28. Sept.
Rating:4

Die arabische Prinzessin Salme flüchtet im 19. Jahrhundert von Sansibar, um den Kaufmann Heinrich Ruete zu heiraten. Fortan nennt sie sich Emily. Sie zieht mit Heinrich nach Hamburg, bekommt in rascher Folge drei Kinder, doch Heinrich kommt kurz nach der Geburt des jüngsten Kindes bei einem Unfall ums Leben. Fortan muss Emily sich in Deutschland durchkämpfen. Zeit ihres Lebens versucht sie, eine Versöhnung mit ihren Brüdern zu erreichen, die nacheinander als Sultan in Sansibar herrschen. Das Leben von Emilys Kindern Antonie, Said und Rosalie ist geprägt durch die Zerrissenheit zwischen den Kulturen im Kolonialzeitalter und während der Weltkriege. Lukas Hartmanns Buch war ganz anders, als ich es erwartet habe. Es handelt sich nicht um einen chronologischen historischen Roman, vielmehr erinnern sich Emily Ruetes Kinder an ihr Leben mit ihrer Mutter und daran, wie ihr eigener Werdegang von dieser geprägt war. Dabei springt Hartmann zwischen den Zeiten und den Erzählperspektiven, alle drei Geschwister kommen zu Wort. Aber auch die Ereignisse vor ihrer Geburt, das Kennenlernen von Salme und Heinrich, ihre Flucht und die erste Zeit in Deutschland werden in Rückblenden erzählt. Ich habe das Buch damit mehr als Biografie als als Roman empfunden, obwohl Hartmann um die bekannten Fakten herum die Geschichte natürlich nach seiner Auslegung erzählt. Besonders interessant ist Emilys Sohn Said, der sich später Rudolph Said-Ruete nannte, denn er war mit allen drei großen Buchreligionen verbunden: seine Mutter als Muslima geboren, er selbst als Christ, seine Ehefrau war Jüdin. Er hat sich stets um eine Versöhnung der Völker bemüht und ich dachte bei der Lektüre mehrfach, wie sehr es ihn geschmerzt hätte, wenn der den Nahostkonflikt in seiner heutigen Form noch miterlebt hätte. Am spannendsten ist aber natürlich Emilys bzw. Salmes Geschichte, man stelle sich das vor, eine orientalische Prinzessin, die mit einem deutschen Christen durchbrennt. Allerdings war ihr Schicksal nicht nur wegen des frühen Todes ihres Mannes sehr traurig, es wird immer wieder deutlich, wie sehr sie sich nach ihrer Heimat sehnte, wie schwierig das Leben in Deutschland für sie war und wie sehr sie unter der Zurückweisung durch ihre Familie litt. Ein lesenswertes Buch. Ich überlege, auch Emily Ruetes Memoiren zu lesen.

Abschied von Sansibar
Abschied von Sansibarby Lukas HartmannDiogenes