Kann man die eigenen Eltern verlassen?
Das kann man nicht positiv beantworten. Man kann es nur tun und der Ich-Erzähler hat es getan. „Mit dieser untrüglichen Sicherheit, die nur der Instinkt ermöglicht, während die Vernunft erschrocken zurückweichen würde.“ „Jahrestag“ ist ein tief ergründeter, sich sehr langsam entwickelnder Befreiungsschlag von der eigenen Familie, durchgehend ruhig erzählt, darum dauert es eine Weile, bis man die permanente subtile psychische Machtausübung durch den tyrannischen Vater begreift. Seine Dominanz und übergriffige Manipulation ist so umfassend, dass die Mutter vollkommen hinter ihm verschwindet, wie eine leere Hülle, ohne Rechte (kein eigenes Geld, kein Beruf, kein Bankkonto, keinen eigenen Willen.…), nicht lebendig und nicht tot. Selbst als Erwachsener in mittleren Jahren ist sie für den Erzähler fast nicht greifbar, lässt sich hinter dem alles beherrschenden Vater nicht ausmachen. Nach und nach gelingt es dem erwachsenen Sohn, die Muster aus Drohungen und Bedrohung, Selbstbetrug, psychischer und (scheinbar selten) körperlicher Gewalt durch den Vater aufzudecken und die zerstörenden Muster zu erkennen, bis hin zu dem einzig möglichen Schritt sich zu retten – dem radikalen Entzug aus dem Familienleben, dem kompletten Kontaktabbruch. Ausgezeichnet mit dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, dem Premio Strega ‘25, erschließt sich uns ein beeindruckender Roman, offensichtlich hervorragend übersetzt von Maja Pflug. Eindrücklich und sehr lesenswert hallt das Gelesene noch in mir nach!!
