30. Mai
»Man kann es ihnen nicht klarmachen, dass sie diese Begeisterung, diese Fahne nicht kennen, dass unser Krieg nicht sein würde, wie der ihre war.«
Rating:5

»Man kann es ihnen nicht klarmachen, dass sie diese Begeisterung, diese Fahne nicht kennen, dass unser Krieg nicht sein würde, wie der ihre war.«

Elisabeth ist ein überzeugtes Hitlermädchen und begegnet anderen Meinungen mit überheblichem Trotz. Als sie am 01. Mai 1933 auf dem Tempelhofer Feld den hübschen SA-Mann Erwin trifft, bahnt sich alsbald eine Liebesbeziehung an und sie wird schwanger. Doch sie wird das Kind nicht behalten. Kurz darauf wird die junge Liebe getrennt, denn Elisabeth muss in ein Arbeitslager und erst dort beginnt ihre Faszination für Hitler und den Nationalsozialismus zu bröckeln, bis sie sich gar gegen ihn stellt und sich dadurch von Erwin immer mehr entfernt. Neben dem damaligen Alltag wurde die dargestellte Rollenverteilung, insbesondere der sog. „Männlichkeit“, wie es damals üblich war und heute teils immer noch ausgeprägt ist, von der Autorin treffend dargestellt. So empfand sich Erwin erst nachdem er der männliche und meinungsstarke SA-Mann wurde, den wir im Buch kennenlernen, als „richtigen Mann“. Dementsprechend entscheidet sich Erwin schlussendlich auch nicht für Elisabeth, sondern für seine größere Liebe – den nationalsozialistischen Staat, der für ihn über allem steht. Dieses Buch liest sich leicht und ist kein trockener Klassiker, sondern erinnerte mich eher an einen gut geschriebenen und recherchierten Roman der Gegenwart. Doch leider bekommt er nicht die Beachtung, die ihm eigentlich zustünde. Um dieser Tatsache entgegenzuwirken wurde er glücklicherweise neu aufgelegt. Ausschließlich das Fehlen von Abschnitten ist kritisch anzumerken, da man so Perspektivenwechseln oder plötzlich auftauchender Figuren manchmal nicht gewahr werden kann. Dies doch nur am Rande, schließlich tut es dem Buch keinen Abbruch. Es ist und bleibt ein wirklich toller und aufrüttelnder Klassiker, der leider auch Parallelen zur Gegenwart zeigt. Wie immer bei Klassikern liebe ich Nachworte – wie dieses von Philipp Haibach –, um den Kontext bezogen auf Autorin, Werk und Zeit besser zu verstehen.

Elisabeth, ein Hitlermädchen. Roman der deutschen Jugend
Elisabeth, ein Hitlermädchen. Roman der deutschen Jugendby Maria LeitnerReclam, Philipp
20. Mai
Rating:4

Eine wirklich starke Erzählung - leider mit pacing issues. Der erste Teil mit der Beschreibung der Charaktere und der Situation hat mich eingesogen. Man konnte die Einstellungen und Situationen der einzelnen Charaktere nachvollziehen und ihren Schmerz spüren. Der Mittelteil zieht sich leider sehr lange hin und verliert sich in alltäglichen Beschreibungen des Lagerlebens ohne große Charakterentwicklung. Der große Plottwist, der schon auf dem Buchrücken gespoilert wird, findet am Ende fast hastig statt. Die hieraus entstehende Situation hätte man meiner Meinung nach noch stärker ausbauen können um wirklich die Gefühlswelten der Personen zu verstehen. Die Konfrontation zweier Hauptpersonen am Ende hätte gut und gerne 4 mal so lang sein können. Leider etwas hastiges Ende und lange Mitte, aber insgesamt ein sehr wichtiges Werk, das den Beginn der NS-Regierung aus Sicht Jugendlicher portraitiert.

Elisabeth, ein Hitlermädchen. Roman der deutschen Jugend
Elisabeth, ein Hitlermädchen. Roman der deutschen Jugendby Maria LeitnerReclam, Philipp