21. Dez.
Rating:4

Eric-Emmanuel Schmitt hat ein fünftes Evangelium geschrieben. Als spiritueller Christ war dies keine einfache Aufgabe, doch diese Herzensangelegenheit ist ihm mit dem gewohnten Charme und der von uns geliebten Wärme gelungen. Es ist bestimmt nicht einfach, sich in eine biblische Figur einzufühlen. Schon gar nicht, wenn es sich dabei um so eine ambivalente wie Pilatus handelt. Aber auch das vorangestellte Kapitel, in dem Jesus erzählt, ist feinfühlig und mit grossem Können geschildert. Genauso geht es auch mit dem Hauptteil weiter, in dem Pilatus von seinen Erfahrungen mit der Ostergeschichte erzählt. Wir alle werden uns wohl in dieser Figur wiedererkennen. Er zweifelt, legt sich Theorien bereit, muss diese wieder gehen lassen. Dabei beginnt eine Reise, von der Pilatus anfangs gar nicht weiss, dass er sie auf sich nimmt. Dieses Buch lässt sich auch lesen, wenn man Atheist ist. Als solcher hat man vielleicht sogar noch einen anderen Zugang zum Buch, als ein gläubiger Christ. Alle, die spirituell interessiert sind, sollten sich den Namen Eric-Emmanuel Schmitt so oder so merken, oder haben dies bereits getan. Schmitt schreibt tiefgründig, rücksichtsvoll, verständnisvoll. Er geht tief in die Psyche seiner Figuren rein, lässt ihnen Zeit, sich zu entwickeln. So erkennt auch der Leser, dass er sich selbst auf einer Reise befindet. Wo diese ihn hinführt - das muss er selbst entscheiden.

Das Evangelium nach Pilatus
Das Evangelium nach Pilatusby Eric E SchmittAmmann