Hinter den Erfahrungen bist du einfach nur Mensch
Was wäre, wenn es einen Ort gäbe, an dem alle Verfolgte, durch Machtmissbrauch Drangsalierte und Versklavte ungestört leben könnten? Nur Ausgewählte könnten überhaupt nur diesen Ort betreten. Er wäre wohl die wahre Zuflucht, ein Raum des Friedens und der Freiheit. Wir sind im Beginn des 19. Jahrhunders, nördlich von St. Louis. Saint, eine Magierin, bewandert in afrikanischer Spiritualität und Hoodoo erschafft so einen Ort, indem sie die Stadt, „Ours“ gründet, ein Zuhause für ehemalige Versklavte, die sie zum grossen Teil auch selbst befreit hat, indem sie ihre „sogenannten Herren“ tötete. Sie wird zur Gründerin und ist zunächst auch ihre einzige Beschützerin. Ein Paradies auf Erden, in dem man sich einfach nur wohlfühlen kann, fernab jeder Gefahr, an dem man sich frei entfalten kann, für alles nötige ist gesorgt, hier kann man sich entspannen. Die ausnahmslos nur aus Schwarzen bestehenden Personen in diesem Buch sind nun befreit und können erst jetzt anfangen, sich zu entwickeln. Wir erleben das mühsame Erlernen eines selbstbestimmten Lebens mit Höhen in Tiefen und damit zugleich die langsame und oft zögerliche Emanzipation einer afroamerikanischen Gesellschaft. Der Debütroman von Phillip V. Williams macht es uns nicht leicht, hinter die Geschichte zu kommen, die beinahe vordergründig poetische Sprache folgt oft keiner chronologischen Logik und ist zudem durchsetzt mit einer Art magischem Realismus, Visionen und Verschiebungen der Wirklichkeit hin zu den Geistwelten und mystischen Zwischenräumen. Es wird nicht möglich sein, hier weitere Beschreibungen des Inhalts des Buches zusammenzufassen, zu verschlungen und vieldimensional ist es. Mir ging es ganz wunderbar in diesem Buch, mit seinen versteckten Orten und vielschichtigen Menschen. Ich konnte tief eintauchen in mir bisher unbekannten Gepflogenheiten, Geschichten und Zaubereien, hier und jenseits. Die Sprache traf mich direkt ins Herz und liess mich alles Viel unmittelbar fühlen. Dies ist kein Buch des Verstandes, auch wenn es ein eher hohes, poetisches Niveau und einen glasklaren Verstand einfordert. Ein Zitat als Beispiel dieser Sprache: „Ich dachte, wenn ich mit dem Kopf im Damals bleibe, würde ich mich im Jetzt an das Damals erinnern, um es dir zurückzubringen, aber je mehr ich im Damals blieb, desto mehr übernahm das Jetzt die Oberhand, und jetzt kann ich dich nicht retten, weil das Du jetzt etwas von dem Ich damals braucht, das mein Ich jetzt nicht mehr hat. Das Du von damals war der Rettung näher, als ich weiter vom Hier entfernt war, das immer hier ist. Das Hier kam immer wieder, und das Damals-Du verwandelte sich immer wieder in das Jetzt-Du, dein Hier-Jetzt war im Geist leichter zu retten, aber meine Gedanken haben es schwerer, dich in dieser Zeit zu retten.“ (Lass dich bitte nicht abschrecken, dies ist ein Beispiel für eine seltene Verworrenheit, für die ich einiges an Zeit brauchte, bis ich es ungefähr erfassen konnte. ) Für mich ist es sicher ein Lebensbuch, welches ich wohl nie mehr vergessen werde. Es sei von Herzen jedem empfohlen, der den Sinn für Poesie, Mystik und Ausdauer (ja, es ist ein dickes Buch!) mitbringt



