Strega war für mich ein Buch voller Gegensätze – spannend und sprachlich eindrucksvoll, aber gleichzeitig auch so surreal und abstrakt, dass ich mich oft verloren fühlte. Der Schreibstil hat mir grundsätzlich sehr gut gefallen: poetisch, dunstig, irgendwie hypnotisch. Doch gerade diese Art zu erzählen hat es mir schwer gemacht, durchgehend „drin“ zu bleiben. Immer wenn ich dachte, ich hätte endlich Zugang gefunden, glitt mir das Geschehen wieder zwischen den Fingern weg.
Besonders aufgefallen ist mir die starke Sinnlichkeit im Text – vor allem über den Geruchssinn. Viele Szenen waren durch ihre Düfte so greifbar beschrieben, dass ich sofort ein olfaktorisches Bild im Kopf hatte. Das fand ich sehr eindrucksvoll, weil es oft bekannte Gerüche waren, die einem sofort Assoziationen gaben – wie Moder, Parfum, Metall, Rauch oder Körperlichkeit. Es wirkte, als lege die Autorin bewusst Wert darauf, mit Gerüchen Stimmungen zu schaffen, was mich beim Lesen sehr gepackt hat.
Trotzdem hat mich das Buch letztlich ratlos zurückgelassen. Es gab immer wieder Momente, in denen ich mich fast in die Geschichte hineinziehen ließ, doch diese Momente waren flüchtig. Die Abstraktheit und Symbolhaftigkeit haben mich oft eher aus der Geschichte geworfen als hineingezogen.
Ich schwanke in meiner Bewertung – zwischen 2,5 und 3 von 5 Sternen.
Ein sprachlich interessantes Buch, das bei mir aber eher Verwirrung als Erkenntnis hinterlassen hat.
Übersetzt von Hanna Granz
"Ich wusste, dass sich das Leben einer Frau jederzeit in einen Tatort verwandeln kann."
S. 7
Selten zuvor war ich vor einem Text zu einem Buch so ratlos der Worte, der es bedarf, um dem Gelesenen gerecht zu werden. Habe mich gefragt, ob es überhaupt Worte von mir zu "Strega" gibt. Oder, ob ich das, was ich da gelesen habe überhaupt in 'gut' oder 'schlecht' einordnen kann. Auf der anderen Seite gab es wohl noch nicht oft eine Lektüre, die sich nach der letzten Seite so penetrant in meine Gedanken eingebrannt zu haben scheint. Die sich nicht einfach so verabschieden will auf den Stapel der gelesenen Bücher, sondern da bleibt und noch nicht fertig mit mir ist.
Und hier sind wir nun "Strega" und ich und beginnen mit einem Zitat auf der ersten Seite, das mich gleichermaßen betroffen und angesichts seines krassen Wahrheitsgehalts absolut in den Bann gezogen hat. Und wenn die Geschichte überhaupt irgendeinem Rhythmus folgt, dann ist es wohl dem, der im Zitat deutlich wird.
In "Strega" folgen wir Leser:innen zumindest Rafaela, die von ihrer Mutter nach Strega ins Olympic Hotel als Saisonarbeiterin geschickt wird. Zusammen mit acht anderen Mädchen bekommt sie eine steife Uniform angezogen und verrichtet unter den strengen Blicken ihrer Chefinnen ihre Arbeit. Wenn die Arbeit nicht gut gemacht wird, schrecken die Chefinnen auch vor Bestrafungen nicht zurück. Die Mädchen sollen das Hotel auf eventuelle Gäst:innen vorbereiten, aber lange Zeit kommt überhaupt niemand. Als dann doch ein rauschendes Fest mit ausschließlich männlichen Gästen gefeiert wird, ist eins der Mädchen am nächsten Tag spurlos verschwunden.
Wer in "Strega" eine strikte Linie erwartet, in der sich die Handlung entspinnt, liegt mit dieser Lektüre falsch denn die Geschichte lebt von ihrer Mystik und der sehr poetischen kraftvollen Sprache. In "Strega" gibt es jede Menge loser Enden, Gedanken, die aufgegriffen und dann achtlos liegen gelassen werden. Darauf muss man sich einlassen und jede Logik über Bord werfen, sollte man sich entschließen die Schwelle zum Hotel Olympic zu überschreiten.
Ich frage mich immer noch, wie "Strega" mir gefallen hat, aber dieser Roman ist wohl das beste Beispiel dafür, dass kategorisieren und einordnen in der Literatur manchmal nicht wirklich funktioniert. "Strega" hat zweifelsohne irgendetwas mit mir gemacht. Ich liebe die mystische Atmosphäre, sowohl in der Umgebung als auch im Hotel, ich mochte die Sprache, die Geheimnisse und vor allem natürlich das übergeordnete Thema, dass Johanne Lykke Holm in "Strega" in ein ungewöhnliches Gewand gemalt hat: Es geht um die Rolle der jungen Frau in der Gesellschaft, das Hotel Olympic gleicht nicht nur einmal einer Art Mädcheninternat, in dem jungen Mädchen eingebläut wird, was sie von der Gesellschaft erwarten können und das ist leider bekanntlich nicht viel. Ein junges Mädchen soll lernen sauber zu machen, den Regeln zu folgen, ihre Gedanken für sich zu behalten, vor allem in Gegenwart von Männern und mit der Tatsache versuchen klar zu kommen, dass sie jederzeit in Bereitschaft sein müssen, dass sie und ihre Körper von eben diesen Männern Gewalt erfahren können.
Mit dieser traurigen und harten Realität verwebt die Autorin aber eine zarte und teils sehr schöne Geschichte von Mädchenfreundschaften, die geprägt sind von Liebe, Zusammenhalt, Treue, Wärme und fürs einander einstehen. Der Zusammenhalt der Mädchen ist fast durch die Seiten greifbar und macht deutlich, dass junge Frauen, auch angesichts der harten Realität, eine große Macht besitzen, wenn sie sich zusammentun.
Und das macht aus "Strega" auch eine Geschichte mit einer wichtigen Botschaft, auch wenn sie in ein absolut ungewöhnliches Gewand daherkommt.
"Strega" ist eine Lektüre, die man gewiss nicht so schnell vergessen wird und auch, wenn ich selten Buchcover erwähne, möchte ich doch hier die wunderschöne Arbeit von Ida Sønder Thorhauge erwähnen, die hier für das Cover, sowie für das Vor- und Nachsatzpapier verantwortlich war und mich als erstes mit "Strega" in den Bann gezogen hat.
"Wir redeten einander ein, dass die Puppe nicht echt war, dass sie jemand mit seinen Händen geformt hatte, dass sie künstlich hergestellt worden war und deshalb nicht böse, als wäre das Künstliche nicht immer schon böser gewesen als das, was die Erde hervorgebracht hat."
S. 87
Mystisch, esoterisch - außerhalb meiner Komfortzone, hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen und ich habe es an zwei Nachmittagen weggelesen.
3 1/2 Sterne, da es mich etwas ratlos zurückgelassen hat.