12. Jan.
Rating:2

Die Grundidee, einen 4000 Jahre alten Mythos neu zu erzählen, ist durchaus spannend, wenn auch nicht ganz neu. Die Umsetzung wirkt dann nur leider arg banal und vor allem bissl langweilig. Laut der Autorin besitzt der Mythos einen universellen Anspruch. Diesen versucht auch Tokarczuk zu erheben indem sie die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Allein die Vorstellung Universität durch das zusammenwerfen mehrerer partikularer Blickwinkel zu erzeugen verwirrt schon und dann sind es über die weitesten Strecken des Buches sogar nur zwei. Tokarczuk verlegt den Mythos in eine zukünftige Stadt. Hier gibt es viele interessante Einfälle, wie bspw. dass arme Menschen mit ihrer Arbeit verwachsen sind: Ein Straßenkehrer mit Besen als armen oder eine Rikschafahrer mit eingebauten Rädern. Leider wird dies nicht weiter verfolgt. Andere Ideen, wi etwa das Speichern des Bewusstseins reicher Menschen auf einer Festplatte um sie nach ihrem Tod in das vorher bezahlte Paradies hochzuladen, waren 2006, als das Buch erschien, vermutlich schon nicht mehr originell. Im Mythos wird Inanna aus der Unterwelt durch zwei geschlechtslose Fliegen gerettet. Diese sind aufgrund dessen unabhängig von leben und Tod und können zwischen Dies- und jenseits beliebig wechseln, während binäres Geschlecht von den Göttern erdacht wurde, um die Menschen zu unterdrücken.Hier ließe sich gewinnbringend anknüpfen, aber die Autorin macht aus den geschlechtslosen Wesen zwei Roboter, die weder als tot noch lebendig gelten können. Schade. Insgesamt leider ein etwas ernüchterndes Leseerlebnis

Anna In
Anna Inby Olga TokarczukKampa Verlag
21. Dez.
Rating:4

Tokarczuk zählt zu meinen Lieblingsautorinnen und auch mit diesem Werk konnte sie mich erneut überzeugen. Märchen- und Sagenadaptionen für Erwachsene sind ja momentan richtig im Trend - dass sich auch Tokarczuk in diese Richtung bewegt, fand ich anfangs etwas befremdlich. Alle diese Neuerzählungen, die ich gelesen habe, waren nämlich absolut nichts für mich. Aber, wie gesagt, auch hier punktet Tokarszuk erneut. "Anna In" erzählt den ursprünglichen Mythos der Göttin der Liebe und der Liebe nach: die Geschichte von Inanna, Anna Inn. Unterdessen praktisch in Vergessenheit geraten greift die Autorin auf die uralte Sage zurück und macht daraus fast schon eine Sci-Fi-Handlung. Verschiedene Charaktere berichten über das Geschehen. Wie Anna In, Inanna in die Hölle steigt und dann zurückkehrt. Dabei hebt sich, wie von Tokarczuk gewohnt, das sprachliche Element hervor: der Rhythmus ist packend, wie bei den alten Texten. Somit hat die Autorin hervorragende Arbeit darin geleistet, nicht nur den Inhalt wiederzugeben, sondern auch das, was das Original ausmacht. Man bekommt als Leser einen bleibenden Eindruck nicht nur von der Neuerzählung, sondern spürt auch den Originaltext daraus hervor. Es ist ein kurzes Buch, aber mit jeder Seite wird einem klarer, wie viel Arbeit und Gedanken Olga Tokarszuk in diesen Text investiert hat. Investiert in richtig gute Literatur. Wer sich also nach neuen Texten der Literaturnobelpreisträgerin sehnt, kann hiermit nicht viel falsch machen. Als Einstieg in ihr Werk ist es jedoch aufgrund der Thematik und der Ausdrucksweise nur bedingt geeignet. Diesbezüglich eignet sich meiner Meinung nach "Der Gesang der Fledermäuse" z.B. um einiges besser.

Anna In
Anna Inby Olga TokarczukKampa Verlag
3. Sept.
Rating:2

2,5 Sterne Eine Neuinterpretation des Antiken Mythos Innana, verlegt in eine Phantasiewelt, mit den hängenden Gärten von Babylon, den Katakomben, dem Reich der Toten und einer Stadt, voller Aufzugsysteme und einem obersten Management, geführt von den 3 Götter-Vätern Anna In's: Männer der Wissenschaft, der Logik, der Rationalität. Tokarczuk bedient sich einer Technik, der Bildsprache, die an an einen Comic erinnert und lässt im Wechsel aus verschiedenen Perspektiven erzählen, die sich als ein "Ich-Jeder" bezeichnet. Aus meiner Sicht, geht das Konzept nicht auf. Die Bildschnitte sorgen dafür, dass es zu keiner Annäherung an das Unaussprechliche, Verborgene kommen kann. Sie wahren eine Ordnung der Distanz. Die stilistische und sprachliche Umsetzung, verleiht Szenen, in denen Systemkritik geübt wird oder philosophische, psychologische Überlegungen transportiert werden, eine hölzerne, platte Note. Oft hatte ich den Eindruck ein Jugendbuch mit moralischem Vorschlaghammer zu lesen. Die zweite Hälfte des Buches liest sich deutlich flüssiger, das Eintauchen wird erleichtert, wobei die Figuren alle oberflächlich bleiben und nur der Symbolik dienen. Sprachlich und stilistisch ein Spiel mit Chaos und Ordnung. Experimentell. Recht uncool ist die Erkenntnis, dass Anna In Elemente von Unrast enthält. Teils komplette Satzteile wie "...das Privileg nicht zu existieren auf den Karten der Welt". Liest sich insbesondere auf den ersten 50 Seiten als Schreibübung für Unrast. Welche Haupt-Botschaft lese ich aus Anna In heraus: Anna In, eine göttliche Kraft, die Ordnung und Vernunft in Frage stellt und für Bewegung und Veränderung steht. Sie stellt die Antithese zum Ordnungsgedanken, dem Gesetzmäßigen, den Hierarchien, dem Dualismus dar. Sie zeigt die Löcher in der Textur auf, die Risse in der Realität und legt einen Akt der freien Handlung hin, indem durch ihre Entscheidung, jegliche vermeintliche Stabilität des Ordnungssystems in Frage gestellt wird. Das Kausalnetzwerk, auf dem sich die Menschenwelt und Götterväter berufen muss negiert werden. Dem omnipräsenten Gesetz- und Ordnungsgedanken wird Verantwortung, Selbstlosigkeit und Bedingungslosigkeit entgegengestellt.

Anna In
Anna Inby Olga TokarczukKampa Verlag
6. Nov.
Rating:5

Mit Tokarczuk begebe ich mich gerne auf eine Reise ins Jenseits!

Absolut poetisch und wunderschön geschrieben. Gleichzeitig altmodisch und modern. Das Buch ist ein Gegensatz in sich. Die Mythologie und damit verbundene Philosophie ist wundervoll niedergeschrieben. Absolute Empfehlung!

Anna In
Anna Inby Olga TokarczukKampa Verlag
19. Mai
Rating:5

Anna In. Inanna. Olga Tokarczuk beweist einmal mehr, dass sie zu den herausragendsten Erzähler*Innen der Gegenwart zählt. Sie erzählt hier in einem kurzen Roman, der schon 2006 entstand, nun aber neu in einer wunderschönen Ausgabe des Kampa Verlags übersetzt und publiziert wurde, von einem uralten Mythos, nämlich dem der Göttin Anna In oder Inanna (beide Schreibweisen werden im Roman übrigens immer gleichzeitig gewählt), die noch vor all den anderen Heldinnen und Helden den Weg in die Unterwelt geht. Sie ist die Frau des Diesseits und ihre Schwester die Frau des Jenseits, die eine der Herrscherin der lebenden Welt, die andere die Herrscherin der Unterwelt, hier Katakomben genannt. Die Reise von oben nach unten wird kapitelweise aus verschiedenen Perspektiven erzählt: aus der der Dienerin Inannas oder des Dieners der Jenseitigen. Dabei gelingt es der großartigen Olga Tokarczuk grandios, nein: furios, einen hoch interessanten, faszinierenden, literarischen Kosmos zu erschaffen: einerseits eine poetische, feine, oft zärtliche und unheimlich detailreiche, frühmittelalterliche Sprache zu entwickeln. Andererseits die Welt der Göttin der Lebenden ebenso wie die Katakomben der Jenseitigen fast Science-Fiction-artig auszustatten. Es gibt beispielsweise keine Straßen mehr, sondern die Bewohner benutzen Aufzüge in einem alles umspannenden Netzwerk, um sich von oben nach unten oder von rechts nach links zu bewegen. Oder eben nach ganz oben oder ganz unten. Gleichzeitig baut Tokarczuk in den uralten Mythos, weit vor Hades, Persephone etc. entstanden, moderne Diskurse ein. Beispielsweise die Götterväter, die um Hilfe gebeten werden, Inanna aus den Katakomben zurück zu holen, die aber mehr mit ihrer Selbstbeweihräucherung, ihrem drohenden Machtverlust und ihrer Uneinsichtigkeit beschäftigt sind. Alte weißer Männer hier in einen uralten Mythos eingebaut - und zwar so geschickt, dass man das einzig Wirkungsvolle tut: man lacht sie aus. So hat "Anna In. Eine Reise zu den Katakomben der Welt" neben der sprachlichen und poetischen Virtuosität eben auch einen sehr unterhaltsamen Charakter. Und eine Tiefe, die man bei einem Buch von 187 Seiten, das sich mit einem uralten Mythos beschäftigt, nicht vermutet. Es gilt hier nicht nur eine Reise in die Katakomben zu bestreiten, sondern auch eine Reise in die Ursprünge der Welt und all seiner Bewohner. Fazit: Ein Meisterwerk. Sprachlich, poetisch, verzaubernd, tiefgründig und einfach großartig. Olga Tokarczuk ist eine der wohl verdiendesten Literaturnobelpreisträgerinnen des vergangenen Jahrzehnts. Dieses Buch ist ein weiterer Beweis dafür. Ganz eindeutige Leseempfehlung meinerseits.

Anna In
Anna Inby Olga TokarczukKampa Verlag