15. Apr.
Rating:5

Der Prototyp

Nicht, dass ich ein Anhänger irgendwelcher Kategorisierungen wäre. Nein, im Gegenteil. Schon immer empfinde ich diese zwanghafte Penetranz der Verlage, jedem Buch einen Genre-Stempel aufzudrücken, eher als Ausdruck ihrer eigenen anachronistischen Rigidität. Aber bei Ian McEwans „Solar“ fragt man sich dann doch schon mal, was ist das eigentlich? Obwohl der Autor sich profunde Kenntnisse in Wind- und Solarenergie erworben hat und diese auch zielsicher und kompetent einfliessen lässt, ist es sicher kein Sachbuch. Es geht um ein (Liebes)Paar, eine Schwangerschaft und um fünf gescheiterte Ehen, aber es ist sicher kein Liebesroman. Es geht um einen Frauenheld mit einigen amourösen Eskapaden, aber ein erotischer Roman ist es auch nicht. Obwohl das Ableben eines Protagonisten durch stumpfe Gewalteinwirkung mit Todesfolge eine zentrale Rolle spielt, ist es sicher kein Kriminalroman. Ich verzichte auf weitere Analogien. Eigentlich geht es in erster Linie um Michael Beard. Er ist die zentrale Romanfigur, um die sich die gesamte Handlung rankt und die McEwan mit erzählerischer Leichtigkeit und viel Humor aufbaut. Aber dennoch reisst der Autor diesem hochgelobten Physiker Beard als stereotypem Inbegriff eines karrieresüchtigen Akademikers - stellvertretend für alle (vor allem männliche) Vertreter seiner Gattung - die schnöde Maske der Ehrenhaftigkeit vom Gesicht. Einmal in seinem Leben hat er eine wissenschaftlich herausragende Leistung vollbracht und zehrt den Rest seines Lebens vom Beard-Einstein-Theorem. Weil das Nobelpreis-Komitee in Schweden sich nicht zwischen zwei anderen Kandidaten entscheiden konnte, wurde Beard der Preis sozusagen als Notlösung verliehen, was als unaufhaltsamer Karriere-Impuls für den Rest des Lebens genügte. Einladungen zu Kongressen aller Art waren garantiert, hoch dotierte Vorträge waren willkommen, die Zugehörigkeiten zu Expertengremien schier unüberschaubar. Wie so viele reale promovierte und habilitierte Akademiker nutzt die Romanfigur Beard das Prestige, um als evolutionäres Alpha-Tier in rascher Folge wahllose und flüchtige Bekanntschaften in seinem weiblichen Umfeld zu erobern, scheinbar als Zeichen seiner maskulinen Größe, aber de facto eigentlich zur immer wiederkehrenden Therapie seines schwachen Selbstwertgefühls. Und als sich die Chance ergibt, schmückt man sich skrupellos mit fremden Lorbeeren. Willkommen im Sumpf der Krokodile. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass der Literaturwissenschaftler Ian McEwan dank seines universitären Lebenslaufs und ganz viel literarischem Talent nicht nur einen absolut lesenswerten Schreibstil hat, sondern - wie auch der Rezensent - mit den soziologischen Verhaltensweisen in akademischen Kreisen bestens vertraut ist. Somit ist „Solar“ am ehesten zeitgenössische Literatur mit einem ganz hervorragenden Stil und mit vielen gesellschaftlichen Einblicken, präsentiert am Prototyp Michel Beard, einem Wissenschaftler, Menschen und Mann.

Solar
Solarby Ian McEwanDiogenes
6. Aug.
Rating:4

Michael Beard ist Mitte 50, Physiknobelpreisträger, übergewichtig und ein Frauenheld, der sein Privatleben nicht im Griff hat. 5 Ehen hat er schon in den Sand gesetzt und trotz aller möglicher Symptome macht er einen Bogen um seinen Arzt. Beruflich war er überzeugt und begeistert von Windenergie, hat ein entsprechendes Institut gegründet um den Klimawandel mit Hilfe von Windenergie verzögern zu können. Aber eigentlich ist sein wissenschaftliches Feuer schon lange erloschen und Michael Beard versucht sich irgendwie durchs Leben zu lavieren und dabei möglichst viel zu genießen. Exzessives Essen, Alkohol, Sex. Sein junger wissenschaftlicher Mitarbeiter hingegen ist ein begeisterter Forscher, der überzeugt davon ist, dass Sonnenenergie der Weg sei, den die Menschheit braucht. Sein junger Mitarbeiter ist aber auch in die Frau von Prof Beard verliebt und eines Tages geschieht ein Unfall.... Das Buch ist witzig, es ist spannend (hat auch Krimi-Anteile), man lernt viel über die Anfänge der Nutzung der Solarenergie und bekommt eine Vorstellung davon, welche unterschiedlichen Interessen jeder neuen Entwicklung im Weg stehen. Am meisten aber mochte ich wieder (wie immer bei Ian McEwan) die Beschreibung der Charaktere. Es ist vielleicht nicht sein bestes Buch, aber ein sehr gutes ist es allemal!

Solar
Solarby Ian McEwanDiogenes
8. März
Rating:5

Amüsant, schockierend, gut recherchiert. Wir lesen über den fiktiven Nobelpreisträger und Lebemann Michael Beard, der von Altruismus oder wissenschaftlichem Egoismus getrieben versucht, emissionsfreie Energie aus der Sonne zu gewinnen und zu vermarkten. Beard ist ein Chaot und Anti-Held, dessen lasterhafter Lebensstil als Spiegelbild der Menschheit in Bezug auf fossile Energien gesehen werden kann. Wir wissen, dass wir uns ändern sollten, aber es ist ja so anstrengend…

Solar
Solarby Ian McEwanDiogenes
29. Sept.
Ein Roman den man gut flüssig lesen kann.
Rating:4

Ein Roman den man gut flüssig lesen kann.

Am Anfang fand ich es sehr Wissenschaftlich und wollte schon aufhören zu lesen, doch dann lernte ich immer mehr den unsympathischen Nobelpreisträger Michael Beard kennen und nahm an seinem bewegten Liebesleben teil. Im ersten Teil des Buches, stolpert Beard von einer Katastrophe in die nächste, so das ich manchmal an Mr. Bean gedacht habe. Zitat:" Eleanor, seine dritte Frau, hatte einmal zwischen den Seiten einer wertvollen Erstausgabe einen vertrockneten Streifen Frühstücksspeck entdeckt, den er als Lesezeichen benutzt hatte." Die Situationen waren teilweise so skurril, das er mir schon fast leid tat. Mc Ewan spricht einige Probleme der Gesellschaft an und das nicht nur den Klimawandel, auch Gleichberechtigung ist ein Thema. Das Ende hat einige Überraschungen parat und lässt Freiraum für Spekulationen. Es ist nicht rasant oder spannend geschrieben, dennoch passiert soviel, das man auf jedenfall an der Geschichte dran bleiben möchte. Ein Pinkt hat mich gestört, es gibt keine Kapitel und das war für mich ungewöhnlich. Eine fantastische Geschichte um einen (un)sympathischen, Übergewichtigen und tollpatschigen Genies. Achja und man lernt einiges über Photovoltaik und Photovoltaikanlagen. Eine klare Empfehlung von mir ⭐️⭐️⭐️⭐️

Solar
Solarby Ian McEwanDiogenes
8. Feb.
Rating:3

Ganz knappe 3 Sterne muss ich schon geben - ich mochte den Protagonisten nicht (wie auch?), wohl aber den Schreibstil. Trotzdem führte die Geschichte nirgendwo so richtig hin. Das Ende war dann offen - was an und für sich nicht schlimm ist, in diesem Fall aber doch sehr abrupt war. Gut, was soll man noch hinzufügen - aber der Abschluss war trotzdem der Grund warum ich mich fast schwer tue, den dritten Stern anzuklicken.

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Solarby Ian McEwanDiogenes