Brasilien in Zeiten von Bolsonaro und Covid-19. In der Megacity São Paulo ist die Armut allgegenwärtig. "Die Stadt der Anderen" erzählt kaleidoskopartig von unterschiedlichen Menschen, die auf oder um den zentralen Platz , der Praça de Matriz, leben. Da ist zum Beispiel Dido, kaum jugendlich, der sein erbetteltes Essen mit einem Straßenhund teilt. Glenda, die trans Frau, die sich um die minderjährige, schwangere Jéssica kümmert. Iraquitan, der Schriftsteller, der vor laufenden Kameras für ein Reality-TV-Format gedemütigt wird. Zélia, die auf einem Friedhof schläft und um ihren von der Polizei ermordeten Sohn trauert. Chilves, der davon träumt eine verlassene Luxuswohnanlage zu besetzen. Seno, der Venezolaner, der seine Arbeit verliert und kein Geld hat, um seinen Leistenbruch zu operieren. Patrícia Melo flicht ein Netz aus Geschichten dieser Menschen, die uns beim Lesen besser nicht zu sehr ans Herz wachsen sollten, es sei denn, wir sind bereit es uns brechen zu lassen. Die zentralen Themen des Romans - Armut, Wohnungspolitik, Rassismus und Polizeigewalt - treten drastisch hervor, ohne dass Melo sie aktiv benennen muss. Sie bilden den Rahmen, den Stoff, sind in jede Figur und jedes Schicksal eingewoben. Doch da ist auch Hoffnung, kleine Gesten der (Mit-)Menschlichkeit, die Patrícia Melo uns wie Strohhälme reicht, um beim Lesen nicht in Wut und Verzweiflung zu ertrinken. Tula, die aus einem besetzten Haus ein Zuhause macht und es gegen die Räumung durch die Militärpolizei zu verteidigen versucht, Rita, die Journalistin, die an der Seite der Armen gegen Korruption und Polizeigewalt kämpft, oder Douglas, der die "Religion der kleinen Güte" lebt. "Ein brasilianisches Les Misérables" sagt der Literaturblog "Digestivo Cultural", und aus Berliner Perspektive auch ein bisschen Blick in die Zukunft einer Stadt, in der das Wohnen immer teurer, die Verdrängung immer offensiver und die soziale Kälte immer eisiger werden.
25. Feb.Feb 25, 2024
Die Stadt der Anderenby Patrícia MeloUnionsverlag

