Coming-of-Age in der Nachwendezeit
Sie sind ungefähr Zehn als die Mauer fällt, die Jungs aus einem kleinen Dorf im Brandenburgischen. Erwachsen werden sie in einer Zeit der Orientierungslosigkeit, wo festgeschrieben geglaubte Werte verfallen, alte Sicherheiten durch neue Unsicherheiten abgelöst werden … Das Andersein, im Äußeren wie im Inneren, macht das Leben für den Gymniasten nicht einfacher, sowohl im alten dörflichen Freundeskreis als auch im neuen Umfeld der Schule greifen Rassismus und Rechtsradikalismus um sich. Es ist ein Aufwachsen in Angst, vorsichtigem sich an den Rändern der Gruppen entlang tasten, geprägt durch eine immer latent vorhandene Bedrohung, die sich schließlich in unterdrückten Wutanfällen und Depression seine Bahn bricht. Selbst die Beziehung zu Mariam, der einzige Lichtblick und Konstante in diesen Jahren, hält dem nicht stand. Daniel Schulz erzählt die Geschichte episoden-, ja teilweise fast bruchstückhaft, manchmal in direkter Folge, manchmal mit großen Zeitabständen. Dadurch entsteht stark das Gefühl, an Erinnerungsfetzen teilzuhaben, wie sie einem vielleicht selbst im Rückblick an das eigene Erwachsenwerden kommen würden. Sprachlich wird kein Blatt vor den Mund genommen, die Radikalität der Äußerungen muss man aushalten können. Trotz allem schafft es der Text aber dennoch, nicht komplett ins Fatalistische oder Trostlose abzudriften, man hält zusammen mit dem Erzähler letztendlich durch und am Schluss verblassen dann auch bei diesem die Erinnerungen schneller als gedacht, die Angst lockert endlich ihren Griff. ‚Wir waren wie Brüder‘ ist ein in meinen Augen wichtiger Text, egal ob nun für Ost oder West, denn es fängt ein ganz wichtiges Zeitfenster der deutschen Geschichte ein, ein Text mit dem man lernen kann zu verstehen.







