"Das Märchen ist dein Schutzmantel und auch das vom König. Das Märchen umgibt euch und ihr glaubt, ihr seid sicher darin und könnt euch alles erlauben. Aber so wird es nicht bleiben. Weil ich das Märchen knacken werde. Wort für Wort." (S. 121) "In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat" ... da saß Milena mit den Füßen im kühlen Wasser am Teich und es fiel ihr das Smartphone hinein. Und ganz so, wie wir es aus dem Märchen kennen, kommt ihr ein Frosch - nein, hier ist es eine Kröte - zu Hilfe. Der Deal ist altbekannt: Du bekommst zurück, was dir wichtig ist, und dafür lässt du etwas in dein Leben, das du eigentlich nicht willst. Tisch- und Bettgemeinschaft, Nähe. Das Märchen nennt es Prüfung; die Realität nennt es Erpressung. Die Kröte nistet sich ein in Milenas Wohnung und schafft es in Nullkommanichts, Milena und ihre Tochter Lotte gegeneinander aufzubringen. Sie ist ein spaltendes, vergiftendes Wesen, das sich an den Zweifeln und den Ängsten anderer labt. Ein Schmarotzer, ein Parasit, ein Menschenfänger, der Notlagen erkennt und für sich nutzt. Und sie ist der Inbegriff des Mansplainings. (Ähnlichkeiten mit echten Personen des öffentlichen Lebens sind rein zufällig. Nicht.) Was unsere Erzählerin allerdings von einer Märchenprinzessin unterscheidet: Sie ist alles andere als eine Prinzessin. Sie ist eine alleinerziehende Mutter, die sich an den Lebensumständen die Knie aufscheuert. Während sich die Prinzessin bequem auf ihrer Naivität ausruht und die Verantwortung stumpf in die Hände der Mächtigen legt - böse Zungen sagen: Prinzessinnen sind ein bisschen doof -, verweigert sich Milena dieser Rolle. Sie ist schließlich nicht nur für sich selbst, sondern auch für ein Kind verantwortlich. "Wenn du jemanden hättest, einen echten Partner, meine ich, ganz klassisch, wie sich das seit Jahrhunderten bewährt hat, dann wäre das alles viel einfacher." (S. 113) Na klar - die alte Leier. Das Märchen als Moralkeule. Die Norm als Rettungsring - allerdings nur für die, die hineinpassen. Wie es sich für ein (Nicht)Märchen gehört, gibt es natürlich auch einen König. Ein undurchsichtiges Staatsoberhaupt, das Gefallen daran hat, seine Macht auszuspielen; die eigenen Interessen stets im Fokus. Er profitiert vom Wunsch nach der Einfachheit von Märchen - gut oder böse -, vom Wunsch nach klaren Lösungen - richtig oder falsch. Das Märchen ist kein Beiwerk seiner Herrschaft, sondern ihre Voraussetzung. Märchen halten ruhig. Sie individualisieren Probleme. Sie versprechen Ordnung, Sinn, Gerechtigkeit und sagen: Hab Geduld. Warte ab. Am Ende wird alles gut. Wenn es dir schlecht geht, hast du etwas falsch gemacht. Nicht die Strukturen, nicht die Machtverhältnisse. Belohnt wird nicht, wer kämpft, sondern wer aushält, brav und folgsam ist. Die Kröte aber zeigt, was dieses Versprechen wert ist. Simone Hirth nimmt dem Märchen den Zauber. Immer wieder schlägt sie die Brücke zwischen Fabel und Gegenwart und reißt sie im nächsten Moment ein. "Die Kröte" ist kein modernes Märchen. Es ist eine Abrechnung mit dem Märchen als Beschwichtigungsinstrument. Ein Roman darüber, wie Geschichten benutzt werden, um Macht zu sichern. Und darüber, was es kostet, sich diesem Narrativ zu entziehen. Ende gut, alles gut? Nein, diese Kröte müssen wir nicht schlucken!

Adaption des Froschkönigs in einer mehr als schrägen Version, die mich ratlos zurücklässt
Dieses Buch ist ein wahrer Fiebertraum. Ich weiß nach den knapp 180 Seiten immer noch nicht so richtig, was mir die Autorin vermitteln wollte. Klar ist, dass es eine Adaption des Froschkönigs sein soll und das aufgegriffene Thema Machtgefälle/sexuelle Nötigung ist auch schon spannend. Aber ansonsten habe ich ganz viele Fragezeichen: Was soll die Kröte konkret verkörpern? Denn sie ist ja definitiv eine Metapher und während des Lesens hatte ich diverse Ideen, aber so richtig bin ich nicht durchgestoßen. Und warum wurde das Hauptthema - der Konflikt mit dem Mann - wirklich erst ganz zum Schluß dargelegt? De facto sind die ersten 150 Seiten reines Vorgeplänkel auf den Hauptkonflikt. Beim Schreibstil bin ich zwiegespalten. Das Zwiegespräch zwischen der Protagonistin und der Kröte war gut aufgemacht. Ich hatte die knarzende Stimme der Kröte gut im Ohr. Aber dieser ständige Einschub von irgendwelchen Gedichten hat für mich den Lesefluss gestört und wie gesagt, war ganz viel Füllmaterial bei den Erzählungen der Protagonistin dabei. Das machte es zusätzlich ziemlich langatmig. Ich hatte vom Klappentext eigentlich auch eine andere Story erwartet - eher in Richtung toxische Paarbeziehung. Das was es dann wurde vom inhaltlichen war dann nicht schlecht, aber wie gesagt, so richtig durchgeblickt habe ich immer noch nicht. Ich glaube für das Buch braucht es einen Austausch. Mein Fazit: Ein Buch das mich ratlos zurücklässt. Aber vielleicht finden andere einen besseren Zugang dazu.

