18. Jan.
Zwischen Kräuterglauben und Herzenskraft
Rating:4

Zwischen Kräuterglauben und Herzenskraft

Eine bäuerliche Welt, die nach Kräutern, Krankheit und gut gemeinten Ratschlägen riecht, entfaltet sich langsam, aber mit erstaunlicher Wucht. Jeremias Gotthelf erzählt in Anne Bäbi Jowäger keine gemütliche Dorfgeschichte, sondern eine scharfe, zugleich warmherzige Abrechnung mit Aberglauben, falscher Autorität und jener gefährlichen Fürsorge, die sich selbst nie hinterfragt. Zwischen Predigt und Prosa liegt hier ein Text, der fordert, manchmal sperrig ist, aber immer meint, was er sagt. Besonders berührt hat mich Jakobli, dessen schwacher Körper in starkem Kontrast zu seinem leisen Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben steht. Die Liebe zu Meyeli wirkt zart und beinahe schutzlos, eingeklemmt zwischen Standesdünkel, mütterlicher Kontrolle und gesellschaftlichen Erwartungen. Gerade diese Zurückhaltung macht ihre Beziehung so glaubhaft und rührend, weil sie nie laut sein darf, um wahr zu sein. Anne Bäbi selbst ist eine Figur, die mich gleichzeitig genervt, amüsiert und fasziniert hat. Ihre Allwissenheit ist grotesk überzeichnet und doch erschreckend aktuell. In ihrem unbeirrbaren Glauben an Hausmittel, Halbwissen und moralische Überlegenheit spiegelt sich eine Haltung, die bis heute wirkt. Gotthelfs Humor ist dabei trocken, manchmal bissig, dann wieder überraschend zärtlich. Die Sprache verlangt Aufmerksamkeit und Geduld, belohnt aber mit Tiefe und feiner Ironie. Nicht jede Passage liest sich leicht, manches wirkt belehrend, doch genau darin liegt auch die Kraft dieses Romans. Zurück bleibt das Gefühl, ein Stück Literatur erlebt zu haben, das unbequem sein darf und gerade deshalb lange nachhallt.

Anne Bäbi Jowäger
Anne Bäbi Jowägerby Jeremias GotthelfDiogenes