24. Nov.
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Im sechzehnten Jahr seiner Regierung reiste Amurath im ersten Zug von Matodi nach Debra Dowa, begleitet von Delegierten Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und der Vereinigten Staaten, von seiner Tochter und Erbin und von deren Gatten, während in einem Viehwagen dahinter ein Dutzend oder mehr uneheliche Kinder folgten. In einem anderen Waggon saßen die Geistlichen der verschiedenen Kirchen Azanias, in noch einem anderen die Araberscheichs von der Küste, der oberste Häuptling der Wanda und ein einäugiger, verrunzelter alter Neger, der Vertreter der Sakuyu. Den Zug schmückten Fähnchen, Federn und Blumen; er pfiff ununterbrochen von der Küste bis zur Hauptstadt; ein Aufgebot der Miliz säumen die Linie; ein jüdischer Nihilist aus Berlin warf eine Bombe, die aber nicht explodierte; Funken aus der Lokomotive entfachten mehrere schwere Buschbrände. In Debra Dowa nahm Amurath die Glückwünsche der zivilisierten Welt entgegen, erhob den französischen Erbauer in den azanischen Adelsstand und machte ihn zum Marquis. - Zitat, Seiten 14, 15 Dieser Roman von 1932, aus der Feder des britischen Autoren Evelyn Waugh, entstand nach einem Aufenthalt desselben in Ost- und Zentralafrika. Wie man seinem Vorwort von 1962 entnehmen kann, ist der Schauplatz des Romans "eine Mischung aus mehreren Ländern, die ich in der Phantasie in eins zusammengezogen habe." Obwohl eine "gewisse Ähnlichkeit" der fiktiven Stadt Debra Dowa mit Addis Abeba von 1930 nicht anspricht, verneint er auch nur die geringste Ähnlichkeit zwischen dem fiktiven Herrscher Seth und Haile Selassie, dem letzten Kaiser von Äthiopien (1930-1974). Vielleicht stellt er diese unübersehbaren Übereinstimmungen deshalb in Abrede, weil es zur Zeit der Niederschrift dieser bitterbösen Satire unmöglich erschien, in Worten des Autors sogar "anachronistisch, anzunehmen, irgendein Teil von Afrika könne jemals unabhängig von europäischer Herrschaft werden." Gerade aber dieser historische Aspekt, der sich dieser Geschichte als Korrektiv anbietet, macht diesen Roman, unabhängig von seinem hohen Unterhaltungswert, lesenswert für die heutige Leserschaft. Doch um was geht es denn in Schwarzes Unheil (Black Mischief)? Der junge und in Europa gebildete Seth hat eben die Herrschaft in seiner Heimat, dem Inselkönigreich Azania übernommen. Die Neuigkeiten der Machtübernahme lösen nur geringes Interesse in der westlichen Welt aus, doch ein Mann ist sofort von den Möglichkeiten des aufstrebenden Landes überzeugt: der Londoner Basil Seal, der in den fernen Kontinent aufbricht und dort schon bald eine führende Position im Amt für Modernisierung inne hat. Alles scheint wie geschmiert zu laufen, doch weder Opposition noch Korruption schlafen, und als der Kaiser die "moderne Geburtenkontrolle" einführen will, löst er damit unkontrollierbare Konsequenzen aus... Der Stil dieses Romans ist absolut satirisch, oft zynisch und unverschämt witzig. Das Vokabular ist allerdings klar der Zeit und auch der Überzeugung des Schriftstellers angepasst, rassistische Begriffe müssen aushaltbar sein und selbst eingeordnet werden. FAZIT Diese Geschichte ist provokant, unverschämt, unglaublich witzig und pointiert geschrieben. Evelyn Waugh hatte großartiges Talent für die gesellschaftliche Satire und für dieses Buch hat er sogar die Illustrationen geliefert. Mit dem Ende seines Kaisers hat er sogar ein wenig prophetisches Gespür bewiesen, auch wenn er das Schicksal des letzten Kaisers von Äthiopien nicht in Gänze verfolgen konnte, da er 1966 verstarb. Unbedingt lesenswert.

Schwarzes Unheil
Schwarzes Unheilby Evelyn WaughDiogenes