23. Sept.
Rating:5

"Niemand verschwindet einfach so" ist eines dieser unbequemen Bücher, die es dem Leser nicht leicht machen, sondern ihn herausfordern und dadurch sicher auch polarisieren. Dabei ist die Geschichte weder brutal, noch schockierend oder auch nur polemisch. Tatsächlich passiert auf den ersten Blick viel, auf den zweiten erstaunlich wenig und auf den dritten dann wieder ganz viel – wenn man es denn zulässt. Eine junge Frau bringt sich um. Ihre Schwester heiratet den Mann, der es ihr möglich macht, darüber zu weinen, und verlässt ihn letztendlich wieder, als das nicht ausreicht. Sie reist durch die halbe Welt, trampt, schläft in fremder Leute Schuppen, quartiert sich bei Menschen ein, die sie nicht kennt und die ihr auch nichts bedeuten. Und dabei wird sie nicht überfallen, es entspinnt sich keine hollywoodreife Liebesgeschichte, niemand kämpft heldenhaft gegen den Krebs, und überhaupt erstreckt sich die Handlung zwar über mehrere Länder, spielt sich aber streng genommen doch hauptsächlich im Kopf der Protagonistin ab. Denn Elyria denkt. Und denkt. Und denkt. Und dort, in ihren Gedanken, verbirgt sich das wilde Biest, das kratzt, beißt und sticht. Im Verborgenen. Im Geheimen. In verqueren Bildern, in merkwürdigen Formulierungen, in ihrer Wahrnehmung der Welt als ein Grab aus Schatten. In endlosen Schachtelsätzen, die sich wieder und wieder im Kreise drehen. Die Sprache ist brillant, wird aber nicht jeden Leser überzeugen: eine literarische Stimme, die aufhorchen lässt, weil sie in ihrer Wucht so unverfroren anders ist und zugleich eine ungeheure Zerbrechlichkeit ausstrahlt, eine Art bodenlosen Weltschmerz. Anstrengend, ja, manchmal ein wenig zu bemüht, aber lohnend. Zitat: Wir haben alle etwas Dunkles in uns, würdest du sagen; aber ich weiß, dass meine Dunkelheit dunkler ist und dass sich eine Horde tollwütiger Biester darin verbirgt, ich bin nicht wie du, Ehemann, in meiner Dunkelheit gibt es keinen Lichtschalter, meine Dunkelheit ist eine Savanne in mondloser, sternloser Nacht, und alle meine wilden Biester rennen in vollem Tempo blind drauflos, aber das könnte ich beim besten Willen nicht zu dir sagen, denn wir haben im Grunde jahrelang nicht miteinander gesprochen, und deshalb habe ich eine Distanz aus Raum und Zeit zwischen uns geschaffen, damit unser Schweigen einen Sinn ergibt. Aber was bedeutet das alles? Wen oder was verkörpert das Biest? Elyrias Depressionen, ihren Zorn auf die Eltern, ihre Unfähigkeit, mit anderen Menschen gesunde Beziehungen einzugehen? Die Trauer um ihre Schwester? Jedenfalls keine nach außen gerichtete Aggression, auch wenn sich Elyria selber misstraut, was das betrifft. Verliert sie den Verstand? Einfache Lösungen gibt es hier nicht. Elyria wird ohne Betriebsanleitung geliefert – oder vielleicht ist die auch nur in einer Sprache geschrieben, die Elyria selber nicht versteht. Und das ist in meinen Augen auch vollkommen in Ordnung. Die Geschichte hat einen unglaublichen Tiefgang, und ein erzwungenes Ende, das alles zu Tode erklärt, würde ihren Sog vielleicht sogar zerstören. Ob man das Buch liebt oder hasst, hängt meines Erachtens zumindest zu einem großen Teil davon ab, inwieweit man sich einlassen kann auf Elyrias inneren Monolog, ohne Erklärungen zu erwarten. Und sie macht es dem Leser nicht einfach: sie trifft falsche Entscheidungen, sie erwartet zu viel von Fremden und zu wenig von sich selbst, aber sie ist auf ihre kompromisslose Art echt und authentisch und durchaus liebenswert. Die anderen Charaktere bleiben schwer greifbar, weil Elyria unfähig ist, wirklich auf sie zuzugehen. Fazit: Eine Frau will verschwinden. Vielleicht. Möglicherweise will sie sich auch selber finden oder ist auf der Flucht vor ihrem inneren Biest. So genau wissen das weder sie noch der Leser, jedenfalls reist sie durch die halbe Welt und kommt doch nirgendwo so richtig an. Kann ein Buch originell sein, das sich auf die klaustrophobisch beengte Gefühlswelt seiner Protagonistin beschränkt und dabei keine Lösungen bietet? Für mich zeigt Catherine Lacey ihr Talent gerade dadurch, dass sie innerhalb dieser engen Grenzen eine Geschichte erzählt, die ohne Rührseligkeit berührt und bewegt – dass sie Spannung aufbaut, obwohl diese Geschichte kein bestimmtes Ziel anstrebt. Ich konnte mich Elyria und ihrer düsteren Gedankenwelt nicht entziehen.

Niemand verschwindet einfach so
Niemand verschwindet einfach soby Catherine LaceyAufbau
9. Sept.
Rating:2

Oh man. Das war für mich zum Teil irgendwie echt wirres Zeug, was ich da zu lesen bekam. Das ganze Buch besteht gefühlt zu 10% aus Handlung und zu 90% aus Gedanken der Protagonistin, die für mich die meiste Zeit echt schwer zu greifen und nachzuvollziehen waren. Die Story an sich finde ich echt spannend (Ausbruch aus dem eigenen Leben, Neuseeland, etc.), aber das was daraus gemacht wurde, war wirklich eher nicht meins. Schade, schade Marmelade!

Niemand verschwindet einfach so
Niemand verschwindet einfach soby Catherine LaceyAufbau
13. Sept.
Rating:2

Selbstmitleid vom Feinsten Das Buch: Elyria beschließt zu gehen. Weg vom Ehemann, weg vom Alltagstrott. Ihr Ziel ist eine Farm in Neuseeland von einem Bekannten. Doch nicht das neue Land fasziniert Elyria. Es ist sie selbst. Und begibt sich somit eher auf eine Reise zu ihren dunkelsten Gedanken. Das Fazit: Ach, wieder so ein Buch, das nur so im Selbstmitleid badet. War es bei Sieben Nächte schon eher verständnislos, ist man hier eher ratlos. Und zu allem Überfluss kann dieses Buch eine Leseflaute auslösen. Das Buch dreht sich nur um Elyria. Diese erzählt über ihre Aktivitäten in Neuseeland. Dies ist dann mehr Trampen und Gejammer statt schöne Neuseelandbilder. Denn das Land hätte auch ein anderes der Welt sein können. Das Augenmerk liegt hier eh auf die Gedankengänge von Elyria. Und mit denen konnte ich nichts anfangen. Die Dame weiß nicht was sie will. Sie weiß nicht, wofür sie sich entscheiden soll, da sie nicht die Entscheidungspunkte kennt. Aber anstatt dem Leid einfach entgegenzutreten badet sie zu gern darin. Andere Rezensionen meinen, dass Elyria Depressionen hat. Das kann schon sein. Wird dem Leser in keinster Weise nahegebracht, geschweige denn angesprochen. Man kann sich dieses Krankheitsbild nur aus den kurzen Momenten zusammenreimen, wenn Elyria über ihre Vergangenheit sprach. Aber so eine Beurteilung einer Krankheit sollte man doch schon den Fachärzten überlassen. Trotzdem hält des dem Leser nicht, Elyria einfach mal durchzuschütteln. Denn ihre Hilflosigkeit in Sachen irgendetwas zu entscheiden oder zu tun ist doch sehr anstrengend. Auch in Bezug auf das Krankheitsbild gibt sich der verlassene Ehemann aber auch die Mutter auffällig wenig Mühe, Elyria helfen zu wollen. Da kann man gut verstehen, dass Elryria keine Lust mehr hat. Aber sie tut auch nichts dagegen. Was dieses Buch neben Elyria auch sehr ermüdend macht ist der Schreibstil der Autorin. Sätze, die die Hälfte der Seite einnehmen, sind hier keine Seltenheit. Und so kann sich Elyria sehr lang und leidvoll ihn ihrem Mitleid baden. Der Leser findet daran wohl keinen Gefallen. Zusammenfassend ist es ein sehr anstrengendes Buch. Man versteht die Protagonistin nicht, da Zusammenhänge sehr diffus erzählt werden. Wer aber viel Gejammer mag, ist hier genau richtig. Alle anderen sollten doch die Finger von diesem Buch lassen, denn es hat schon Potenzial, die Leserstimmung sehr weit nach unten zu ziehen. https://booksoftination.wordpress.com/2017/09/20/catherine-lacey-niemand-verschwindet-einfach-so/

Niemand verschwindet einfach so
Niemand verschwindet einfach soby Catherine LaceyAufbau