30. Okt.
Rating:4

Gut verständliche Einführung ins Thema und seine Breite - auch wenn mir persönlich teilweise die Tiefe fehlte.

Habt ihr schonmal von Vergesellschaftung gehört? Dabei geht es grob gesagt darum, Privateigentum in Gemeinschaftseigentum zu verwandeln bzw. Ressourcen, die privatisiert werden, vor Privatisierung zu schützen. Das kann sehr unterschiedliche Bereiche umfassen, von Wohnraum über Trinkwasser, Wälder oder öffentliche Räume innerhalb der Stadt. Und schon vor ziemlich genau 2 Jahren haben Communia und BUNDjugend zu diesem Thema einen schmalen Sammelband herausgegeben: "Öffentlicher Luxus" (Reziexemplar). Ich kam vor ein paar Wochen endlich mal dazu, dieses Buch zu lesen. Da es ein Sammelband ist, kommen sehr unterschiedliche Positionen zum Tragen, wobei das Buch eingängig und lesbar bleiben will, d.h. es sind relativ kurze und ich denke auch ohne umfassendes Theoriestudium gut lesbare Kapitel, in denen es um politische Öffentlichkeit, den Kampf gegen Privatisierung geht und darum, warum diese Themen so wichtig sind: Um gesellschaftliche Ungleichheit zu überwinden und eine gute Lebensqualität für alle Menschen zu erreichen, darin stimmen alle Autor*innen überein, müssten große Firmen, die an Essen, Wohnen und co. verdienen, enteignet werden, müsste der privat angeeignete Luxus vergemeinschaftet werden, weil die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, gehören Boden, Natur und co. doch allen. Es geht dabei natürlich viel um Klimawandel und eine ökologische Transformation der Gesellschaft, darum, dass dabei Fragen der sozialen Gerechtigkeit mitgedacht werden müssen. Damit behandelt das Buch ein wichtiges und angesichts von Kriegen und Krisen etwas in den Hintergrund gerücktes, gleichwohl weiterhin akutes Thema und tut das auf eine sehr einsteiger*innenfreundliche Art und Weise. Persönlich habe ich nicht unglaublich viel Neues erfahren, aber ich habe mir auch schon ein bisschen Theorie zum Thema angelesen und bin damit denke ich nicht ganz die Zielgruppe des Buchs. Aus dieser Perspektive habe ich auch etwas Kritik, etwa daran, dass man eigentlich noch weitergehen und das Eigentumskonzept an sich hinterfragen könnte, dass mir die Kritik teilweise ein bisschen zu personalisiert ist, dass in dem Zug zwar wichtigerweise R4ssismus und Ausbeutung thematisiert werden, dass aber auch Perspektiven fehlen, etwa Kritik an Sozialdarwinismus und Leistungsdenken, Ant1sem1tismuskritik oder Auseinandersetzung mit Ant1ziganismus, also Themen, die gerade auch eine linke Bewegung selbstreflexiv mit einbeziehen sollte, gerade im Bereich soziale Gerechtigkeit, wenn sie nicht in einer verkürzten Systemkritik landen möchte. Das heißt aber nicht, dass man "Öffentlicher Luxus" nicht lesen sollte. Ich glaube, gerade Menschen die mit dem Thema bisher wenig Berührung haben und sich niedrigschwellig einen Einblick verschaffen möchten, können mit dem Buch wirklich viel anfangen. Dementsprechend kann man das vielleicht auch ganz gut den Verwandten schenken, die ja schon irgendwie bezahlbare Wohnungen haben wollen, aber trotzdem Parteien wählen, die Sozialabbau betreiben, oder so.

Öffentlicher Luxus
Öffentlicher Luxusby Dietz Vlg Bln
28. Juni
Rating:5

Die Aufsatzsammlung "Öffentlicher Luxus" (2023) fragt, wie eine Zukunft gestaltet werden kann, die allen Menschen ein sicheres und schönes Leben ermöglicht. Der Begriff stammt von dem britischen Journalisten George Monbiot und meint den bedingungslosen Zugang zu essenziellen Leistungen und Gütern. Bestimmte Einrichtungen der Daseinsvorsorge (z.B. Wohnraum, Gesundheitsversorgung, Mobilität, Bildung, aber auch Schwimmbäder und Parks) sollen der Marktlogik entzogen werden. Kollektivierung dieser Bereiche meint nicht zwingend Verstaatlichung, sondern kann sehr unterschiedlich organisiert sein. Zusätzlich soll es eine echte Demokratisierung der Entscheidungsstrukturen geben. In ihrem Vorwort spricht Nancy Fraser vom "kannibalischen Kapitalismus" und meint damit, dass die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht-ökonomische Bereiche (z.B. Arbeit, Natur, Öffentlichkeit) systematisch zerstört, obwohl sie auf sie angewiesen ist. Die Herausforderung besteht darin, diese Grenzkämpfe nicht als Nullsummenspiel zu verstehen und gegeneinander auszuspielen, sondern zusammen zu denken. Öffentlicher Luxus soll insbesondere die Klimafrage mit sozialen Fragen verknüpfen. Die Aufsätze decken ein breites Spektrum an Perspektiven ab: George Monbiot analysiert, ob und unter welchen Voraussetzungen Grund und Boden eigentumsfähig sein soll. Fatim Selina Diaby beleuchtet den Zusammenhang zwischen Klimakrise und Kolonialismus. Barbara Fried und Alex Wischnewski behandeln aus feministischer Perspektive die Vergemeinschaftung von Care-Strukturen. Simin Jawabreh zeigt, wie Raum rassifiziert ist und selbst rassifizierend wirkt. Anne Klingenmeier und Gesine Langlotz diskutieren, wie die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln von Marktspekulationen entkoppelt werden kann. Astrid Schöggl behandelt die Rolle der Gewerkschaften in der Klimafrage. Die Ausätze nähern sich dem Thema auf verständliche Weise und geben einen guten Überblick über die Zusammenhänge. Der Charme des Ansatzes liegt darin, dass er - wie Eva von Redecker in ihrem Nachwort zeigt - keinen vollständigen Systemwandel erfordert, zugleich aber ausreichend utopisch ist, um hoffnungsvoll auf die Zukunft zu blicken. Das gesamte Buch gibt es als PDF kostenlos online: https://dietzberlin.de/wp-content/uploads/2023/10/Oeffentlicher_Luxus_digital.pdf.

Öffentlicher Luxus
Öffentlicher Luxusby Dietz Vlg Bln
16. Nov.
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Rating:4

Stellt euch vor, wir müssten keine Tickets für den öffentlichen Verkehr kaufen. Wenn dem so wäre, würden auch die Ticketkontrollen entfallen. Wir würden Zeit, aber vor allem Geld sparen. Oder wie wäre es, wenn Krankenhäuser nicht mehr auf Profit getrimmt wären, sondern sich tatsächlich auf die gesundheitliche Versorgung und das Wohlergehen der Patient*innen konzentrieren könnten? Oder wenn Wohnraum keine Mangelware wäre und für alle bezahlbar bliebe? In dem Sammelband »Öffentlicher Luxus« erläutern die Autor*innen, dass genau diese Vorstellungen freier und zugänglicher Güter gar keine Utopie sind. Vielmehr sind sie unser gesellschaftlicher Anspruch – und sogar realistisch. Neben dem Vorwort von Nancy Fraser und einem Nachwort von Eva von Redecker erklären Herausgeber*innen und Autor*innen wie bspw. George Monbiot oder Simin Jawabreh in sieben Kapiteln, wie ein öffentlicher Luxus gedacht werden muss. Beginnend mit Nancy Frasers Kapitalismuskritik – dem Allesfresser – als Grundlage, hin zu Themen wie Entprivatisierung, Klimagerechtigkeit, Sorgearbeit, Imperialismus und Gewerkschaftsarbeit. Entgegen dieser losen Aufzählung hängen die Kapitel im Buch zusammen. Alle Themen vervollständigen den Gedanken eines öffentlichen Luxus und geben diesem Bild erst Sinn. Dabei sticht eines besonders heraus: dass ein öffentlicher Luxus eng mit Demokratisierung verflochten ist. Durch ihn können wir als Gesellschaft einen gewaltigen Schritt in Richtung soziale Gerechtigkeit gehen, indem wir Bürger*innen ihre eigene Umgebung gestalten lassen, überhaupt einen gesellschaftlichen Bedarf ermitteln und Räume für alle zugänglich machen. Übrigens findet der Sammelband auch Antworten auf Fragen zur konkreten finanziellen Umsetzung. Diese beschränkt sich nicht nur auf die Begrenzung von Reichtum, sondern wird im Kapitel zur Entprivatisierung fast vollständig beantwortet. Rückblickend war »Öffentlicher Luxus« kein gemütlicher Snack, weil es sprachlich und theoretisch anspruchsvoll ist. Doch etwas Ungemütlichkeit schadet dieser Pralinenpackung, die zum Nachdenken anregt und mir Mut macht, nicht. Ich habe es sehr gerne gelesen!

Öffentlicher Luxus
Öffentlicher Luxusby Dietz Vlg Bln
26. Feb.
Der Glaube an einen „privaten Luxus für alle“ führt in die Irre, ist grundlegend falsch und kann niemals die Lösung gesellschaftlicher Probleme sein. Bedingungsloser Zugang zu Gütern, Demokratisierung von Wirtschaftsweisen sowie kostenlose Grundversorgung für alle bilden die Voraussetzung für kollektiven Wohlstand. Wir scheinen gerade weit von alledem entfernt zu sein, doch sollte uns das nicht aufhalten, jetzt mit dem Kämpfen dafür anzufangen. Eine sehr gute Einführung in die Idee des guten Lebens für alle!
Rating:4

Der Glaube an einen „privaten Luxus für alle“ führt in die Irre, ist grundlegend falsch und kann niemals die Lösung gesellschaftlicher Probleme sein. Bedingungsloser Zugang zu Gütern, Demokratisierung von Wirtschaftsweisen sowie kostenlose Grundversorgung für alle bilden die Voraussetzung für kollektiven Wohlstand. Wir scheinen gerade weit von alledem entfernt zu sein, doch sollte uns das nicht aufhalten, jetzt mit dem Kämpfen dafür anzufangen. Eine sehr gute Einführung in die Idee des guten Lebens für alle!

„Die Vergesellschaftung des sozialen Überschusses, die Wiederaneignung unseres gemeinsamen Reichtums, um Öffentlichen Luxus für alle zu schaffen, bedarf einer Entmachtung des Kapitals zugunsten einer demokratischen Wirtschaft. Sie muss daher im Mittelpunkt einer gesellschaftlichen Transformation stehen, die unterschiedliche, aber untrennbar miteinander verbundene Kämpfe vereint.“ (Fraser 2023, S. 17) In dem von communia und BUNDjugend herausgegebenen Sammelband „Öffentlicher Luxus“ befinden sich Beiträge, die aus unterschiedlichsten Perspektiven genau das versuchen, was Nancy Fraser im dazugehörigen Vorwort benennt: eine Vereinigung von untrennbar miteinander verbundenen Kämpfen. Das umfasst unter anderem das Verhältnis gewerkschaftlicher und klimapolitischer Kämpfe zueinander auszuloten oder Strategien für feministische Reorganisierung von Care- und Sorgetätigkeiten zu erdenken, zu erkämpfen und umzusetzen. Es umfasst aber auch ein Verständnis dafür entwickeln zu müssen, dass Räume konstruiert sind und werden. Dass Räume rassifizierte Strukturen sind und versuchen, Herrschaftsverhältnisse zu naturalisieren. Es heißt aber noch so viel mehr. George Monbiot konstatiert in richtiger Weise, dass es geradezu paradox ist, dass alle Menschen einen jeweils eigenen, privaten Luxus genießen könnten: je mehr man davon anhäuft, desto mehr schließt man andere Menschen davon aus. Es ist der Wesenskern von privatem Eigentum, Natur exklusiv für sich zu beanspruchen und andere davon auszuschließen (vgl. Monbiot 2023, S. 49). Der Glaube an einen „privaten Luxus für alle“ führt daher in die Irre, ist grundlegend falsch und kann niemals die Lösung gesellschaftlicher Probleme sein. Für mich versteht sich das Buch nicht als eine grundlegende Analyse und Kritik kapitalistischer Realzustände, sondern vielmehr als eine gelungene Einführung in die Bedeutung dessen, was es heißt, für ein gutes Leben für alle fernab einer Markt- und Profitlogik zu streiten. Das bedeutet, Fragen der Reorganisierung von Produktionsverhältnissen sowie gesellschaftlicher Reproduktion nachzugehen. Bedingungsloser Zugang zu Gütern, Demokratisierung von Wirtschaftsweisen sowie kostenlose Grundversorgung für alle bilden die Voraussetzung für kollektiven Wohlstand. Wir scheinen gerade weit von alledem entfernt zu sein, doch sollte uns das nicht aufhalten, jetzt mit dem Kämpfen dafür anzufangen. Besonders hervorheben möchte ich die Beiträge „Feministisch vergesellschaften“ (Barbara Fried, Alex Wischnewski), „Imperiale Grenzziehungen: Rassismus und Raum“ (Simin Jawabreh) sowie „Warum wir als Gesellschaft wieder Land gewinnen müssen“ (Anne Klingenmeier, Gesine Langlotz), die für mich das inhaltliche Herzstück des Sammelbands darstellen – und natürlich das wunderschöne Design des Buches von Andreas Homann!

Öffentlicher Luxus
Öffentlicher Luxusby Dietz Vlg Bln