Das Nibelungenlied ist es auf jeden Fall wert gelesen zu werden, vor allem, wenn man die Bestandteile auf das, was sie sind herunterbricht. (Aus heutiger Sicht wirkte es auf mich an manchen Punkten wie Comedy.) Wer mitspielt: Siegfried: Superstar und Königssohn aus Xanten, der so wunderwunderwunderschön ist, das es niemand glauben kann. Und natürlich auch super stark. Ute: Muddi von den Burgunden Gunther: Ihr Sohn, der auch schön ist aber nur wunderwunderschön. Gernot: Sohn Nr. 2 Gieselher: Sohn Nr. 3 und der süüüße Junior Kriemhild: Ihre schöne und sooo liebe Schwester, die später nicht mehr so lieb ist. Brünhild: Auch ein Superstar (bis zu ihrer Entjungferung), überstark und krass drauf. Hagen von Tronje: Badass und Superschurke, bisschen geldgeil auf Siegfrieds Hort. Etzel: Ehemann Nr. 2 von Kriemhild und noch viel cooler als alle anderen Könige zusammen. Hinzu kommen weitere Nebenfiguren, die mich mit Stolz auf die althochdeutschen Namen blicken ließen, wie: Dankwart (Hagens Bruder), Rüdiger von Bechelaren, Volker a.k.a der Spielmann, Ortwin, Dietrich von Bern etc. Was passiert: Macht euch bereit für spannungsgeladene Action: Boten, die losgeschickt werden! Fette Parties! Reisen auf dem Boot oder zu Pferd! Seitenlange Beschreibungen von Kleidung! Ehrlich, ich wollte schon immer wissen was Gunther (dieser Name strahlt es ja schon aus) für fancy Sachen trägt. Es gibt da einmal die Burgunden, die ziemlich rich sind und Siegfried, der ziemlich heldenhaft und reich ist (wie so ziemlich alle in diesem Buch). Er will Kriemhild, die Schwester von den Burgunden zur Frau nehmen. Nach mehreren Szenen, in denen Siegfried beweist, was für ein Badass-Typ er ist, geht das ganze klar. Aber erst braucht Gunther eine Frau: Brünhild. Brünhild hat sich überlegt, dass sie nur heiratet, wenn der Mann sie besiegt in Speerwurf und Weitsprung. Gunther hat nicht so viel auf dem Kasten wie Siegfried und mithilfe einer Tarnkappe gelingt es den Beiden, Brünhild auszutricksen und sie glauben zu lassen, dass Gunther siegt. In Wahrheit siegt Siegfried aber die Täuschung klappt. Tolle Doppelhochzeit. Für Siegfried auch eine tolle Hochzeitsnacht. Gunther wird an die Wand genagelt. Er fragt wieder seinen BFF um Rat und der boxt Brünhild, bis sie sich entjungfern lässt. Danach wird sie leider ihre übermenschlichen Kräfte los. Die Folgen des Betrugs sind: Brünhild hält Siegfried für einen Lehnsmann von Gunther. Siegfried hielt es aus irgendeinem Grund für eine schlaue Idee, Brünhild Ring und Gürtel zu klauen und Kriemhild zu schenken. Es gibt Babys. Bei einem Besuch von Kriemhild und Siegfried versucht Brünhild herauszufinden, ob Siegfried wirklich Untertan von Gunther ist. Es gibt ein Battle zwischen ihr und Kriemhild, in dem es eigentlich darum geht, wer hübscher aussieht und netter gekleidet ist. (Könnten sich die Schülerinnen von heute bestimmt auch mit identifizieren). Das endet darin, dass Kriemhild Brünhild "Kebse" (neuhochdeutsch: Blöde Bitch) nennt, behauptet, ihr Mann hätte Brünhild entjungfert (als Beweis dient ihr besagter Ring) und zuerst in die Kirche geht, was total super oberkrass ist. Brünhild reagiert wie jede vernünftige Frau des Mittelalters: Sie heult ihrem Mann die Ohren voll. Hagen von Tronje bekommt die Burgunden dann überzeugt, dass Siegfried weg muss. Er selbst ist nur geil aufs Geld. Erst gibt es mal wieder Krieg, irgendwie... jedenfalls... und dann doch Jagd. Kriemhild war so nett, ihnen vorher zu verraten, wo die Unverwundbarkeit ihres Mannes nicht greift, und genau dort trifft Hagen ihn jetzt. Die Leiche legen sie dann vor Kriemhilds Tür ab. Keine Ahnung, wieso man die arme Frau noch traumatisieren muss. Als er aufgebahrt liegt, spaziert Hagen an ihm vorbei und Siegfrieds Wunden fangen wieder an zu bluten, was beweist, wer sein Mörder ist. Von da an ist Kriemhild eine Heulsuse und vermisst ihren Ehemann, bis ihre Brüder sie an den nächsten verscherbeln: Etzel. Wieder Party, Party. Rüdiger schwört ihr, ihr zu dienen. Noch ein Baby (süüüüüß) und irgendwann lädt Kriemhild ihre Brüder und Hagen von Tronje ganz unverfangen zu sich ein. Von allen Seiten wird der Reisetrupp gewarnt aber es scheint sie nicht sonderlich zu interessieren. Hagen zeigt sich von seiner Brutalo-Seite: mordet Fährmänner und will Kaplane aus dem Boot schmeißen und irgendwie sind alle damit einverstanden. Ab der Ankunft in Etzels Reich ist alles nur noch ein riesengroßes Gemetzel und viele Tote, die auch wieder tolle Namen tragen sind zu vermelden. Feuer gibt es auch noch, besser als in jedem actiongelandenen Hollywood-Blockbuster. Am Ende ist es Kriemhild, die ihren Bruder enthauptet und dann auch Hagen und somit ihre Rache bekommen hat. Was sie nicht weiß: Im Mittelalter ist Emanzipation so was von uncool und das Frauen töten so wieso. Am Ende sind so ziemlich alle tot. Deprimierend. Best of Plotholes und Ungereimtheiten: Das Nibelungenlied ist meiner Meinung nach ein wunderbares Beispiel für die inkosequente Erzählkunst, die sich so oft in Mittelaltertexten findet. 1. Siegfried, der am Hof der Burgunden erst mal Kämpfen will und über Kapitel hinweg vergisst, dass er ja eigentlich um die sexy Kriemhild werben wollte. 2. Siegfried und Brünhild kennen sich... irgendwie... vermutlich. 3. Kriemhild, die es für eine schlaue Idee hielt zu erzählen: "Oh und genau am Schulterblatt, ist Siegfried verwundbar. Warum auch immer ihr das wissen wollt..." 4. Hagen warnt vor der Reise zu Etzel und will dann aber mit, weil er kein Feigling ist? Äh ja. 5. Was ist mit Brünhild passiert? Wieso wird nie wieder von ihr gesprochen? 6. Was wird aus Gunter Junior? Und Siegfried Junior? Zum Schluss noch was Ernstes: Über das Nibelungenlied etwas zu schreiben, was noch nicht geschrieben oder untersucht worden ist, ist wahrscheinlich unmöglich. Als ein Glanzstück der mittelhochdeutschen Literatur und späterer Stilisierung zum Nationalepos gibt es wohl nichts, was noch nicht über das Buch gesagt worden ist. Und trotzdem, Jahrhunderte später, ist es immer noch ein beeindruckendes Buch.
20. Okt.Oct 20, 2017
Das Nibelungenliedby Karl BartschReclam, Philipp
