20. Apr.
Rating:5

Ein Wow-Buch

Sie sind verheiratet? Haben Kinder? Gehen einer regelmässigen Berufstätigkeit als Angestellter nach? Dann stellen Sie sich Folgendes vor. Sie kommen mit Ihrer Familie aus Ihrem zweiwöchigen Sommerurlaub an einem spanischen Strand nach Hause ins Einfamilienheim und haben schon das Gröbste aus- oder eingeräumt. Alles wie immer. Die Wäsche liegt bereits vor der Waschmaschine, die Kinder sind im Bett. Gemütlich setzen Sie sich mit Ihrer Frau auf die Terrassenbank, geniessen ein Glas Wein und lesen ein wenig in den aufgelaufenen Zeitungen. Bis dahin alles bekannt? Abwarten. Die Frau steht auf, um nach dem rufenden Sohn zu schauen und geht danach vom Tag ermüdet direkt ins Bad und Bett. Der Mann steht ebenfalls auf und geht zum Gartentor und verlässt das Grundstück. Er hat nichts dabei ausser den Kleidern, die er noch von der Fahrt am Leib trägt, ein paar simple Utensilien in der Tasche, ein wenig Bargeld und eine Kreditkarte. Er geht einfach weiter. Stunde um Stunde, die ganze Nacht, die folgenden Tage, Wochen. Das Alltagsleben ist so perfekt abgestimmt, funktionell und ablaufoptimiert, dass seine Frau sein Fehlen erst am Nachmittag des Folgetages so richtig realisiert. So beginnt die Geschichte im Roman von Peter Stamm. An dieser Stelle rauscht einem das erste Wow durch den Kopf und an dieser Stelle beginnt auch eine Polarisierung, die das Buch ganz zwangsläufig mit sich bringt und die die Leser während der gesamten Lektüre in zwei Lager teilen wird. Da sind die einen - und das ist völlig geschlechtsunabhängig - die sagen werden „Wie kann er so etwas tun, seine Familie im Stich lassen?“. Und da sind die anderen, die aufschreien „Kann ich mich absolut hineinversetzen, habe ich auch schon oft daran gedacht“. Natürlich wartet man auf Anhaltspunkte, auf Antworten nach dem Warum. Und die gibt es, wenn man einen Peter Stamm lesen kann. Wie immer schreibt er auch in diesem Werk in seinem verdichteten, minimalistischen Stil, der ihn auf den ersten Blick eher zum Krimi-Autor zu prädestinieren scheint. Aber da sind die vielen Stimmungsbilder, die er nicht mit üppigen Ölfarben, sondern mit dem Kohlestift skizziert, die aber dennoch alle Informationen enthalten, um die Charaktere von Mann und Frau zu psychoanalysieren, um die Entwicklung retrospektiv kommen zu sehen, um zu verstehen. Es ist wie immer nicht nur die Flucht eines Ehepartners aus der Versklavung innerhalb der Strukturen einer Familie. Es ist nicht nur die vordergründig heile, im Kern aber zerbrochene Beziehung. Es ist viel subtiler. Und genau deshalb passt Stamm’s subtiler Stil einmal mehr genau zu dem, was er schreibt. Natürlich lebt das Buch auch von der Spannung, wie solch eine Geschichte wohl ausgehen wird. Wie in Hollywood als Happy End in rosa Wolken oder wie im wirklichen Leben mit Scheidungskämpfen bis aufs Blut? Nein ganz anders. Nach dem Wow-Anfang kann bei Peter Stamm fast nur ein Wow-Ende folgen. Und aus den Parallelen und Denkanstößen zwischen Anfang und Ende kann man sich als LeserIn seine eigenen Wow’s generieren.

Weit über das Land
Weit über das Landby Peter StammS. FISCHER
14. Apr.
Weit über das Land von Peter Stamm arbeitet mit einer Sprache, die konsequent reduziert ist.
Rating:3.5

Weit über das Land von Peter Stamm arbeitet mit einer Sprache, die konsequent reduziert ist.

Die Sätze sind nicht kurz, aber klar und ohne Ausschmückung. So entsteht eine besondere Ruhe im Text. Gerade darin wird die innere Bewegung von Thomas und Astrid sichtbar – leise, aber präzise. Ein Roman, der seine Wirkung aus Zurücknahme gewinnt.

Weit über das Land
Weit über das Landby Peter StammS. FISCHER
30. Dez.
Rating:5

Unglaublich

Peter Stamm malt Gedankenbilder, die fast schon beschämend sind beim Lesen, die so keiner benennt. Und gleichzeitig sind es doch die realistischsten Szenarien. Eine nicht zu glaubende Geschichte eines Paares, das so weit entfernt, und so nah ist. Am Ende ist alles beschrieben und doch noch alles offen.

Weit über das Land
Weit über das Landby Peter StammS. FISCHER
23. Sept.
Rating:5

Alles ist wie immer, als die Familie aus dem Urlaub zurückkehrt. Der Abend vergeht ruhig, Astrid und Thomas sitzen mit einem Glas Wein und der alten Zeitung vor dem Haus und genießen die Stille. Als Astrid ins Haus geht, um nach dem Sohn zu sehen, beschließt Thomas aufzubrechen. Er geht zum Tor hinaus und immer weiter über die Felder und durch den Wald. Wie er zu diesem Entschluss kam, weis er selbst nicht, er weis nur, dass er nicht entdeckt werden will und immer weitergehen muss. Astrid bemerkt seine Abwesenheit erst am nächsten Morgen und beginnt sich Sorgen zu machen, da er nicht in der Arbeit angekommen ist. Nachdem sie die Leugnung aufgibt, beginnt sie mit polizeilicher Unterstützung nach ihm zu suchen. Auch wenn mir die Handlung zuerst etwas abwegig erschien, musste ich doch feststellen, dass den Gedanken, einfach loszulaufen und allem den Rücken zu kehren wohl jeder kennt. Diese befreiende Vorstellung liegt der Geschichte ebenso inne wie die Verwirrung und der Schmerz der zurückgelassenen. Für mich ein absolutes Jahreshighlight

Weit über das Land
Weit über das Landby Peter StammS. FISCHER
23. Sept.
Rating:3

Thomas ist mit seiner Familie gerade aus einem harmonischen Urlaub zurückgekehrt. Alles ist gut: mit seiner Frau Astrid sitzt er im Garten und trinkt ein Glas Wein. Aber als sie ins Haus geht, um nach den Kindern zu sehen, erscheint ihm der Garten mit einem Mal als Verlies. Thomas steht auf und geht. Ungeplant, Schritt für Schritt, immer geradeaus. Und er wird für eine lange Zeit nicht anhalten. Mit Thomas präsentiert uns Peter Stamm einen Protagonisten, der schwer zu fassen ist. Auf seiner Flucht lässt Thomas seinen Gedanken freien Lauf, dennoch bleiben seine Motive größtenteils unerklärt und unreflektiert. Er kümmert sich nur um die grundlegendsten Bedürfnisse: Essen, Kleidung, Sicherheit. Das schafft Raum für ein Leben im Augenblick – den er annimmt, jedoch selten hinterfragt. Peter Stamm lässt diese Lücke ganz bewusst stehen. Thomas beobachtet. Sehr genau. Aber er interagiert kaum mit der Welt um sich herum. In diesem ersten Moment im Garten erahnt man, wie eingesperrt er sich fühlt in seinem durchschnittlichen Leben. Im Laufe des Buches verdichtet sich der Eindruck, dass er dieses als klaustrophisch eng empfand und gleichzeitig als vollkommen sinnentleert. Astrid versucht zunächst, das Verschwinden ihres Mannes nach außen zu leugnen, dann auch innerhalb der Familie durch Erklärungen bekömmlich zu machen. Jeder habe doch mal den Wunsch, vor allem zu fliehen. Jeder brauche gelegentlich eine Auszeit. Sie sucht nach Motiven, die seine Flucht erklären und eine Rückkehr zugleich nicht undenkbar machen. Die Lücke, die Thomas hinterlässt, ist gleichzeitig erstaunlich klein und allumfassend. So stellt Astrid fest, dass es im Familienalbum so gut wie keine Bilder von Thomas gibt. Immer nur Astrid und die Kinder, die Kinder und Astrid. Dennoch kann Astrid sich nicht lösen von Thomas. Umgekehrt fühlt auch er sich trotz (oder gerade wegen) der räumlichen Distanz, die sich stetig vergrößert, verbunden mit seiner Familie. Der Autor beginnt das Buch mit einem Zitat von Markus Werner: ‘Wenn wir uns trennen, bleiben wir uns’. Die Geschichte wird abwechselnd aus Astrids und Thomas’ Sicht erzählt, dabei geht die eine Perspektive oft fließend in die andere über. Manchmal ist für den Leser kaum ersichtlich, was wirklich passiert und was nur Fantasien und Tagträumen entspringt. Mehr als einmal fragte ich mich, ob es überhaupt zwei Perspektiven gibt – oder nur Thomas’ Sicht und seine Vorstellungen, wie das Leben seiner Familie ohne ihn weitergeht. Die Geschichte folgt keinem deutlich erkennbaren Spannungsbogen. Über lange Strecken passiert wenig, was die Handlung voranbringt. Die Handlung zieht sich, Thomas läuft weit über das Land, und Astrid scheint gefangen in einem Leben, das mit seinem Verschwinden zum Stillstand kam. Für mich lag die Sogwirkung des Romans im Gedankenspiel: Was ist und was hätte sein können, überlappt sich, bis es jäh zum Bruch kommt: auf einmal erscheint eine der Perspektiven logisch nicht mehr erklärbar. Dem Leser obliegt die Entscheidung, welche Realität er annehmen will – wenn überhaupt eine davon. Es ist definitiv ein Buch, aus das man sich einlassen muss. Selbst dann ist es ein Buch, das seine Schwächen hat. Abgesehen von der gelegentlichen ermüdenden Passage, in der Thomas’ Leben scheinbar auf Endlosschleife läuft, hat mich vor allem das Ende enttäuscht. Auch wenn ich die Möglichkeit in Betracht ziehe, dass es sich dabei nur um eine Fantasievorstellung handelt, wird hier in meinen Augen eine allzu saubere Lösung erzwungen. In der Beschreibung der Landschaft, durch die Thomas wandert, liegt in meinen Augen indes eine große Stärke des Romans. So schön sie ist, so bedrohlich und lebensfeindlich wirkt sie auch – muss sie wirken, damit der Protagonist seine persönliche Heldenreise antreten kann. Man spürt die Urgewalt der Natur, ohne dass die Sprache laut wird. Auch sonst bleibt sie einfach und klar, sogar nüchtern. Peter Stamm erzählt ohne Dramatik vom leisen Scheitern eines Lebens und der Flucht vor der entstandenen Leere. Diese Rezension wurde ursprünglich auf meinem Blog veröffentlicht: https://wordpress.mikkaliest.de/2018/06/01/rezension-peter-stamm-weit-ueber-das-land/

Weit über das Land
Weit über das Landby Peter StammS. FISCHER