22. Feb.
Rating:5

Besser hätte man ein jüdisches Leben nicht beschreiben können

Isidor, geboren in ärmlichen Verhältnissen in Galizien, erkennt schon früh seinen Wunsch nach mehr. Durch Fleiß, Ausdauer und später auch Glück erkämpft er sich einen Platz in der Wiener Gesellschaft und wird Kommerzialrat. Anerkannt, in den richtigen Kreisen verkehrend und wohlhabend, glaubt er sich unangreifbar und unantastbar für die Nazis. Shelly Kupferberg, Isidors Großnichte, zeichnet in diesem wunderbaren Porträt ein lebendiges Bild eines erfolgreichen Juden in der Zeit von 1900 bis 1945. Neben Isidors Geschichte erzählt sie auch die seiner Geschwister und ihrer Kinder, was das Gesamtbild ergänzt und abrundet. Ihr bildhafter und anschaulicher Erzählstil versetzt den Leser direkt in die damalige Zeit. Gemeinsam mit Isidor wächst man in Galizien auf, besucht die Schule in Lemberg und erlebt Wien am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Man meint, bei einem der Banketts mit am Tisch zu sitzen. Dieser besondere Stil, der beschreibt, aber nicht urteilt, ermöglicht es, Isidors Handlungen nachzuvollziehen und zu verstehen, so tragisch die Konsequenzen am Ende auch sind. Das Buch verdeutlicht auch, was passieren kann, wenn man der rechtsradikalen Bewegung Raum gewährt. Es zeigt, wie schnell aus Nachbarn und Bekannten Feinde werden können. Ich habe dieses hervorragende Buch mit großem Interesse gelesen und empfehle es jedem, der sich für deutsche und österreichische Geschichte interessiert. Es ist sicherlich nicht das letzte Buch, das ich von Shelly Kupferberg lesen werde.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
11. Feb.
Rating:2.5

Schlimm und gut zu lesen gleichzeitig

Schlimm zu lesen, wie wenig Menschlichkeit in dieser Zeit doch vorhanden war. Traurige Geschichte einer Familie, vor allem des Protagonisten, obwohl ich teilweise andere Figuren und deren Geschichte als interessanter empfunden haben. Aber hier wurde eben die Geschichte eines Multimillionärs dargestellt, der von den Nazis eben nicht nur seines Vermögens wegen verschont geblieben ist. Allerdings muss man auch differenzieren, dass ihm durch sein Geld ein „gnädigeres“ Schicksal als anderen Juden gegeben wurde, auch wenn ihm trotzdem furchtbar und unmenschlich mitgespielt wurde. Es mag sicher einige interessantere Menschen geben, deren Geschichte man gerne lesen würde, aber durch die Schreibweise auf Grundlage von Briefen, Tagebucheinträgen und Fotos ist es doch gut zu lesen.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
5. Jan.
Rating:5

Ein so wichtiges Buch.

Gerade in Zeiten des wieder wachsenden Antisemitismus ein Buch das Alle lesen sollten. Shelly Kupferberg schreibt über ihre jüdische Familie während des Aufstreben des Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt steht dabei ihr Urgroßonkel, der sich aus einem armen Shtetl zum Kommerzialrat in Wien hochgearbeitet hat. Eine Biografie, bei der man sich das ganze Buch über wünscht, dass es sich um Fiktion handelt. Aber leider ist es genau so in so vielen Familien passiert - das sollte niemals aus unser aller Bewusstsein verschwinden.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
24. Dez.
Rating:3.5

Ein Leben in einer schlimmen Zeit

Manchmal frage ich mich, wie es dazu kommt, dass das eine Lebem näher beleuchtet wird und nicht ein anderes? War es wichtiger oder interessanter, nur weil er reich war? Interessanter war es für mich persönlich jedenfalls nicht, nichtsdestotrotz schlimm war jede Entwicklung in den 30er, nur weil du vielleicht nicht blond und blauäugig warst und die 'falschen' Vorfahren.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
19. Okt.
Rating:4

Isidor erzählt die beeindruckende Lebensgeschichte eines Mannes, der sich im Wien der Jahrhundertwende aus einfachen Verhältnissen nach oben arbeitet, gesellschaftlich aufsteigt und sich ein angesehenes Leben aufbaut. Shelly Kupferberg zeichnet Isidor mit Feingefühl und Respekt – als jemanden, der das Beste aus seinem Leben macht, aber dabei nie ganz ankommt. Besonders eindrücklich fand ich, wie der Roman den plötzlichen Bruch zeigt, als mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Isidors Leben zerbricht. Was zuvor Glanz und gesellschaftliches Ansehen war, wird ihm genommen – und die politische Realität zerstört alles, was er sich aufgebaut hat. Diese Entwicklung verleiht der Geschichte eine tiefe Tragik und lässt die Figur noch menschlicher wirken. Eine ruhig erzählte, zugleich berührende Biografie eines Mannes, der alles erreicht – und am Ende doch Opfer seiner Zeit wird.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
16. März
Rating:5

Eine Warnung aus der Vergangenheit?

„Erbstücke gibt es so gut wie keine in unserer Familie, keine Gegenstände, die unsere Familiengeschichte und ihre Wege spiegeln. Vertreibung und Ermordung sind der Grund, warum sie fehlen. Umso wichtiger sind die Geschichten, die überlebt haben. Und weiter erzählt werden.“ (Danksagung, S. 245) Shelly Kupferberg präsentiert 2022 ihr Debüt „Isidor. Ein jüdisches Leben.“, in dem sie sich mit ihrer familiären Vergangenheit, dem Schicksal der Familienmitglieder der Familie Geller, auseinandersetzt. Vom Gefühl befindet man sich bei Lesen zwischen einem packenden Gesellschaftsroman und einer sachlich-informativen Aufarbeitung der Geschehnisse um die Familienmitglieder von Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Fokus des Romans liegt hierbei auf dem Urgroßonkel der Autorin: Isidor Geller. Die Geschichte basiert einem Interview mit der Autorin zufolge auf den Erzählungen des Historikers und ihres Großvater Walter Grab. Zu Isidor: Aufgewachsen als drittes von 5 Kindern, lebte er den Großteil seiner Kindheit mit seiner Familie in einer Gemeinschaft orthodoxer Juden. Seinem ältesten Bruder David Geller nachstrebend, wanderte auch Isidor im Jahr 1908 nach Wien aus, um sich dort ein neues Leben aufzubauen. Zuerst von seinem Bruder und dessen Unterstützung abhängig, baute er sich schnell ein unabhängiges Leben auf. Durch seine berufliche Orientierung und richtige Entscheidungen im Rahmen des ersten Weltkriegs, wurde aus seiner schlichten Unabhängigkeit ein beachtlicher Reichtum. Isidor war ein Lebemann, Kultur- und Kunstliebhaber, zehrte von Musik-, Oper- und Theaterdarbietungen und machte keinen Hehl aus seinem Reichtum. Freude machte es ihm, sich in das gesellschaftliche Leben Wiens zu begeben, Kontakte zu knüpfen, edle Bankette zu geben. Die Familienmitglieder konnten sich der politischen Stimmung und der antisemitischen Gesinnung zum Zeitpunkt des zweiten Weltkrieges nicht widersetzen und auch Schilderungen von Unterdrückung, Gewaltanwendung und Enteignung werden nicht ausgelassen. Packend, authentisch und niederschmetternd. Ich habe das Buch ebenfalls als Warnung für die heutige Zeit verstanden. „Wo kamen all die Hakenkreuzflaggen und Anstecknadeln plötzlich her?“ […] Es war als hätten Menschen die Utensilien schon lange zu Hause bereitliegen gehabt und nur auf den Moment gewartet, sie endlich offiziell tragen zu können. Die Stimmung in der Stadt hatte sich binnen weniger Stunden komplett verändert.“ (S.175)

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
25. Jan.
Rating:4

Schreckliches Schicksal einer Familie die trotz ihrer gesellschaftlichen Stellung nicht verschont wird von dem ideologischen Gedankengut der Nazis. Schön recherchiert und dargestellt! Diese Zeit muss man sich immer wieder vor Augen halten und dies soll auch niemals wieder passieren! Einfach traurig!!! Es geht hier um Isidor und seine Familie. Vorallem wird hier auch Walter vorgestellt, der Neffe. Der in der Erzählungen seine Sichtweise in der dritten Person beschrieben wird. Echt schön wie die unterschiedlichen Perspektiven fließend übereinander gehen.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
3. Sept.
Rating:3

3,5⭐️ Der Erzählton wirkt auf mich steif und gekünstelt. Hat mir den Inhalt etwas verhagelt. Richtig überzeugend und eindrücklich wird die Lektüre erst nach der ersten Hälfte für mich.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
7. Juni
Rating:4.5

📝 „Lasst Vergangenheit euch nützen, Dass die Zukunft besser sei! Ihr müsst friedlich euch beschützen! Dann erst werdet ihr besitzen Echte Freundschaft, wahre Treu!“ (Walter Grab - S. 243) 📖 Beeindruckende Lebensgeschichte von Isidor Geller und seinen Familienmitgliedern - über die Sehnsucht, die eigene Provinz zu verlassen und seine Träume zu verwirklichen. 💭 Schockierend, wie der selbstbewusste und erfolgreiche Isidor von diesem menschenverachtenden Regime körperlich und psychisch vernichtet wurde („War alles, was man sich so hart erkämpft hatte, nur ein Trugbild gewesen, hatte man sich selbst belogen?“ - S.204). Was bleibt ist die Erkenntnis, dass es so etwas wie eine garantierte Sicherheit nicht gibt - weder Macht oder Reichtum können sie dir garantieren, gesellschaftliche Bildung vermag dies am ehesten.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
8. Apr.
Rating:4

Einblicke in eine düstere Zeit

Kommerzialrat, Millionär und Jude. Dr. Isidor Geller denkt sein gesellschaftlicher Stand würde ihn vor schlimmen bewahren. Doch als die Nazis die Macht ergreifen, wird schnell klar seine Familie und er bleiben nicht verschont. Shelly Kupferberg hat ihre Familiengeschichte hier liebevoll und detailliert aufgearbeitet. Über all die Geschichten erfährt man immer mehr über das Leben der ganzen Sippe und die Traurigkeit ob ihres Schicksals folgt recht schnell. Ein wichtiges Buch, weil man diese Dinge einfach auch niemals vergessen darf.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
16. März
Rating:5

„Es gilt, achtzehn Jahre wieder aufzuholen, die achtzehn Jahre seit seiner Vertreibung durch die Nazis.“   „Mein Urgroßonkel war ein Dandy. Sein Name war Isidor.“ Und so beginnt die Geschichte eines jüdischen Lebens. In ihrem Debüt beschreibt die Autorin Shelly Kupferberg das Leben von Dr. Isidor Geller. Aufgewachsen in armes Galizien bis zu der adligen Oberschicht in Wien, musste sich Isidor erkämpfen. Lange Zeit dachte er niemand könne ihm sein Reichtum wegnehmen. So hangelte er sich schließlich von einem Ruhm zum nächsten, flog hoch und stürzte tief. Mehr will ich nicht verraten.   Hätte ich gewusst, dass mich diese Geschichte in den Bann zieht, hätte ich an jenem Abend viel früher angefangen zu lesen, um es rechtzeitig vor dem Schlafengehen zu beenden. Shelly wollte ihrem Urgroßonkel aus Bruchstücken, irgendwelche Reste von Dokumentationen und Recherchen eine Geschichte geben – „seine Geschichte“. Wie sonst erklärt sich dieser rasante Aufstieg eines jüdischen Lebens? „Bis zu dem Tag, als Menschen wie er ausgelöscht werden sollten.“   Was dem Isidor und der Familie während der NS-Zeit widerfahren ist, versucht Kupferberg aus Zeitungsartikel, Briefen, und weitere Recherchen zu rekonstruieren und formt so die Konturen der vergessenen Familie. Ein Erfolg nach dem anderen machte Isidor blind. Als Österreich sich mit dem Deutschen Reich verbündete, lauerte die Gefahr für jüdische Familien sehr nah. Doch als Isidor die Gefahr der Nazis zu spät erkannte, verrieten ihn das antisemitische Volk schon längst. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, erlitt er an die schwere Gewalt, die ihm angetan wurde und starb. Alles, was er hatte, sein „Reichtum“ musste er Stück für Stück an das Deutsche Reich abgeben. Bevor die komplette Familie-Geller ausgelöscht wurde, floh der Neffe Walter nach Palästina.   Shelly Kupferberg erzählt mit einem talentierten und respektvollem Schreibstil eine unglaubliche Geschichte eines Aufstiegs bis zur fast kompletten Ausradierung einer Familie. „Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn nichts von ihm übrigbleibt?“ Deswegen sind solche Geschichten wichtig zu erzählen: eine Geschichte gegen den Judenhass, gegen die Nazis, gegen den Hass, gegen das Vergessen.   (…) von Wertpapieren, von üppigen Services und Bestecksets, Stilmöbeln, Ölbildern, Kunstgegenständen, kostbaren Teppichen, Pelzen und Schmuck. Alles verschwunden. Beschlagnahmt. Gestohlen. Geraubt. Ein Mensch wurde ausgelöst – zunächst Material, dann physisch. So war es der Plan der Nazis, und so wurde es millionenfach praktiziert.“

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
16. März
Rating:5

Was für eine Geschichte!

Mal wieder eine schlaflose und leseintensive Nacht gehabt. Die Geschichte von Israel, Ignaz, Innozenz oder letztendlich Isidor reißt mit, macht nachdenklich und berührt. Sehr einfühlsam und doch aufrüttelnd geschrieben, bleibt im Kopf. Große Leseempfehlung!!!

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
3. Sept.
Rating:5

Interessante Fakten über eine unschöne Zeit

War doch stellenweise sehr erschüttert, wie es damals in Wien war. Man hört immer nur die Geschichten aus Deutschland. Insgesamt ein sehr gutes Buch!

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
24. Apr.
Rating:4

Man weiß, was kommt. Und doch kann man diese Geschichte vom Aufstieg einer Familie flott lesen, ihren Weg vom galizischen Lokutni über Lemberg, das heutige Lviv, bis nach Wien verfolgen. Es ist die Geschichte von Bildung und Arbeit, vom Abschneiden der religiösen Wurzeln, hin zur Modernität der Metropole. Und dann, auf S. 170 (von 243) ist der positive Teil der Geschichte vorbei. Es passiert das, von dem man wußte, daß es kommt. Und obwohl man es weiß, stellen sich Erschütterung, Fassungslosigkeit und Scham ein. Ein wichtiges, ein gutes Buch, prägnant geschrieben. Ich hätte mir nur etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht. 4,5 Sterne

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
20. Feb.
Rating:4

Isidor - die Erzählung einer jüdischen Familiengeschichte » »Stil hat man oder hat man nicht«, das habe nichts mit Geld zu tun. Dazu gehöre auch das Speisen mit Gabel und Messer. Und ein ordentliches Trinkgeld, behauptete der junge Israel weltmännisch.« (S.41) Und Stil, den hat der Kommerzialrat Dr. Isidor Geller (*15.9.1886 | † 17.11. 1938), der in einem kleinen Schtetl in Galizien als Israel mit seinen vier Geschwistern aufgewachsen ist und als junger Mann - umbenannt in Isidor - einen beachtlichen Aufstieg in der k.u.k Metropole Wien macht. »Isidor lernte rasch, den richtigen Augenblick abzuwarten und sich dann einzubringen. Ohne aufdringlich zu sein - er hatte die Gabe, Menschen für sich zu gewinnen.« (S. 65) Als Direktor in einer Lederfabrik wird Isidor im 1. Weltkrieg nicht eingezogen und schafft durch geschickten Handel auf dem Schwarzmarkt und Anlage auf dem Aktienmarkt es zu einem beachtlichen Vermögen. In »Isidor« erzählt die Autorin die Lebensgeschichte ihres Urgroßonkels und verbunden damit auch die ihres Großvaters Walters: Von Isidors Werdegang über seine Blütezeit in Wien als Gastgeber großartiger Veranstaltungen in seinem Palais und seine Liebschaft mit der heutigen Hollywood-Star Ilona Hajmássy (später Massey) bis zu seiner Verhaftung nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Wien 1938 und seinem damit einhergehend Untergangs. Es ist eine interessante Biografie, die Shelly Kupferberg aufwändig recherchiert und zu diesem erzählenden Sachbuch verdichtet hat. Gerne hätte ich am Ende noch mehr von der Lebensgeschichte ihres Großvaters erfahren, da vieles aus seinem Leben ebenfalls miterzählt worden ist. Alles in allem eine klare Leseempfehlung! »Isidor« ist das Debüt der Journalistin, Moderatorin und Autorin Shelly Kupferberg, das am 24. August 2022 im Diogenes Verlag erscheint.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
18. Feb.
Post image
Rating:4

ISIDOR - Ein jüdisches Leben Shelly Kupferberg "Sein Name war Isidor. Oder Innozenz. Oder Ignaz. Eigentlich aber hiesst er Israel. Doch dieser Name war zu verräterisch […].“ (S.7) Shelly Kupferberg erzählt uns nicht nur die Geschichte ihres Großonkels Isidor, dem jüdischen, sturen und eigensinnigen Lebemann, dem Dandy, Kunstliebhaber, Emporkömmling, Exzentriker, dem Multimillionär, der von Zeit zu Zeit ein Hochstapler war, sondern auch von Isidors Familie; seinen Geschwistern, Brüdern, Schwestern, Neffen und Nichten. Er war der Mann, der die Familienmitglieder unterstützte. Er war überhaupt eine Stütze der Wiener Gesellschaft. Niemals hätte er gedacht, dass die Nazis ihm, bei seinem Reichtum, Wohlstand und Stellung, etwas anhaben könnten. Doch er hatte sich geirrt. Ein jüdisches Leben, eine weitere traurige Geschichte. Shelly Kupferberg hat ohne Zweifel gut recherchiert. Sachlich, nüchtern und chronologisch ist ihr Schreibstil. Doch irgendwas fehlte mir - trotz des grausigen Schauplatzes, vermag es die Autorin nicht, mich emotional zu berühren. Vielleicht, weil mir Isidor bis zum Schluss fremd blieb oder hatte ich zu große Erwartungen an das Buch, das hier hoch gelobt wurde? Oder war es doch der sachliche Stil? Wie dem auch sei, eine gute und interessante Unterhaltung war es allemal.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
5. Jan.
Rating:4

4,5 Sterne Schon immer zog es Isidor in die Welt, wollte er all das entdecken, was ihm bislang verborgen geblieben ist im Schtetl im ostgalizischen Tlumacz. Dafür galt es zunächst seinen religiösen Namen abzulegen, den jüdischen Stempel, den seine Eltern ihm und seinen vier Geschwistern gaben. Und so wurde aus Israel schließlich Isidor, kaum dass er seinen Heimatort 1908 für das Jurastudium gen Wien verließ. Er blühte auf in dieser eleganten Kulturmetropole, war fasziniert ob der feinen Architektur, der opulenten Kunst und dem Betragen der Menschen. Schnell fand er sich in der Gesellschaft ein, besuchte Kaffeehäuser, knüpfte Kontakte – und stieg nach seinem Studium schnell vom Sekretär zum leitendenden Direktor und Kommerzialrat auf. Es ist ein Leben, dessen Erfolg denen amerikanischer Geschichten gleicht, „vom Tellerwäscher zum Millionär“, und eben dies wurde durch geschickte Investitionen und waghalsige Aktienkäufe. Doch die Welt ist im Umbruch, der Krieg verändert das Leben der Menschen. Und während Isidors erste Ehe in die Brüche geht, das gemeinsame Ex Libris das einzige Zeugnis einstiger Zweisamkeit zwischen ihm und der schönen Berta Singer, fragt er sich des Öfteren, ob er nicht doch ein Stück Land in Palästina kaufen sollte. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alles zu spät ist. Bis ein Volksentscheid im Jahr 1938 über die Zukunft Österreichs zugunsten der NSDAP entscheiden sollte, Hitler den „Anschluss“ Österreichs an das „Deutsche Reich“ verkündete – und die Gestapo Isidor verhaftete. Voller Wärme und Empathie rekonstruiert Shelly Kupferberg in ihrem Debüt „Isidor. Ein jüdisches Leben“ unter Zuhilfenahme alter Briefe und Dokumente, Fotos und archivierter Berichte den Aufstieg und Fall ihres Urgroßonkels Isidor Geller. In schillernden Farben, lebendig und nahbar lädt sie zu einer Zeitreise, zu einem Blick ins Familienalbum ein, skizziert nicht nur den Werdegang Isidors, sondern auch den seiner Geschwister und Geliebten, seiner Freunde und Bekannten im Kontext des Zweiten Weltkriegs; eben der Menschen, die ihn prägten und begleiteten, ihn zu dem machten, der er war und ist. Denn obwohl er und seine Familie mit der Machtübernahme Hitlers beinahe alles verloren, fliehen, um ihr Leben kämpfen mussten, so bleiben die Erinnerung an sie und ihre Geschichten für immer bestehen. Kupferberg geht ungemein respektvoll und wertschätzend mit all den Dokumenten, die sie im Zuge ihrer Recherche fand, um, die letztlich ihr Erbe bedeuten, und mit ebendieser Achtung schreibt und beschreibt – oder vielmehr: erschreibt – sie ihre Familie, egal wie tragikomisch, wie deprimierend oder delikat die Anekdoten auch sind. Es ist bemerkenswert, mit welcher Tiefe sie jeden einzelnen Charakter zeichnet, ihnen allen Raum gibt, sich einzufügen. Und so fühlte auch ich mich wie eine Gästin bei einem von Isidors zahlreichen Banketts, eine Passantin, die ihrer Wege auf Wiens Straßen kreuzte. Doch nicht für lange. Vormals beschwingt, frohen Mutes wird die Atmosphäre beklemmender, dunkler, je konkreter der Beginn des Zweiten Weltkriegs wird und seine Bedeutung für das jüdische Leben. Worte, die von Leid und Angst sprechen; Bilder, die bleiben. Die Geschichte einer Familie, eines jüdischen Lebens, die ich nicht vergessen werde.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
4. Jan.
Rating:5

Kupferberg beschreibt am Ende des Buches, wie der Familie keine Erbstücke bleiben (geraubt, gestohlen oder versteigert), aber wenigstens die Geschichten. Es ist schön, dass sie diese mit uns teilt. Das Buch erzählt Isidors Geschichte und die seiner ganzen Familie. Dabei bewegen wir uns auch durch Österreichs Geschichte, von der k.u.k Monarchie bis zum Anschluss Österreichs. Nicht nur die vielen Geschichten selbst sind berührend, sondern auch Kupferbergs Erzählweise und ihr unermüdlicher Forscherdrang.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
3. Jan.
Wenn ich euch sage, warum dieses Reh so toll ist, werdet ihr weinen.
Rating:5

Wenn ich euch sage, warum dieses Reh so toll ist, werdet ihr weinen.

„Es gilt, achtzehn Jahre wieder aufzuholen, die achtzehn Jahre seit seiner Vertreibung durch die Nazis.“   „Mein Urgroßonkel war ein Dandy. Sein Name war Isidor.“ Und so beginnt die Geschichte eines jüdischen Lebens. In ihrem Debüt beschreibt die Autorin Shelly Kupferberg das Leben von Dr. Isidor Geller. Aufgewachsen in armes Galizien bis zu der adligen Oberschicht in Wien, musste sich Isidor erkämpfen. Lange Zeit dachte er niemand könne ihm sein Reichtum wegnehmen. So hangelte er sich schließlich von einem Ruhm zum nächsten, flog hoch und stürzte tief. Mehr will ich nicht verraten.   Hätte ich gewusst, dass mich diese Geschichte in den Bann zieht, hätte ich an jenem Abend viel früher angefangen zu lesen, um es rechtzeitig vor dem Schlafengehen zu beenden. Shelly wollte ihrem Urgroßonkel aus Bruchstücken, irgendwelche Reste von Dokumentationen und Recherchen eine Geschichte geben – „seine Geschichte“. Wie sonst erklärt sich dieser rasante Aufstieg eines jüdischen Lebens? „Bis zu dem Tag, als Menschen wie er ausgelöscht werden sollten.“   Was dem Isidor und der Familie während der NS-Zeit widerfahren ist, versucht Kupferberg aus Zeitungsartikel, Briefen, und weitere Recherchen zu rekonstruieren und formt so die Konturen der vergessenen Familie. Ein Erfolg nach dem anderen machte Isidor blind. Als Österreich sich mit dem Deutschen Reich verbündete, lauerte die Gefahr für jüdische Familien sehr nah. Doch als Isidor die Gefahr der Nazis zu spät erkannte, verrieten ihn das antisemitische Volk schon längst. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, erlitt er an die schwere Gewalt, die ihm angetan wurde und starb. Alles, was er hatte, sein „Reichtum“ musste er Stück für Stück an das Deutsche Reich abgeben. Bevor die komplette Familie-Geller ausgelöscht wurde, floh der Neffe Walter nach Palästina.   Shelly Kupferberg erzählt mit einem talentierten und respektvollem Schreibstil eine unglaubliche Geschichte eines Aufstiegs bis zur fast kompletten Ausradierung einer Familie. „Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn nichts von ihm übrigbleibt?“ Deswegen sind solche Geschichten wichtig zu erzählen: eine Geschichte gegen den Judenhass, gegen die Nazis, gegen den Hass, gegen das Vergessen.   (…) von Wertpapieren, von üppigen Services und Bestecksets, Stilmöbeln, Ölbildern, Kunstgegenständen, kostbaren Teppichen, Pelzen und Schmuck. Alles verschwunden. Beschlagnahmt. Gestohlen. Geraubt. Ein Mensch wurde ausgelöst – zunächst Material, dann physisch. So war es der Plan der Nazis, und so wurde es millionenfach praktiziert.“

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
2. Jan.
Rating:4

„Dabei stoße ich immer wieder auf ihn: den schillernden Onkel Isidor. Ein Lebemann, der laut Familienüberlieferung nie geheiratet haben soll und keine Kinder hatte. Wenig ist von ihm geblieben. Nur ein großer Silberbesteckkasten samt Inhalt für 24 Personen.“ .. ein Satz von vielen, wie @shellykupferberg ihren Urgroßonkel Isidor in Ihrem Buch „Isidor. Ein jüdisches Leben“ beschreibt. Ich durfte der Autorin heuer auf der @buchwien lauschen, als sie von ihrer Recherche zum Buch und über Isidor erzählte. Da war es dann noch interessanter das Buch im Nachgang zu lesen. Kupferberg recherchierte eine lange Zeit was Dr. Isidor Geller und ihrer Familie während der NS-Zeit alles widerfahren ist. Durch hohe Willenskraft und Unbeirrtheit trieb Isidor seinen sozialen Aufstieg in der K. u K. Hauptstadt voran. Er schaffte es in die „höchsten Kreise“ der Wiener Schickeria, ob kulturell oder gesellschaftlich. Das Leben war gut zu ihm. Bis zu jenem Tag, als Österreichs Anschluss an das Deutsche Reich passiert. Viel zu spät erkennt Isidor die Gefahr der Nazis, während andere jüdische Menschen bereits flohen oder deportiert wurden. Plötzlich ist er ein Feind, Aussätziger, Gejagter und gerät unter die Räder der antisemitischen Bevölkerung, die damit ihre Haut retten will. Zeitgleich aber ihren Freund Isidor verriet. Dies hatte zur Folge, dass Isidor ins Gefängnis geworfen wurde. Nach seiner Entlassung war er verpflichtet seine „Reichtümer“ an das Deutsche Reich zu überschreiben. Isidor verstarb kurz darauf anhand der Gewalttaten, die ihm im Gefängnis angetan wurden. Die Flucht gelang nur Walter, seinem Neffen. Er konnte nach Palästina fliehen. Anhand von vielen Funden in Archiven, Zeitungsartikeln, Briefen, etc. nehmen wir als Leser*innen Teil am Leben von Isidor, oder Innozenz, oder Ignaz, oder Israel. Unheimlich berührend hat die Autorin die Lebensgeschichte verfasst, blieb immer respektvoll in ihren Beschreibungen. Was Shelly Kupferberg hier auf Papier brachte, ist eine eindrückliche Lebensgeschichte einer Familie, die dem grausamsten Kapitel der Deutschen Geschichte zuzuschreiben ist. Eine Verbeugung vor Dr. Isidor Geller, der offenbar, trotz aller Widrigkeiten, nie vergaß wer er war und sich bis zum Tage seines Todes treu blieb. Und was es mit dem silbernen Besteckkasten auf sich hat – das solltet ihr dringend selbst rausfinden: #leseempfehlung #neverforget

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
31. Dez.
Rating:5

Eine absolute Pflichtlektüre! Grandios!

Ein großartiger Roman, der die schrecklichen Folgen des Antisemitismus fühlbar werden lässt. Shelly Kupferberg beschreibt in ihrem autofiktionalen Roman das Leben ihres Urgroßonkels Isidor, der als promovierter Jurist einen geradezu unglaublichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg im Wien des frühen 20. Jahrhunderts erlebt. Geboren in einer ärmlichen, religiös-orthodoxen Familie in Galizien, schafft er durch Bildung das Schicksal zu wenden und sich aus den beengten Verhältnissen zu befreien. Er führt ein großes Haus, in dem Wirtschaftsbürger, Intellektuelle und Künstler*innen ein und aus gehen. Den zunehmenden Antisemitismus der 1930er Jahre verdrängt er, bis es mit dem ‚Anschluss‘ Österreichs an das Dritte Reich für ihn und viele andere zu spät ist.  In dem Roman lässt uns die Autorin an ihrer Spurensuche teilnehmen. Sie legt den Rechercheprozess offen, erzählt die Geschichte der Familie, tritt aber auch zurück und verschwindet hinter ihren Figuren. So erleben wir diese jüdischen Leben auch durch die Perspektiven Isidors und Walters, dem Neffen. Er ist Kupferbergs Großvater und gehörte mit zu denjenigen, die noch nach Palästina auswandern konnten und so die Shoah überlebten.  In der SZ schreibt Natan Sznaider: „Eine gut geschriebene Geschichte hat die Fähigkeit, die finstere Nacht zu erhellen. Und es ist besser, gute Geschichten zu erzählen, anstatt mit mahnenden Stimmen und ernster Miene bei Gedenkveranstaltungen zu konstatieren, dass Antisemitismus in Deutschland kein Platz hat. Denn Antisemitismus […] hat nie den Platz geräumt. Mein Buch des Jahres ist deshalb 'Isidor' Shelly Kupferberg.“ Ich kann mich dem nur anschließen. Lest dieses Buch, verschenkt es, diskutiert darüber.

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes
1. Okt.
Wenn Familiengeschichte lebendig wird!
Rating:4

Wenn Familiengeschichte lebendig wird!

Isidor, eigentlich Israel Geller, war nicht nur extrentrischer Lebemann und Kommerzialrat Wiens, sondern auch der Urgroßonkel von Journalistin und Autorin Shelly Kupferberg. Mit ihrem Romandebüt gelingt ihr die mitreißende Rekonstruktion ihrer eigenen Familiengeschichte, und damit das Portrait eines Mannes, der viel zu erzählen gehabt hätte. Beeindruckend finde ich die kleinteilige Recherchearbeit der Autorin, die Liebe zum Detail und ihre Fähigkeit aus all diesen Fragmenten eine authentische und bewegende Erzählung zu schaffen, die mich mehr als einmal sehr berührt hat. Auch wenn ich die Geschichte im Aufbau eher unkonventionell fand - es gibt keinen klar definierten Spannungsbogen und der Stil eines allwissenden Erzählers ist ganz sicher mal etwas anderes - war ich schnell sehr gebannt und konnte das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen. Ich las es beinahe in einem Rutsch komplett durch. Eine klare Leseempfehlung! Den Gedanken, dass Isidor durch das Werk von Shelly Kupferberg nun seiner ihm beraubten Geschichte wieder beschenkt wurde, finde ich wahnsinnig schön. Und auch, dass er nun eine Stimme bekommt, die hoffentlich von vielen Lesern gehört werden wird, hoffe ich sehr. Von mir gibt es 4,5 🌟

Isidor
Isidorby Shelly KupferbergDiogenes