
Nach oben buckeln, nach unten treten!
Heinrich Manns „Der Untertan“ erzählt die Lebensgeschichte des Opportunisten und Karrieristen Diederich Heßling. Der Leser folgt dem verwöhnten Fabrikantensohn von dessen Kindheit bis hin zur Sicherung seiner Stellung in der wilhelminischen Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Heßling ist einerseits ein Mitläufer ohne Rückgrat und damit der perfekte Untertan, andererseits ist er aber auch ein Choleriker, ein Lebemann, Egoist und Tyrann. Er lebt nach dem Prinzip: Nach oben buckeln, nach unten treten! Heinrich Mann wollte seinen „Untertan“ als Sinnbild des wilhelminischen Reiches verstanden wissen. Mit beißendem Witz übt seine Satire unverhohlene Kritik am Kaiserreich sowie am kaiserfanatischen Bürgertum. Das fand Manns Bruder Thomas ursprünglich gar nicht gut. Er warf seinem Bruder unter anderem „nationale Ehrabschneiderei“ vor. Heute gilt der Roman als wichtiges literarisches Dokument über das Kaiserreich, in dem eine mustergültige Zeichnung des zeittypischen Männertypus steckt. Darüber hinaus findet man darin bereits das Vorspiel zum Ersten Weltkrieg und nicht nur das: In seinem Protagonisten Diederich Heßling hat Mann bereits 1918 den Archetypus des idealen Nationalsozialisten gezeichnet. Doch „Der Untertan“ übt nicht nur Kritik am von Diedrich so häufig beschworenen „nationalen Geist“. Auch den politischen Gegner, die Sozialdemokratie, zeichnet Heinrich Mann ambivalent. Er hebt nicht nur die Errungenschaften für die Arbeiterschaft hervor, sondern zeigt durch die Entwicklung seiner Figur Napoleon Fischer, Vorarbeiter in Heßlings Fabrik und später sozialdemokratisches Reichstagsmitglied, dass kein politisches Lager vor der Gefahr der Korrumpierbarkeit durch Macht und Kapitalismus geschützt ist. Angesichts der politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre muss man (leider) festhalten: „Der Untertan“ ist heute wieder aktueller als in den Jahrzehnten davor. Der Typus des Protagonisten Diederich Heßling ist ohnehin zeitlos.














