Lesenswert. Interessanter Stil. Teilweise böse Pointen, aber auch ein wunderschöne Sätze.
Ein faktenreich unterlegter Roman über den alternden Goethe und den jungen Caspar David Friedrich, der sich Goethes Unterstützung wünscht, sich dafür aber nicht verbiegen möchte.
Lea Singer schreibt in ihrem Roman kenntnisreich über die inneren Konflikte des über 60jährigen Goethe, der noch viel Kraft in sich spürt, der noch viel Interesse an frischen Ideen und jungen Frauen hat, der noch viel unterwegs ist und seinen Einfluss auskostet, der aber auch die Grenzen spürt, die ihm sein Älterwerden setzt. Er muss Misserfolge einstecken und mit seinem Projekt, das Wetter und die Wolken besser zu verstehen, kommt er nicht weiter. Dem gegenüber steht der mittellose Caspar David Friedrich, der weiss, dass er Förderer wie Goethe braucht, der sich aber mit seiner Kunst und mit seiner schroffen Art nicht anbiedern möchte. Caspar David Friedrich hat mit seinem Naturverständnis und seiner Art, die Natur und speziell die Wolken zu malen, erste Bewunderer gefunden. Goethe gehört nicht dazu. Doch er hofft immer noch, das ändern zu können. Neben den beiden Hauptprotagonisten erwähnt Lea Singer viele andere bekannte Namen, die zu dieser Zeit das kulturelle Leben in Weimar, Jena und Dresden geprägt haben. Eine besondere Rolle spielt die Malerin Louise Seidler, die eine Vertraute Goethes war und versuchte, Caspar David Friedrich zu unterstützen. Der vielschichtige, aber skizzenhafte Roman regt an, sich stärker mit seinen Haupt- und Nebenfiguren zu beschäftigen und in die Auseinandersetzung zwischen Klassik und Romantik einzutauchen.
Der alternde Goethe ist gefangen im Denkmal seiner selbst, innovative Texte wie »Die Wahlverwandtschaften« stoßen auf Unverständnis, die »Farbenlehre« wird als Dilettieren abgetan. Sein dichterisches Vermögen stumpft vermeintlich ab, kann sich an regelmäßig bestellten und pünktlich gelieferten Huldigungsversen nicht länger entzünden. Der Gesichtskreis wird enger und ist mit den immergleichen Personen bevölkert. Belebung verschaffen da nur junge Frauen und – da das Reisen inzwischen als zu unbequem empfunden wird – ein neues Werk. Doch thematische Neuanfänge, andere Fachgebiete, neue Formen – Goethes Denken, seine Natur und Konstitution sind dazu nur noch in Grenzen bereit, ein echtes Ausbrechen wird schlußendlich mehr gescheut als ersehnt. Mehr auf meinem Blog "Notizhefte": https://notizhefte.com/2016/03/29/wolkengucker/


