8. Apr.
Rating:4

Wenn man es mag ist es empfehlenswert

Wenn man bedenkt, wie alt Romane sind und wie gern sie Charakteristika der damaligen Zeit – sei es von Personen oder von Gesellschaften – aufgreifen, wundert man sich manchmal wirklich, ob sich der Mensch, ob sich die Menschheit, ob sich die Gesellschaft überhaupt weiterentwickelt hat. Den Charakter des Hauptprotagonisten erkennt man auch heute noch wieder, genau wie die gesellschaftlichen Missstände, die in anderen Büchern, die zur klassischen Literatur zählen, bis heute dieselben sind. Wir erleben hier einen recht selbstverliebten Protagonisten, dem es zuweilen sogar Freude zu bereiten scheint, Menschen um ihn herum zu verletzen. Ein Held unserer Zeit ist allerdings besonders in seiner Beschaffenheit, denn als Roman gelesen ist das Buch eigentlich eine Zusammenfassung von fünf Erzählungen. Ich denke, die Botschaft dieses Buches liegt in der Frage nach der Selbstbestimmung: Ob man Herr seines eigenen Lebens ist oder ein Opfer seiner Herkunft. Die Sprachkultur ist ein Mix aus etwas altertümlichem, aber dennoch modern wirkendem Erzählen. Für mich ist dieses Buch auch für Einsteiger in die russische Literatur geeignet.

Ein Held unserer Zeit
Ein Held unserer Zeitby Michail J LermontovReclam, Philipp
7. Apr.
Rating:3

In „Ein Held unserer Zeit“ von Michail Lermontow folgen wir der Figur Pechorin. Dieser steht sinnbildlich für die nihilistisch geprägte russische Jugend, die erkannt hat, dass dauerhaftes Glück unerreichbar ist. Der Mensch strebt ständig nach neuen Zielen und Idealen, erreicht diese jedoch nie vollständig, weshalb er gezwungen ist, sich immer neue Ziele zu setzen. Pechorin ist darüber hinaus ein Mensch mit vielen Gesichtern – wie jeder von uns. Diese nutzt er jedoch gezielt zur Manipulation, insbesondere in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen, die häufig toxisch verlaufen oder von ihm bewusst gesteuert werden. Der Roman zeigt einen Mann, der versucht hat, seine Emotionen zu unterdrücken und sich eine gewisse Gefühllosigkeit anzueignen. Dies gelingt ihm jedoch nie vollständig. Gerade diese Mischung aus Distanz und innerer Unruhe lässt ihn oft unsympathisch erscheinen. Insgesamt enthält das Buch viele eindrucksvolle und zum Nachdenken anregende Zitate. Die Rahmenhandlung bzw. Gesamtstruktur hat mir persönlich jedoch weniger gegeben. Zusätzlich war meine Ausgabe leider fehlerhaft, da mehrere Seiten lose waren, was das Leseerlebnis beeinträchtigt hat.

Ein Held unserer Zeit
Ein Held unserer Zeitby Michail J LermontovReclam, Philipp
21. Jan.
Rating:5

Der Titel könnte vermuten lassen, dass dieser Roman heute nicht mehr zeitgemäß ist, da er sich ja scheinbar auf einen Held seinerzeit bezieht. Man kann diesen Helden aber genauso gut auch in unsere Zeit versetzen und die Geschichte wär noch genauso aktuell. Der Titel deutet außerdem an, dass wir es hier mit einem vermeintlichen Helden zu tun haben. Dabei handelt es sich eher um einen Antihelden, der den Leser schon sehr fordert. Der Protagonist ist eines der größten sexistischen Arschlöcher über die ich je gelesen habe. Er ist ein Playboy der jede Frau verführt, egal ob sie ihn reizt oder nicht. Er macht es nicht mal der Freude wegen, sondern einfach nur damit ihn die Langeweile nicht umbringt. Denn er ist bereits mit Mitte 20 verlebt, innerlich abgestorben und leer, nichts berührt und erreicht ihn mehr. Die feine Moskauer Gesellschaft hat ihn so früh so überreizt, dass er abgestumpft ist und nur noch für mikroskopisch kurze Zeit von etwas gereizt wird, bevor er es (bzw. sie) wieder fallen lässt. Es ist also keine Überraschung, dass er auf seinem Weg nicht einfach nur Frauenherzen bricht, sondern ganze Existenzen zerstört. Keine gute Voraussetzung also wenn man Sympathie für einen Protagonisten aufbringen muss um Gefallen an einem Buch zu finden. So seltsam das auch klingen mag, konnte ich mich zu einem sehr großen Teil mit Petschorin identifizieren. Nicht weil es mir ähnlich gehen würde, sondern weil er seine Gedanken dermaßen analytisch und selbstreflektiert beschreibt, dass ich seine Handlungen und Gefühle (bzw. in der Mehrheit seine nicht vorhandenen Gefühle) gut nachvollziehen konnte. Und das ist, wie ich finde, das eigentliche Meisterwerk Lermontows. Diese glasklare Reflektion des Protagonisten, die Gefühle die ab und zu doch noch für kurze Zeit in ihm aufkommen und ihn, sowie den Leser fast hoffen lassen, während sowohl er selbst wie auch der Leser eigentlich wissen, dass es hier keine Hoffnung mehr gibt. Bei diesen inneren Gedanken war ich oft kurz davor zu Weinen, um das Schicksal Petschorins, um die verlorenen und toten Gefühle, die er nicht mehr erleben kann. Man könnte annehmen Petschorin sei ein Misogynist und Menschenfeind, dabei ist dies gar nicht der Fall. Er verachtet seine Mitmenschen nur selten, vielmehr betrachtet er sie sehr analytisch und versucht durch sie seine innere Leere zu füllen. So sind es die Augenblicke in denen er über das weibliche Geschlecht nachdenkt und dieses nicht minderwertig betrachtet, sondern liebt und bewundert und sich selbst dafür hasst dass er nicht zurück lieben kann, die mich erstaunt haben. Er wird jedoch nie selbstbemitleidend oder verbittert, sondern beschreibt seine Gefühlswelt sehr analytisch und kalt, um dann fast verzweifelt zu wirken: "Wir schieden. Sie ist unzufrieden mit sich; sie macht sich Vorwürfe wegen ihrer Kälte...O, das ist der erste wichtigste Erfolg! Morgen wird sie mich entschädigen wollen. Ich weiß das Alles im Voraus - und das ist das Langweilige dabei." "Ich war ein moralischer Krüppel geworden. Die beste Hälfte meiner Seele existierte nicht mehr; sie war verdorrt, erstorben, vernichtet; ich riss sie aus und warf sie fort. Die andere Hälfte aber pulsierte und lebte noch zum Dienst der Menschheit; und Niemand bemerkte diese Veränderung, weil Niemand um die Existenz der zu Grunde gegangenen Hälfte gewusst hatte. Jetzt haben Sie die Erinnerung an dieselbe in mir wachgerufen und ich habe Ihnen ihre Grabschrift gelesen. Den meisten Menschen erscheinen Grabschriften lächerlich; mir nicht; vor allen Dingen nicht, wenn ich daran denke, was unter ihnen begraben liegt." Das alles erzählt Lermontow in einer poetischen Sprache die mich von Anfang bis Ende gefesselt hat. Die tiefgreifende, psychologische Beschreibung seiner Gedankenwelt, ist mit das Beste was ich bisher gelesen habe. Was ich außerdem interessant finde, dass dieses Buch 1840 veröffentlicht wurde, also in der Epoche der Romantik zur Schnittstelle zum Realismus. Während Dickens noch Jahre später romantisierte Beziehungen in seinen Büchern beschrieb, hat Lermontow seinen Held unserer Zeit stark realistisch dargestellt. Ich hatte vorher noch nie etwas von diesem russischen Schriftsteller gehört und bin froh auf sein Werk gestoßen zu sein. Ich werde mir definitiv noch andere Bücher von ihm vornehmen, "Ein Held unserer Zeit" ist ganz klar auf meiner Favoritenliste gelandet.

Ein Held unserer Zeit
Ein Held unserer Zeitby Michail J LermontovReclam, Philipp