9. Mai
Rating:4

"Die Vergangenheit bereue ich. Die Gegenwart bestraft mich. Die Zukunft erschreckt mich." Was eigentlich die Inschrift eines traurigen Soldaten in der Wirtschaft von dem kleinen schweizer Dorf Pradetta in den Alpen ist, trifft irgendwie auch auf die nahe Zukunft der Schweiz zu. Metropolen sind zur alles beherrschenden Metropolitane zusammengewachsen, die Rohstoffe schwinden, es muss eine Alternative her. Alesch forscht in einem Institut an genau so einem alternativen System, als ein Experiment schief läuft. Im Namen der Metropolitan-Stromgesellschaft wird er in sein altes Heimatdorf geschickt. Dort soll er die Bewohner dazu bewegen ihr Dorf aufzugeben. "Ein Ort so alt wie die ersten Worte Genesis". Vorgeblich um diese zu schützen, denn der Gletscher droht mit Steinlawinen abzugehen. Eigentlich aber um die Wasserkraft des schmelzenden Eises zur Stromgewinnung zu nutzen und die heimlichen Versuche innerhalb des Berges weiter zu vertuschen, wovon auch Alesch nichts weiß. In Pradetta angekommen trifft er nicht nur auf alte Bekannte, sondern auch auf seine Jugendliebe Annetta und auf seine Vergangenheit. Die DorfbewohnerInnen sind ihm nicht alle freundlich gesinnt. Alte Fehden werden über Generationen weitergegeben. Es "ist eine verschworene Gemeinschaft hier oben mit Durchhaltewillen, so hart wie der Granit, der sie umgibt." Doch geht dort oben auf dem Gletscher, in dem Labor der Stromgesellschaft, wirklich alles mit rechten Dingen zu? Seltsame Wetterphänomene häufen sich. Der Roman hat es mir am Anfang nicht ganz leicht gemacht, obwohl er sich sehr flüssig und gut lesen lässt. Das änderte sich im zweiten Teil, als es in das alpine Pradetta ging. Spätestens im dritten Teil wurde es dann richtig spannend und die leicht dystopische Geschichte um Klimawandel und Naturschutz hat mich doch noch gefangen genommen. Es kann gar nicht genug Fantasien zur Zukunft unserer Welt geben, um auf deren Schutzvedürftigkeit aufmerksam zu machen. "Es ist nicht die Landschaft, die bedroht ist. Sie verschwindet nicht, wir verschwinden. Die Natur hat keine Tränen, sie träumt nicht. Sie wird einfach eine andere sein."

Tal der Schwalben
Tal der Schwalbenby Seraina KoblerDiogenes
22. Apr.
Rating:4.5

Seraina Koblers Roman "Tal der Schwalben" verbindet Dystopie, Gesellschaftsroman und Thriller- sowie Steampunk-Elemente zu einem stimmigen Werk. Für mich ist dieser Roman eine positive Überraschung. Mir hat besonders gefallen, wie Seraina Kobler in nur wenigen Worten eine Schweiz der nahen Zukunft entstehen lässt, die für uns Leser*innen nachvollziehbar und in einer Weise realistisch ist, die subtilen Schrecken verbreitet. "Es ist nicht die Landschaft, die bedroht ist. Sie verschwindet nicht, wir verschwinden. Die Natur hat keine Tränen, sie träumt nicht. Sie wird einfach eine andere sein". Letztlich nimmt die Autorin unsere Gegenwart und denkt sie einfach weiter - genau das macht "Tal der Schwalben" so faszinierend. Die Auswirkungen der Klimakrise werden ebenso wie die gesellschaftlichen, (energie-) politischen und wirtschaftlichen Folgen fast beiläufig in die Geschichte eingewoben - obwohl sie zentral für die Handlung sind. Fixpunkt ist Alesch, ein junger Wissenschaftler, der in der so genannten Metropolitane gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern nach einer Lösung für die Energieversorgung der Schweiz sucht. Vor Jahren hat er seinen in den Schweizer Bergen liegenden Geburtsort Pradetta (und seine große Liebe Anette) verlassen. Nun wird er zurückgeschickt, um die restlichen Dorfbewohner*innen zu überzeugen, ebenfalls in die Metropolitane umzuziehen. Detailreich (aber zum Glück nicht ausufernd) beschreibt Seraina Kobler Pradetta, erweckt den Ort und seine Bewohner*innen zum Leben und erschafft einen Kontrast zum Leben in der Metropolitane. Ich habe mich schnell mit dem Ort und den darin lebenden Menschen identifiziert. Und so gelang es der Autorin, dass ich mit den Menschen, deren Lebensweise und mit dem Ort (!) mitfieberte. Würden sie bleiben können und der Ort weiterexistieren oder würde am Ende alles im Namen der Energieversorgung plattgemacht werden von der übermächtigen Stromgesellschaft? Diese Frage entwickelt im Verlauf der Handlung einen ganz eigenen Sog und führt zum Ende hin zu stetig steigender Spannung. Über all den Geschehnissen - so spannend sie sein mögen - schwebt immer wieder auch die Frage, was genau eigentlich Heimat ist. Diese Frage ist subtil eingearbeitet und wird - wie im echten Leben, so auch von den Romanfiguren - je nach eigenen Erfahrungen jeweils anders beantwortet. Seraina Kobler arbeitet nicht mit dem Holzhammer, sondern webt dieses Handlungselement immer wieder fast beiläufig in die Geschichte ein. Fazit: Seraina Kobler ist ein vielschichtiger, sehr lesenswerter Roman gelungen, der viele aktuelle Themen zu einer spannenden Geschichte verwoben hat. Empfehlenswert!

Tal der Schwalben
Tal der Schwalbenby Seraina KoblerDiogenes