22. Jan.
Rating:4

“Mein Vaterland” von Christian E. Weißgerber ist ein Selbstportrait eines Ex-Nazis, der seine Vergangenheit aufarbeitet und der Allgemeinheit zugänglich macht. Zu Beginn zeigt sich aus welchen Verhältnissen Weißgerber stammt. Man hat den Eindruck vom typischen Klischee. Etwas ärmere Verhältnisse, keine liebevolle Familienidylle mit strengem Vater und dessen Gewaltausbrüchen. Man könnte meinen sein “Absturz” ist mehr oder weniger vorprogrammiert. Jetzt kommt aber das, was einige nicht wahrhaben möchten: Der Autor ist zumindest was die Bildung anbelangt nicht gerade im Klischee. Weißgerber zeigt nämlich auf, dass man auch als Gymnasiast in die Neonazischiene rutschen kann. Vielleicht auch durch die im Buch erwähnte “Matheelite” und das er durch Klassenkameraden in den Kreis kam. Relativ am Anfang merkt er auch an, dass ihm das fehlende intakte Familienleben durchaus mit einen Grund für den Abrutsch geliefert haben könnte. Die Szene und deren Kameraden als Familienersatz. Passend und für wahrscheinlich viele der Grund sich der Szene anzuschließen. Im Großen und Ganzen reflektiert er sein Erwachsen werden, seine Handlungen und Entscheidungen. Das Ganze passiert allerdings ziemlich hochgestochen. Man hätte es auch Alles etwas einfacher formulieren können, dann würde das Buch auch ein breiteres Spektrum an Lesern ansprechen können. Jetzt ist es eher so: Interessant, aber stellenweise langweilig aufgearbeitet. Man bleibt zwar dran, aber man beendet das Buch nicht unbedingt mit einem “Aha, dass war mir jetzt neu” – Moment. Es wird allerdings, meiner Meinung nach, keinen “Betroffenen” zum Umdenken bewegen. Denn ich glaube, auch wenn der Autor eine solches Buch hätte damals lesen müssen/ können, hätte er gesagt: “Aha.” Anschließend wäre es vermutlich in der nächsten Ecke gelandet und er wäre trotzdem den Weg gegangen den er eingeschlagen hat. Das Umdenken kann man (es kann durchaus sein, dass ich mich irre) nicht mit einem Buch herbei führen. Es passiert durch einen Schlüsselmoment, wie ihn ja auch der Autor in Jena hatte. Neonazismus ist auch nicht abhängig von der Intelligenz, sondern wie man hier sehr schön sehen kann, vom Umfeld und ja, wie der Autor sagt, man trifft die Entscheidung bewusst. Ich hatte eher damit gerechnet, dass das Buch Weißgerbers Geschichte vielleicht nicht so monoton und nüchtern erzählt, sondern etwas lebhafter. Es zeigt sich auch, dass Weißgerber eher Strippenzieher wahr und meist andere machen ließ. Er reflektiert sich selbst ganz gut, allerdings fehlt mir stellenweise die Reue an den veranstalteten Aktionen. Das ist allerdings mein Eindruck. Fazit Mal ein interessanter Einblick, der allerdings eher an eine wissenschaftliche Arbeit erinnert. Ganz am Ende kann ich irgendwie nicht wirklich sagen, was ich von diesem Buch halten soll. Es gab ein paar interessante Hintergrundinfos, aber noch lebloseres habe ich selten gelesen. Außerdem wird dieses Buch diejenigen die es betrifft, wahrscheinlich nicht bekehren. Absolute Geschmackssache.

Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war
Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi warby Christian E. WeißgerberOrell Füssli Verlag