12. Jan.
Charakterportrait vor einem Stück Zeitgeschichte
Rating:4

Charakterportrait vor einem Stück Zeitgeschichte

Dieser Roman las sich für mich wie Filmklassiker. Es ist ein Charakterportrait zweier Menschen, verbunden von einer Liebe vor einem Stück Zeitgeschichte und der Zeitspanne von 38 Jahren. Milly, ein 18-jähriges Mädchen, das Irland verlässt und beginnt in London in einem Pub zu arbeiten und Pip, ebenfalls aus Irland stammend, der im benachbarten Boxclub an seiner Sportlerkarriere feilt und nach dem Training den Tag im Pub ausklingen lässt. Zwei Charaktere, die sich treffen, mit der Zeit mehr kennen und lieben lernen, denen die Umstände aber nicht wohlgesinnt waren und die nie richtig zueinandergefunden haben. Diese Liebesgeschichte bietet zwar den Aufhänger, dennoch ist es kein Liebesroman, sondern es geht um die Lebensgeschichte dieser beiden Charaktere. Christine Dwyler Hickey hat eine sehr interessante Erzählweise gewählt. Die Kapitel aus Millys Sicht starten im Jahre 1979 und bewegen sich dann immer in Jahressprüngen vorwärts. Pips Kapitel finden alle im Jahr 2017 statt, nachdem er mit 60 Jahren aus der Entzugsklinik entlassen wird und eine letzte Chance bekommen hat, sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Milly begleiten wir chronologisch durch die Jahre hinweg, Pip begleiten wir bei seiner „Chance“, die eben auch beinhaltet, über sein Leben und Handeln nachzudenken und dadurch auch voll von Erinnerungen ist, an denen er uns als Lesende teilhaben lässt. Beide Perspektiven verbinden sich nahtlos und fügen sich sanft ineinander, dass man dem Leben der beiden trotz der Zeitsprünge nachvollziehbar folgen kann. Dies ist kein plotgetriebener Roman, sondern es geht ausschließlich um die Charaktere, ihre Gefühlswelt, ihre Erlebnisse, das Zwischenmenschliche und ihre Wege, die sich immer wieder mal kurz kreuzen, nur um sich dann wieder schmerzvoll und abrupt zu trennen. Für mich war es daher ein entspannter Read, sich in ihren Lebensgeschichten zu verlieren, die Handlung plätschert vor sich, dennoch war ich gespannt, ob die beiden am Ende nicht doch noch zueinander finden werden. Auch die politischen Hintergründe in dieser Zeit spielen hin und wieder eine Rolle, und was die terroristischen Aktivitäten der RAF für Auswirkungen für die irisch abstammenden in England lebenden Menschen gehabt haben. Die Perspektiven von Pip mochte ich etwas lieber und kam ihm emotional näher als Milly. Für Milly habe ich zwar Mitgefühl entwickelt, dennoch kam ich mit ihrer Art und ihren Entscheidungen manchmal nicht so klar. Und auch wenn Pip kein einfacher Charakter war, so schätzte ich ihn sehr für seine Bemühungen im Jahr 2017 für seine Taten geradezustehen, die Scherben aufzukehren und das, was übrig ist, wieder zusammenzuflicken, sich auszusöhnen und neue Wege zu gehen. Wer gerne solche charaktergetriebenen ruhigen Romane vor einem Stück Zeitgeschichte liest, sollte hier auf jeden Fall mal reinschauen.

Alle unsere Leben
Alle unsere Lebenby Christine Dwyer HickeyUnionsverlag
27. Nov.
Zwei Herzen in einem rauen London
Rating:5

Zwei Herzen in einem rauen London

Was für ein Roman — und was für ein Schlag in die Magengrube des Erwachsenenlebens. Christine Dwyer Hickey zieht die Bühne groß auf: London 1979, zwei verlorene Iren, ein Boxring voller Hoffnungen und jede Menge Dreck unter den Nägeln. Milly und Pip stolpern ineinander wie zwei verlorene Leute, die zufällig denselben Bahnhof verpasst haben. Das ist kein kitschiges Liebeslied, das ist ein rauer, leiser Blues über Menschen, die sich immer wieder finden und doch nie vollständig halten können. Die Sprache trifft genau den Punkt: nicht geschminkt, manchmal verletzend ehrlich, und mit einem Humor, der meist zwischen den Zeilen sitzt und einem dann plötzlich lacht, wenn man eigentlich weinen wollte. Szenen wie kleine Polaroids — kurz, messerscharf, mit einem Geruch von Straßenlaternen und billigem Kaffee. Besonders stark: die Darstellung von Einsamkeit, die hier nicht melodramatisch auftritt, sondern alltäglich, lästig, fast wie ein verwaschenes Hemd, das man nie wegschmeißt. Einziger kleiner Makel: Gegen Ende schleicht sich gelegentlich eine Erzählfreude ein, die den Fokus strecken will — ein paar Szenen wirken etwas zu ausladend. Trotzdem bleibt das Fundament stabil: Charaktere, die atmen, die Fehler machen, die wehtun. Wer auf ehrliche, melancholische Literatur steht, die nicht mit Effekten um sich schmeißt, sondern mit Herz und einem schelmischen Grinsen, wird hier große Freude haben. Für alle, die Geschichten mögen, die nachklingen — dieses Buch bleibt noch lange im Kopf.

Alle unsere Leben
Alle unsere Lebenby Christine Dwyer HickeyUnionsverlag
11. Okt.
Rating:4

Ein Roman über zwei Menschen, die sich lieben und dennoch nicht zueinander finden und die deutliche anti-irische Stimmung in der Bevölkerung, die sie Ende des 20. Jahrhunderts als Iren in London erleben. Die Autorin hat sich einen besonderen Aufbau einfallen lassen: Die Erzählperspektive wechselt. Während Milly's Geschichte ab 1979 erzählt wird, wird Pip's Geschichte als inzwischen fast 60jähriger Mann in 2017 fast ausschließlich aus der Rückschau erzählt. Milly ist 18 Jahre alt und schwanger, als sie ihr Dorf in Irland verlässt, um nach London zu gehen. Sie sucht sich eine Stelle als Barfrau. In Mrs Oaks' Bar findet sie im Laufe der Zeit eine Art Zuhause und Freundschaften. Dort trifft sie auch zum ersten Mal auf den jungen Boxer Pip. Ihre Wege trennen sich und kreuzen sich im Laufe der Jahre immer wieder. Millies lebenslange Hoffnung, bei Pip Schutz und Familie zu finden, bleibt eine Illusion. Pip ist im Alter von 3 Jahren mit seinen Eltern und seinem 3 Jahre älteren Bruder aus Irland nach London gekommen. Als er neun Jahre alt war starb seine Mutter und die Brüder sind in Irland aufs Internat geschickt worden. Er hat kein richtiges Zuhause mehr, seitdem er 10 Jahre alt war. Pip weiß, Alkoholiker sind mit ewigem Optimismus gestraft. "Sobald es uns etwas besser geht, treten die schlechten Zeiten in den Hintergrund, und die guten schieben sich nach vorn." Seine Geschichte ist die Geschichte von Schuld und verpassten Gelegenheiten.

Alle unsere Leben
Alle unsere Lebenby Christine Dwyer HickeyUnionsverlag