Eine seltsame Geschichte
„Ein seltsamer Ort“ ist 2023 erschienen und Yoshimotos erste Veröffentlichung seit acht Jahren – eine ungewöhnlich lange Pause für sie. Ich habe in meiner Jugend viel von Yoshimoto gelesen und bin ein großer Fan ihrer frühen Werke wie Kitchen, Amrita und Tsugumi. Entsprechend habe ich mich darauf gefreut, nach vielen Jahren zu ihr zurückzukehren. Leider hat „Ein seltsamer Ort“ für mich nicht funktioniert. Die Ausgangslage: Die Zwillingsschwestern Mimi und Kodachi haben in Tokio ein neues Leben begonnen. In ihrer Kindheit hatten ihre Eltern einen Autounfall, bei dem der Vater starb und die Mutter ins Koma fiel, in dem sie bis heute liegt. Die beiden werden von liebevollen entfernten Verwandten großgezogen. Eines Tages verschwindet Kodachi plötzlich, als sie ihre Mutter im Krankenhaus besuchen will. Mimi kehrt daraufhin widerwillig in ihre alte Heimat zurück und trifft dort auf allerlei mythisch anmutende Figuren. Yoshimoto setzt viele Fantasy-, Horror- und Sci-Fi-Elemente ein, die Geschichte wirkt jedoch eher wie „ein bisschen von allem“, statt echten Tiefgang zu entwickeln. Das zeigt sich besonders bei den recht eindimensional wirkenden Nebenfiguren, aber auch bei der Protagonistin Mimi. In anderen Werken wie Tsugumi schafft es Yoshimoto, mit wenigen Worten ein eigenständiges Gefühl für ihre Charaktere entstehen zu lassen – genau das hat mir hier gefehlt. Das mag auch an den sperrigen und hölzernen Formulierungen liegen. Immer wieder hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass so niemand sprechen würde, was mich aus dem Erzählfluss gerissen hat. Da ich das Buch in der deutschen Übersetzung und nicht im japanischen Original gelesen habe, kann ich allerdings schwer beurteilen, woran das liegt. Bisher ist mir das weder bei anderen Werken Yoshimotos noch bei Übersetzungen von Annelie Ortmanns aufgefallen. Was mir hingegen gut gefallen hat, ist Yoshimotos Gespür für besondere Momente sowie für stille, zarte Situationen zwischen den Figuren. An einige davon werde ich mich sicher noch länger erinnern. Ich hoffe, dass Yoshimoto auch in Zukunft mit fantastischen Elementen oder magischem Realismus experimentiert. Bei diesem Werk ist der Funke für mich jedoch nur selten übergesprungen.













