mit Menschen aus meinem Umfeld zu suchen - wie toll, wenn ein Buch dazu in der Lage ist! Ich würde José Roberto Bortolucci als die männliche Stimme Annie Ernauxs’ bezeichnen - oft habe ich während der Lektüre an sie gedacht und Parallelen erkannt (ich lasse es mal ein wenig in mir arbeiten und bin gespannt, ob ich bei der Ansicht bleibe oder sie revidiere 🙃). Es ist zwar nur ein schmales Büchlein mit seinen 175 Seiten, aber mir hat es eine anregende Lesezeit (mit sowohl emotionalen Momenten, als auch Momenten der Empörung) verschafft. Fazit: Lesenswert!

Was von meinem Vater bleibt
Was von meinem Vater bleibtby José Henrique BortoluciAufbau