Eine Erzählung über die Relativität des Glücks
„Da standen diejenigen, die gerufen wurden, aus ihren Gräbern auf. Mit dem Nacken stießen sie die Erde nach hinten, mit der Stirn durchbrachen sie das Erdreich – wie ein keimendes Korn, das seine grüne Spitze ins Freie drückt. Sie hatten wieder einen Körper.“ Mit diesen eindrucksvollen, beinahe biblischen Zeilen eröffnet Ramuz seinen Roman „Dorf im Himmel“. Schon der Einstieg zieht einen in eine seltsam entrückte, zeitlose Welt, in der Verstorbene eine zweite Chance im Leben erhalten – und das in einem scheinbaren Paradies: ein Dorf ohne Krankheit, ohne schlechtes Wetter, ohne Sorgen. Alles scheint vollkommen. Doch genau hier setzt die eigentliche Geschichte ein. Ramuz lässt seine Figuren in Rückblenden auf ihre früheren, gewöhnlichen Leben zurückblicken. Die Kontraste zwischen der damaligen Realität und dem heutigen Idealzustand dienen als Spiegel für eine zentrale Frage: Was ist Glück – und wie lange bleibt es erfüllend, wenn es keine Herausforderungen, keine Unsicherheiten mehr gibt? Er lädt einen dazu ein, sich mit grundlegenden Fragen auseinanderzusetzen: Entsteht Glück tatsächlich durch die Erfüllung aller Wünsche? Oder beruht es vielmehr auf dem Vergleich – zwischen dem, was man hat, und dem, was man sich ersehnt? Was geschieht mit unserem Empfinden, wenn der Soll-Zustand zur dauerhaften Realität wird? Verliert das Glück dadurch seinen Reiz? Und führt eine Welt ohne Mangel und Wandel nicht letztlich zu Langeweile statt Zufriedenheit? „Die Sonntage des Herzens waren selten in jener Zeit: Vielleicht waren sie darum so kostbar.“ Ein lesenswerter Roman für alle, die sich für philosophische Fragen und menschliche Sehnsüchte interessieren.
