27. März
Mit sanfter Gewalt ins Herz gelesen
Rating:5

Mit sanfter Gewalt ins Herz gelesen

Carson McCullers hat mich mit diesem Roman vollständig aus meiner Gegenwart gerissen und in eine andere Zeit versetzt – eine Zeit, die rau, staubig und voller unausgesprochener Sehnsüchte ist. Von der ersten Seite an entfaltet sich eine Atmosphäre, die einen nicht mehr loslässt. Ich war tatsächlich bis zur letzten Zeile im Bann dieser Figuren, die so viel Schwermut in sich tragen und dennoch eine stille Würde bewahren, die man nur schwer vergisst. Ironischerweise bin ich überhaupt nur zu diesem Buch gekommen, weil ich in einen feministischen Buchklub hineingezwungen wurde – ein Schicksal, gegen das ich mich anfangs mit einer fast sportlichen Vehemenz gewehrt habe. Doch ausgerechnet dieses „Zwangslesen“ hat sich als eine der größten Bereicherungen der letzten Zeit entpuppt. Manchmal führt einen das Leben eben mit sanfter Gewalt genau dorthin, wo man hingehört. Und weil ich das Erlebnis noch intensiver wollte, habe ich mir ganz bewusst eine alte Ausgabe des Verlags Volk und Welt ausgesucht – als sollte mich schon das Papier selbst in die Dreißigerjahre zurückkatapultieren. McCullers gelingt etwas Seltenes: Sie zeigt Menschen, die einsam sind, obwohl sie nebeneinander leben. Menschen, die sich nach Nähe sehnen und doch kaum Worte dafür finden. Und gerade deshalb schließt man sie alle ins Herz. Besonders Biff hat mich tief berührt – seine stille Beobachtungsgabe, seine Menschlichkeit, sein Versuch, inmitten all der Verlorenheit ein Ankerpunkt zu sein. Vielleicht konnte ich mich gerade deshalb so stark in ihn hineinversetzen, weil ich selbst jahrelang Menschen begleitet habe, die täglich kamen und mir ihre Geschichten anvertraut haben. In ihm steckt eine Wärme, die nicht laut wird, aber lange nachhallt. Dass im Roman mehrfach das N‑Wort auftaucht, hat mich anfangs erschreckt und irritiert. McCullers verwendet jedoch nicht nur diesen Begriff, sondern auch zeittypische Bezeichnungen wie „farbige“ oder „schwarze Menschen“ – und an einzelnen Stellen sogar die damals gängige, heute vollkommen inakzeptable rassistische Beleidigung, die ich hier bewusst nicht ausschreibe. Mit der Zeit wurde mir klar, dass die Autorin diese Sprache nicht reproduziert, um zu verletzen, sondern um die gesellschaftliche Realität der 1930er‑Jahre ungeschönt abzubilden. Gerade diese sprachliche Härte macht sichtbar, wie tief Rassismus in den Alltag eingewoben war – und verleiht dem Roman eine historische Authentizität, die zugleich verstört und aufklärt. Besonders faszinierend ist die subtile Art und Weise, wie McCullers Raum für Interpretationen lässt, wenn es um die Identität ihrer Figuren geht. Zwischen den Zeilen öffnen sich immer wieder Andeutungen, Blicke, Gesten und unausgesprochene Sehnsüchte, die nahelegen, dass mehrere Charaktere queer sein könnten. Die Autorin zwingt einen nie zu einer eindeutigen Lesart – sie lässt vielmehr genügend Freiraum, um die leisen emotionalen Spannungen selbst zu deuten. Diese Offenheit macht den Roman nicht nur zeitlos, sondern auch erstaunlich modern. Gerade im Vergleich zur heutigen Literatur fällt auf, wie wohltuend diese Freiheit ist. Heute hat man oft das Gefühl, dass jede Identität, jede Emotion, jede Nuance ein eigenes Label, eine eigene Erklärung, manchmal sogar eine eigene Begriffswelt braucht. Vieles wird benannt, bevor es überhaupt gefühlt werden kann – als würde man dem Leser die Kreativität nicht zutrauen und ihn stattdessen in ein enges Raster zwingen. McCullers hingegen vertraut darauf, dass ihre Leser zwischen den Zeilen lesen können. Sie lässt Leerstellen, die nicht verunsichern, sondern befreien. Das Herz ist ein einsamer Jäger ist ein Roman voller Traurigkeit, aber auch voller Zärtlichkeit. Ein Buch, das nicht nur erzählt, sondern spürbar macht – Einsamkeit, Sehnsucht, Verlorenheit und die leisen Versuche, dennoch miteinander in Verbindung zu treten. Es ist eines dieser Werke, die man nicht einfach liest, sondern erlebt. Und vielleicht ist das das Schönste an diesem Buch: dass es einen nicht nur in eine andere Zeit versetzt, sondern einen auch ein Stück weit verändert zurücklässt – stiller, wacher, empfänglicher für die leisen Töne im eigenen Leben. Manche Bücher liest man, andere begleiten einen. Dieses hier bleibt.

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
9. Jan.
Rating:4

In Benedict Wells fantastischen Buch „Vom Ende der Einsamkeit“ empfiehlt die Protagonistin Alva immer wieder Jules ihr Lieblingsbuch „Das Herz ist ein einsamer Jäger“. Deshalb habe ich es gelesen. Es ist anders als alles andere was ich bisher gelesen habe, gerade dadurch so interessant. Die Einsamkeit verschiedenster Charaktere im Süden der Vereinigten Statten im düsteren Hintergrund der Wirtschaftskrise verbinden sich über einen gemeinsamen taubstummen Freund. Der Rassismus gegen die schwarze Bevölkerung und parallel der Rassismus der Nazis in Europa werden immer wieder in Verbindung gebracht. Es ist ein Porträt einer Welt aus amerikanischer Sicht in die ich vorher keinen Einblick hatte. Erschreckend sind die Parallelen zur heutigen Zeit. Es ist sehr hart, das sollte man wissen, bevor man es anfängt zu lesen. Triggerwarnung: Rassismus und Gewalt, Suizid

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
9. Jan.
Rating:4

Eine Kleinstadt in den Südstaaten der USA, Ende der dreissiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, ausgebrannte Fabrikarbeiter, alltägliche Rassenunterschiede. Dies ist der Rahmen der Geschichten um die fünf Hauptpersonen. Dies sind Mick, ein vierzehnjähriges Mädchen, das für sein Alter zu groß ist, Dr. Benedict Mady Copeland, ein schwarzer Arzt, der sich um die Ärmsten kümmert und von der Aufwertung der schwarzen Rasse träumt, Jake Blount, ein streit- und trinkfester Kämpfer für die Rechte der Arbeiterklasse, und schließlich Biff Brannon, der Besitzer des New York Cafe. Das Zentrum dieser Geschichten ist eine weitere Figur, John Singer, ein taubstummer Weißer, der für die meisten der Hauptfiguren ein mystischer Vertrauter wird. Die Stimmung des Buches ist sehr intensiv. Man spürt das Flimmern der Luft, den Geruch nach Schmutz und Armut, die Verzweiflung. Besonders die Figuren von Mick und John Singer machen das Buch lesenswert.

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
1. Jan.
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Rating:5

📻 In der Gegenwart des taubstummen Mr. Singer fühlen sie sich alle wohl: Mick, das Mädchen, das voller Musik ist und im Roman den Wandel vom Kind zum Teenager durchlebt; Antonapoulus, sein selbstverliebter, übergewichtiger, taubstummer Freund; Jake, ein manischer Alkoholiker, den die Unwissenheit der Menschen umtreibt; Dr. Copeland, der unermüdliche afroamerikanische Arzt, der sich bis zur Erschöpfung für seine Patienten einsetzt. Die Autorin nimmt die in den Blick, über die für gewöhnlich hinweggesehen wird, weil sie nicht ins Narrativ der Erfolgreichen in Amerika passen. Alle Protagonisten sind auf der Suche nach Zugehörigkeit. Besonders Micks Schilderungen haben mich sehr angerührt. Die Autorin liebt jede Person ihrer Geschichte und ein warmherziger Unterton trägt einen durch die Traurigkeit der Geschichte. Eine eingehende Autorin, ein tolles Buch: 💜💜💜💜💜!

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
28. Dez.
Rating:3.5

Ich stehe diesem Buch mit gemischten Gefühlen gegenüber. Rein objektiv ist dieses Buch meiner Meinung nach ein Meisterwerk. Dieses Buch hat zwar weder einen großartigen Spannungsbogen, noch Arbeitet dieses Buch auf ein bestimmtes Ende hin, weswegen es mir schwergefallen ist dieses Buch zu Ende zu lesen. Allerdings liegt genau da auch die Genialität dieses Buches. Es ist vielmehr die Grundunruhe und Niedergeschlagenheit, die Hoffnungslosigkeit und Frustration über die Unwichtigkeit des Einzelnen der Protagonist:innen, die sich durch die Art der Erzählung auch in den jeweiligen Leser:innen breitmacht.

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
14. Juli
Wollte heute Morgen 3 Sterne geben und dann ist was komisches passiert…
Rating:4

Wollte heute Morgen 3 Sterne geben und dann ist was komisches passiert…

… den gesamten Tag über, bin ich gedanklich immer wieder aufs Buch gekommen. Aber nicht so, dass ich groß darüber nachgedacht hätte, sondern ich hatte plötzlich das Gefühl, als würde ich es gerade noch lesen. Weiß nicht, ob es ein Wort für emotionalen Nachklang gibt, wie emotionale Muskelkater vom Lesen. Das ist umso spannender, weil mich das Buch nicht umgeworfen hat. Es war gut, ich habe das lesen sehr genossen, es hat mich auch berührt, aber es hat mich nicht begeistert wie andere Bücher. In jedem Fall gibt’s jetzt 4 Sterne, weils doch Spuren hinterlassen hat. Und was man schon sagen kann: die Autorin versteht definitiv, was Einsamkeit ist.

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
21. Dez.
Rating:4

Dieses Buch wurde in "Die Tote im Wanderzirkus" erwähnt und seither stand es auf meiner Liste jener Bücher, die ich unbedingt auch lesen möchte. Wills Geschmack, was Literatur betrifft, ist auf jeden Fall nicht zu verachten. Die unterschiedlichen Charaktere, aus deren Sicht wir die Geschichte erleben, sind alle durch und durch menschlich. Sie bewegen sich in jenen Graubereichen, die uns zu denen machen, die wir sind. Deshalb herrscht hier auch kaum Verwechslungsgefahr, sie alle könnten in der einen oder anderen Version ihrer selbst in meiner Nachbarschaft leben. Dabei bringt die junge Autorin auch für uns noch immer bewegende Themen ins Spiel: Rassismus, Suchtverhalten, Ableismus. Was für mich aber am Eindrücklichsten war, ist das Gefühl, das McCullers einbringt. Obwohl schlicht geschrieben, zieht sich ein tiefes Empfinden durch den gesamten Text. Eine Liebe, Zuwendung und Einheit. Sie akzeptiert ihre Figuren so wie sind und redet sie auch nicht schön. Nur John Singer bleibt dezent im Hintergrund und zieht genau deswegen alle an. Wie eine ruhige, in sich ruhende Sonne. Doch keiner fragt je, wie er sich fühlt... Er dient als Projektionsfläche für den Kummer und die Sorgen anderer. Er hat mein tiefstes Mitgefühl und ich hätte ihn gerne kennengelernt. Die Stimmung in diesem Werk erinnert stark an "To Kill A Mockingbird" oder auch "A Tree grows in Brooklyn" und ist eine wundervolle Ergänzung auf dieser Leseliste.

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
14. Mai
Rating:5

Eine Geschichte über die Sehnsucht nach Nähe und verstanden werden. Vier einsame Menschen fühlen sich von dem einen Taubstummen endlich verstanden. McCullers schreibt so einfühlsam und nachvollziehbar die Motivation jeden einzelnen immer wieder Mr. Singer (den Taubstummen) aufzusuchen, obwohl dieser nicht einmal versteht warum sie alle zu ihm kommen. Es ist nicht wichtig verstanden zu werden, sondern das Gefühl zu haben von jemandem gesehen zu werden. Ein verwirrendes Buch, aber auf jeden Fall lesenswert.

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
14. Apr.
Rating:3

Es gibt so viele Fürs und Widers für mich bei diesem Buch, dass ich mich auf eine abschließende mittlere Bewertung festlege. Ein Klassiker, dem man auf jeden Fall mal gelesen haben sollte. Es ist der Debütroman der damals gerade knapp über 20 Jahre alten Schriftstellerin und dafür ist er wirklich schon bemerkenswert in einigen Punkten. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ein amerikanisches Buch aus den 40ern oder früher mal gelesen habe, in dem Einsamkeit, Isolation, und Sehnsüchte derart schonungslos und verstörend beschrieben werden. Das ganze Buch klingt einfach anders als bei Hemingway oder Faulkner, die auch Bücher aus den Südstaaten geschrieben haben. Vor allem ist es völlig konträr zu der Darstellung der Schwarzen und ihrer gesellschaftliche Stellung in Vom Winde verweht, was gerade mal ein paar Jahre früher geschrieben wurde. Insofern finde ich es schon beachtlich, was McCullers da vorgelegt hat und ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch zur damaligen Zeit Eindrücke beim Leser hinterlassen hat. Und damit zum Wider: für die damalige Zeit war der distanzierte Stil beachtlich, für mich hat er aber in der heutigen Zeit nicht mehr so funktioniert. Ich hätte gerne die Handlungen und Denkweisen der Protagonisten verstanden. So blieb manches oberflächlich und die Handlung plätscherte so dahin bis zum nächsten Schicksalschlag und davon gab es genug. Der Aufbau des Buchs, mit dem Taubstummen John Singer als zentrale Person, auf die alle anderen in seinem Umkreis in der Kleinstadt ihre Hoffnungen und Sehnsüchte projizieren, hat mir gut gefallen. Scheinbar zufällig kreuzen sich die Wege der Hauptpersonen im Buch immer wieder. Und trotzdem hat es mich nicht so gefesselt, wie ich es erhofft hatte.

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
23. Feb.
Rating:3

Es gibt so viele Fürs und Widers für mich bei diesem Buch, dass ich mich auf eine abschließende mittlere Bewertung festlege. Ein Klassiker, dem man auf jeden Fall mal gelesen haben sollte. Es ist der Debütroman der damals gerade knapp über 20 Jahre alten Schriftstellerin und dafür ist er wirklich schon bemerkenswert in einigen Punkten. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ein amerikanisches Buch aus den 40ern oder früher mal gelesen habe, in dem Einsamkeit, Isolation, und Sehnsüchte derart schonungslos und verstörend beschrieben werden. Das ganze Buch klingt einfach anders als bei Hemingway oder Faulkner, die auch Bücher aus den Südstaaten geschrieben haben. Vor allem ist es völlig konträr zu der Darstellung der Schwarzen und ihrer gesellschaftliche Stellung in Vom Winde verweht, was gerade mal ein paar Jahre früher geschrieben wurde. Insofern finde ich es schon beachtlich, was McCullers da vorgelegt hat und ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch zur damaligen Zeit Eindrücke beim Leser hinterlassen hat. Und damit zum Wider: für die damalige Zeit war der distanzierte Stil beachtlich, für mich hat er aber in der heutigen Zeit nicht mehr so funktioniert. Ich hätte gerne die Handlungen und Denkweisen der Protagonisten verstanden. So blieb manches oberflächlich und die Handlung plätscherte so dahin bis zum nächsten Schicksalschlag und davon gab es genug. Der Aufbau des Buchs, mit dem Taubstummen John Singer als zentrale Person, auf die alle anderen in seinem Umkreis in der Kleinstadt ihre Hoffnungen und Sehnsüchte projizieren, hat mir gut gefallen. Scheinbar zufällig kreuzen sich die Wege der Hauptpersonen im Buch immer wieder. Und trotzdem hat es mich nicht so gefesselt, wie ich es erhofft hatte.

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
18. Jan.
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Rating:3

TW: Ableismus, Rassismus Dies ist ein Buch über Außenseiter*innen. Über Menschen, die einsam sind und zusätzlich mit Armut, Alkoholismus oder Rassismus zu kämpfen haben, die sich allesamt mehr vom Leben erhofft haben - Liebe, Kunst, Familie, Gerechtigkeit oder den Niedergang des Kapitalismus. Die Fäden dieser unterschiedlichen Menschen laufen zusammen bei dem als "taubstumm" benannten John Singer. Dieser wird von den anderen Figuren als Gefäß genutzt, in das sie all ihre Sorgen und Gedanken hineinschütten. Da Singer hervorragend Lippenlesen kann, aber nicht selbst spricht, projizieren die anderen alles mögliche in ihn hinein - vor allem, dass er ein verständnisvoller Zuhörer und enger Vertrauter von ihnen sei. Was sie dabei nicht ahnen und auch nicht erfragen, ist sein tatsächliches Wohlbefinden und Seelenleben. So wissen nur die Lesenden, dass er sich selbst einsam und unverstanden fühlt. Manche Charaktere des Buchs sind mir ans Herz gewachsen, so wie z.B. Portia, die sich stets zurücknimmt und selbst mit den schwierigsten Figuren versucht, eine Harmonie herzustellen. Auch versteht die Autorin es, die verschiedenen Facetten von Einsamkeit und sehr charakteristische Figuren zu zeichnen. Die Realität der Protagonist*innen ist geprägt von Armut, Polizeigewalt und vielen anderen Widrigkeiten des Lebens. Allerdings hat mir insbesondere die rassistische Sprache sehr die Lust am Lesen genommen, da das N-Wort allgegenwärtig ist und bereits im ersten Kapitel rassistische Klischees und Fatshaming betrieben wird. Das Buch wurde 1940 geschrieben und ich habe den Eindruck, dass McCullers FÜR Menschen schreibt, die von Diskriminierungen und Ausgrenzungen betroffen sind. Dass sie auf Missstände aufmerksam machen möchte und aufzeigt, wo Empathie fehlt. Jedoch war mir die Reproduktion von schädlichen Bildern manchmal zu arg und insbesondere beim N-Wort glaube ich nicht, dass das in der Form für die Geschichte nötig ist - und sehe hier klar die Verantwortung bei der Übersetzung/dem Verlag. Daher würde ich das Buch nur bedingt empfehlen, es hat zumindest meinen Lesefluss schon beeinträchtigt. Übersetzt von Susanna Rademacher. CN: Ableismus, Rassismus, Antisemitismus, Armut, Fatshaming, N-Wort, Alkohol, Selbstverletztendes Verhalten, Sexismus, I-Wort, Tod, Krankheit, Mord, Suizid, Polizeigewalt

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes
28. Sept.
Rating:4

Eine kleine Stadt in den amerikanischen Südstaaten in den 30er Jahren. In einer lokalen Kneipe treffen fünf sehr verschiedene Menschen aufeinander. Der Gastwirt Biff verliert unerwartet seine Frau. Sein Kunde und Neuankömmling in der Stadt, Jake Blount, ist überzeugter Kommunist und auf der vergeblichen Suche nach Mitstreitern. Dr. Copeland ist eine Seltenheit in der Stadt, ein schwarzer Intellektueller, der sich durch seine Härte und seine Erwartungshaltung gegenüber seiner Familie von dieser entfremdet hat. Mick ist die jüngste unter den Protagonisten, die Dreizehnjährige muss meistens ihre jüngeren Geschwister hüten, nutzt aber jede freie Minute, um sich ihrer heimlichen Leidenschaft zu widmen: der Musik. Und dann ist da noch John Singer, der Taubstumme, dessen ebenfalls taubstummer Mitbewohner kürzlich aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten in ein Sanatorium gebracht wurde. Sie alle eint ein wesentlicher Zustand: der der Einsamkeit. Carson McCullers Debütroman aus dem Jahre 1940 beginnt langsam, träge, man meint, die Südstaatenhitze förmlich zu spüren. Sie lässt sich Zeit damit, ihre Hauptpersonen einzuführen, wofür der Leser jedoch mit vielschichtigen, interessanten Charakteren belohnt wird. Von allen diesen Charakteren wird die junge Mick vielleicht am stärksten herausgearbeitet. Die Beschreibung ihrer Sehnsucht nach Musik lässt echtes, großes Talent vermuten, sie bringt sich auf dem Schulklavier selbst das Spielen bei, versucht, sich selbst eine Gitarre zu bauen und scheut sich nicht davor, abends im Dunkeln im Vorgarten der Nachbarn Radiokonzerte, die diese sich anhören, mitzuhören. Carson McCullers bedient sich bei der Beschreibung ihrer Charaktere einer wirklich wunderbaren, mitreißenden Sprache. Folgender Satz ist bezeichnend: „Wonderful music like this was the worst hurt there could be. The whole world was this symphony, and there was not enough of her to listen.“ (S. 116/117) Mick ist wohl der zugänglichste der Charaktere, vor allem für junge Leser. Die Aussichtslosigkeit ihrer Situation, das Wissen, dass sie niemals ihre Liebe zur Musik so ausleben können wird, wie sie sollte, hat mich ganz besonders berührt. Alle weiteren vier Charaktere sind auf ihre eigene Weise einsam, ich fühlte mich ein bisschen an den Kurzgeschichtenband „Eleven Kinds of Loneliness“ von Richard Yates erinnert, der sich desselben Themas annimmt. Mick, Biff, Dr. Copeland und Blount besuchen regelmäßig den fünften Protagonisten, Singer, der sich als Taubstummer als besonders guter Zuhörer erweist, bei dem alle auf Verständnis stoßen und der ihnen die Einsamkeit ein wenig nimmt. Dabei vergessen sie jedoch Singers eigenen Kummer, seine Einsamkeit und die Sehnsucht nach dem einen Freund, der wiederum ihn verstand und der ihm genommen wurde. So ist Singer am Ende die einsamste Figur von allen. Nach dem etwas zähen Beginn habe ich die letzten 100 Seiten des etwa 350 Seiten umfassenden Werks in einem Rutsch heruntergelesen, die Dialoge wurden intensiver, mein persönliches Highlight ist ein Streitgespräch zwischen dem Kommunisten Jake Blount und dem für die Rechte der Schwarzen einstehenden Dr. Copeland. Wie McCullers dies im zarten Alter von 23 Jahren schreiben konnte, fabelhaft. Nicht gänzlich unerwähnt lassen kann ich, dass es (wenige) Stellen in dem Buch gibt, die auf mich als Schwarzen gegenüber gönnerhaft oder sogar rassistisch gewirkt haben, mir ist jedoch klar, dass diese typisch für ihre Zeit sind und als solche rezipiert werden müssen.

Das Herz ist ein einsamer Jäger
Das Herz ist ein einsamer Jägerby Carson McCullersDiogenes