27. Apr.
Rating:3.5

Und schauernd küsste ich die Lippe, die meinen liebsten Menschen verriet. Solche gemeiselten Sätze finden sich bei Zweigs Werk wie zu erwarten. Psychologisch fein gedacht, stilistisch kam ich beinahe aus der Puste, bin ich zwar Freund hübsch arrangiert er Kreativergüsse in Wortform, hier jedoch wars mir beinah zu dicht. Anderswo liest man derlei Wörter nicht, so dass eine solche Lektüre die Welt ein paar Nuancen granularern werde lässt, wofür ich Stefan Zweig immer dankbar bin. Außerdem ist es eine Seltenheit, Figuren nicht schwarz weiss zu zeichnen. Nach solcher Lektüre ist's mir kaum noch möglich einen handelsüblichen Kinofilm zu genießen.

Verwirrung der Gefühle
Verwirrung der Gefühleby Stefan ZweigReclam, Philipp
19. Aug.
Rating:5

5/5!

Nachdem mir die Schachnovelle von Stefan Zweig schon so sehr gefallen hat, wurde es jetzt Zeit mich auch mal an ein anderes Werk zu wagen. Und was soll ich sagen? „Verwirrung der Gefühle“ ist sprachlich einfach brillant und emotional tief bewegend. Themen wie Leidenschaft, Orientierungssuche und innere Zerrissenheit sind zeitlos, was das Buch auch heute noch sehr lesenswert macht. Und wie schön das alles sprachlich ausgeschmückt wird.. ein Träumchen. Klare Empfehlung!

Verwirrung der Gefühle
Verwirrung der Gefühleby Stefan ZweigReclam, Philipp
8. Feb.
Rating:4

Stefan, meine Gefühle sind verwirrt! Mein erster (freiwillig) gelesener Klassiker. Ich muss gestehen, alles habe ich vermutlich nicht verstanden. Doch jenes, was ich verstanden habe strotzt vor Tiefgründigkeit, Poesie und Zuversicht. Überraschenderweise, habe ich über vergangene Beziehungen sowie deren Hintergründe mehr gelernt als in manch einem Psychologie Buch, zumindest aus emotionaler Perspektive. Es war anspruchsvoll, doch es lohnt sich - deshalb eine klare Empfehlung!

Verwirrung der Gefühle
Verwirrung der Gefühleby Stefan ZweigReclam, Philipp
16. Juni
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Rating:5

Stefan Zweigs Novelle “Verwirrung der Gefühle” von 1927 wird von Reclam als “einer der wichtigsten Coming-out-Texte der Weltliteratur” bezeichnet. Wahrscheinlich ist er auch einer der ersten. Ich wünschte, ich hätte diesen Text schon viel früher gelesen, denn er ist nicht nur ein wichtiger Klassiker der queeren Literatur, sondern es geht in ihm auch um die Leidenschaft für Literatur. Der Ich-Erzähler, mittlerweile ein renommierter Literatur-Professor, der mit 60 Jahren seine Festschrift entgegen nimmt, erinnert sich in der Rahmenhandlung an seinen Mentor, einen Professor, der in der Festschrift ungenannt bleibt. Der 19-jährige Roland ist Student der englischen Literaturwissenschaft in einer deutschen Kleinstadt, in die er von seinem Vater geschickt wurde, nachdem er sich vorher in Berlin eher den Mädchen als den Studien verschrieben hatte. Hier an der Kleinstadt-Uni trifft er auf einen Professor, der leidenschaftlich über Shakespeare und seine Zeit spricht. “Wer nicht passioniert ist, wird bestenfalls ein Schulmann - von innen her muss man an die Dinge kommen, immer, immer von der Leidenschaft her.” (S. 31) Roland studiert bei dem Professor und wohnt sogar im selben Haus wie er und seine junge Frau. Schnell stellt Roland fest dass etwas nicht stimmt, denn viele wissenschaftliche Werke hat der mitreißende Prof nicht zu bieten. Und warum ist der Professor manchmal so abweisend zu ihm? Wie bei jeder Novelle gibt es einen Höhe- bzw. Wendepunkt und einen Paukenschlag zum Schluss. Stefan Zweig hat eine hervorragende Novelle geschrieben, die zu ihrer Zeit tatsächlich hochaktuell und brisant war, war Homosexualität doch unter Strafe gestanden. Er umkreist das Thema sehr behutsam (Spoiler), um dann am Ende zu offenbaren, dass der Ich-Erzähler für den Professor ebenfalls diese Gefühle hatte: “Keinen habe ich mehr geliebt.” (S. 96) So lautet der letzte Satz. Ob der Ich-Erzähler im Laufe seines Lebens noch weitere homosexuelle Erfahrungen gemacht hat, erfahren wir nicht. Die Novelle stellt exemplarisch am Beispiel des alten Professors dar, wie fatal es ist, die eigene Persönlichkeit, zu der auch die sexuelle Orientierung gehört, unterdrücken zu müssen. Das Versteckspiel, das der Professor - mitsamt Albi-Ehefrau - aufrechterhält, hat direkte Auswirkungen auf seine Kreativität und damit seinen wissenschaftlichen Erfolg. Dass er ausgerechnet die Abhandlung über Shakespeares “Globe”-Theater nicht fertigstellen kann, ist bezeichnend, war doch die elisabethanische Theaterwelt ein Ort der künstlerischen Freiheit, in der Männer - zumindest auf der Bühne - Frauen darstellen konnten und so unter der Maske der Fiktion und im geschützten Backstage-Bereich andere Männer “lieben” durften. Ein wirklich beeindruckender, fast 100 Jahre alter Text, den ich euch allen unbedingt ans Herz legen kann. In der Reclam-Ausgabe natürlich mit ausführlichem Nachwort und Worterläuterungen.

Verwirrung der Gefühle
Verwirrung der Gefühleby Stefan ZweigReclam, Philipp