12. März
Rating:1

Erschöpfend langweilig. Gerne würde ich den Roman zusammenfassen, dies fällt allerdings schwer, da er nicht nur unnötig lang ist, sondern auch komplett handlungslos. Grob gesagt geht es um Wilhelm Meister, dem wir zuerst in seinen Lehrjahren begegneten, einem Buch, das als der Bildungsroman schlechthin gelobt wird und in dem der Protagonist sich vom reichen verwöhnten Bübchen zu einem ja, was eigentlich? - entwickelt. Goethe hielt seinen Charakter Wilhelm wohl für gescheit und gestaltete diese Fortsetzung, in der Wilhelm mit seinen Sohn auf Wanderschaft geht, allen möglichen alten und neuen Freunden dabei begegnet, Arzt wird und Natalie, seine Frau, vermisst und ihr entsagt. (Deshalb der Titel "Die Entsagenden"). Die Handlung allerdings ist schwach. Goethe verstieß hier gegen alle Regeln des Romans, er lässt seinen Protagonisten wandern, aber ziellos und ohne Sinn, ständig wirft er dabei lose Phrasen, Philosophien und Novellen ein, die das Lesen bloß noch erschweren. Vielleicht war Goethe den Meister selbst satt - das Buch hatte eine lange Entstehungsgeschichte- und warf nur noch hier und da sein eigenes Gedankengut ein. "Wanderjahre" zählt zu seinem Alterswerk und das macht sich bemerkbar, in Handlung und Charakterentwicklung. Zugegeben, das Buch selbst wirkte auf mich ein wenig senil. Zeitsprünge, Handlungsstränge wurden ausgelassen, vergessen und nie aufgeklärt, Mysterien entwickelt, über die danach nie wieder gesprochen wurde. Es war aussichtslos der Handlung zu folgen. Es hatte eher die Wirkung einer Ideensammlung oder viel mehr Anekdotensammlung, gespickt mit dem Gedankengut der Freimaurer. (Irgendwo in der Handlung wollen die Personen nämlich nach Amerika, um neues, gutes Land für ihre politischen Pläne zu finden.) Wer ein Buch über das gute, alte, deutsche Handwerk vor der Industrialisierung lesen will, für den ist "Wanderjahre" genau das richtige. Das Handwerk wird stets gelobt wie im vorhergehenden Buch das Theater und man ist sich einfach nicht sicher, worauf Goethe hinaus will. Seine Charakter geben nichts davon preis, sie sind weder beständig, noch originell, was den Leser nur verwirrt. Im Vergleich zu seinem Roman "Die Wahlverwandschaften", der viel eindeutiger war und auf etwas hinzulief, ist "Wanderjahre" ein buntes Puzzle - es fehlt nur eben das letzte, so wichtige Teil. Eigentlich schade. Zurecht eines der unpopuläreren Werke Goethes.

Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagenden
Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagendenby Johann Wolfgang GoetheReclam, Philipp