19. Sept.
Rating:4

Informativ, ehrlich und aufschlussreich! Ein Stück DDR-Geschichte in Form von Tagebüchern!

Die Schriftstellerin Brigitte Reimann hat während ihres viel zu kurzen Lebens regelmäßig Tagebuch geschrieben. Sie sind Zeugnis ihrer unzensierten Gedanken, die offen geäußert in den 1950er und 1960er Jahren der DDR wahrscheinlich zu drakonischen Strafen geführt hätten. Schon so zeichnete sie sich dadurch aus, Schwierigkeiten und Probleme zum Beispiel beim Bau der Stadt Hoyerswerda für die Mitarbeitenden des Tagebaus "Schwarze Pumpe" klar und öffentlich zu benennen und in ihren Büchern oder in Artikeln und Briefen zu verarbeiten. Deutlich wid aber auch ihre Ambivalenz. Ihr Glaube an den guten Sozialismus und das Unverständnis zur Auswanderung ihres Bruders. Dazu ein Zitat auf Seite 100: Berlin, am 29.4.60: Spüre zum ersten Mal schmerzlich - und nicht nur mit dem Verstand- die Tragödie unserer zwei Deutschland. Die zerrissenen Familien, das Gegeneinander von Bruder und Schwester- welch ein literarisches Thema! Warum wird es von keinem gestaltet, warum schreibt niemand ein gültiges Buch? Furcht? Unvermögen? Ich weiß es nicht. Neben ihren Äußerungen zu Politik und Gesellschaft haben mich auch die zahlreichen Personen interessiert, mit denen sie regelmäßig in Kontakt stand und Freundschaften pflegte. Allen voran Christa Wolf, die sie sehr bewunderte und die ihr in Zeiten von schwerer Krankheit zur Seite stand. Mit ihr kann sie die Skepsis am System und den Ereignissen in Prag teilen. Und dann war da noch der Architekt Hermann Henselmann, der in Berlin u.a. das Haus des Lehrers und die Karl-Marx-Allee entworfen hat. Ihn bewunderte sie für seinen Intellekt fand ihn aber auch überheblich und arrogant. Nichtsdestotrotz stand sie in einem regelmäßigen Austausch mit ihm und konnte sich auf seine Unterstützung verlassen. Brigitte Reimann hat zudem intensiv und exzessiv gelebt. Ihre Liebe zu Ehemännern und Geliebten erhält in den Tagebüchern ebenso viel Raum Sie will das Private und ihre Gefühle nicht sls Nichtig abtun. Das Buch gibt Einblick in das Gesellschaftssystem der frühen DDR, die Not der Schriftstellenden, wenn die Zensurbehörde mal wieder den Rotstift ansetzte und der Sozialismus nicht in seiner ganzen Pracht dargestellt wurde. Es wird deutlich, wie sehr die Staatsmacht die Kulturschaffenden für ihre Propaganda missbrauchten und wie sich diese auch genau dafür hingaben. Dann noch ein wichtiger Hinweis: Brigitte Reimann benutzt in ihren Tagebüchern recht häufig das N-Wort. Zu der damaligen Zeit sicherlich nicht ungewöhnlich. Es ist aber irritierend, dass es Seitens des Verlags oder Herausgebers keine Einordnung dazu gab. Nach der Lektüre und einen Eindruck zur Person Brigitte Reimann, könnte ich mir vorstellen, dass sie eine Einordnung zur Begrifflichkeit angemessen gefunden hätte. Ich gebe eine Leseempfehlung für alle, die ein Interesse an der Geschichte der DDR haben und an einen Zeitzeugnis interessiert sind. Ich muss in jedem Fall in nächster Zeit ihren Roman Franziska Linkerhand lesen. Ja den Erstellungsprozess und die kritische Auseinandersetzung mit dem Stoff geht es auch über weite Teile der Tagebücher.

Ich bedaure nichts
Ich bedaure nichtsby Brigitte ReimannAufbau