1. Jan.
Rating:2.5

Es war sehr interessant die Familiengeschichte der Poschenrieders miterleben zu dürfen. Christoph Poschenrieder hat intensiv recherchiert und seine Leser mit auf die Reise in die Vergangenheit seiner Ahnen genommen. Dem Schreibstil war nicht schwer zu folgen blieb für mich jedoch recht sachlich. Ich hätte mir gewünscht dass die Handlung schneller voran geschritten wäre. Das Buch wäre in 100 Seiten fertig gewesen. Gleichzeitig wusste ich nicht wem ich dieses Werk Weiterempfehlung könnte. Die Generation die sich mit Ahnenforschung befasst ist oft nicht interessiert an dem Schicksal psychisch kranker Menschen. "Stell dich nicht so an" Mentalität. Und die Generation die sich sehr wohl für mental health interessiert ist definitiv nicht das Publikum für diesen objektiven Stil

Fräulein Hedwig
Fräulein Hedwigby Christoph PoschenriederDiogenes
5. Dez.
Wenn die Stille schreit
Rating:5

Wenn die Stille schreit

Schon auf den ersten Seiten fühlt sich dieses Buch an wie ein leises Grummeln im Ohr — ungefähr so, als würde jemand im Nebenzimmer einen alten Schrank aufmachen und vergessene Geschichten herausstauben. Hedwig ist keine Heldin im klassischen Sinn; sie ist eine Frau, die in den Ritzen der Zeit steckt, und genau das macht sie so elektrisierend. Christoph Poschenrieder beschreibt ihr Leben als Grundschullehrerin auf dem Land mit einer Beobachtungsgabe, die gleichzeitig zärtlich und messerscharf ist. Da ist dieses ständige Missverstehen: der Pfarrer, der Arzt, die Familie — alle haben ihre Diagnose parat, aber niemand hört wirklich zu. Das schmerzt. Und ja, manchmal muss man schlucken, weil die stille Wucht der Szenen einen erwischt, wenn man gerade denkt, man hätte den Ton erfasst. Die Sprache ist unaufgeregt, aber nie kalt; sie hat diese trockenen, fast ironischen Spitzen, die mich lächeln lassen mussten, obwohl mir das Herz schwer wurde. Kleine Alltagsdetails — ein Schulranzen, ein verstaubtes Muster im Tapetenstoff, eine Telefonstimme — werden zu Fenstern in Hedwigs Innenwelt. Besonders stark: wie die Geschichte die Zeitenwende ins Bild setzt, ohne kitschig zu werden. Dann kommt die finstere Wendung unter der NS-Diktatur, und plötzlich wird aus dem Familiendrama ein Riesenproblem der Ohnmacht. Gradlinig erzählt, doch mit überraschenden Seitenblicken auf menschliche Verletzbarkeit. Kurz gesagt: kein Wohlfühlbuch, aber eines, das nachklingt. Wer Sprache mag, die nicht laut sein muss, und Figuren, die innerlich kämpfen, findet hier einen Roman, der beides zusammenbringt — Humor, der aus Bitterkeit wächst, und Momente von echter Traurigkeit. Für mich: unbedingt lesen.

Fräulein Hedwig
Fräulein Hedwigby Christoph PoschenriederDiogenes