14. Juni
Rating:5

Geschwisteransichten

Der Roman ist aus drei verschiedenen Personen erzählt. Die Geschwister Andrea, Ulrike und Rasmus erzählen haben je einen Abschnitt, wo man ihre eigenen Wahrnehmungen und Ansichten zum gleichen Plot erleben. Der Zeitraum beginnt mit dem Tode des Vaters und endet einige Monate nach der Beerdigung der Mutter. Die Figuren sind dermaßen verschieden und stellenweise sehr nervig aber trotzdem menschlich. Wenn man den einen verstehen kann, dann ändert sich wieder die Ansicht, wenn man die Perspektive aus einer anderen Ansicht der Geschwister mitbekommt. Alles ist nicht immer wie es scheint. Ein vielschichtiges Buch, dass ich sofort empfehlen kann.

Geschwister
Geschwisterby Moa HerngrenKein & Aber
14. Juni
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Rating:5

Absolute Leseempfehlung: vielschichtige Familiendynamiken unter Geschwistern „Urteile nicht über jemanden, in dessen Schuhen du nicht selbst gewandert bist ...“ Die drei Geschwister Andrea, Ulrika und Rasmus haben nach dem tragischen Verlust ihres Vaters Olle jeweils einen schweren Rucksack zu tragen. Zwischen funktionierendem Alltag, Kindererziehung, Partnerschaften und Freundschaften versuchen sie, ihre Trauer zu bewältigen. Obwohl sie längst erwachsen sind und auf eigenen Beinen stehen, wirft sie dieser Schicksalsschlag auf unterschiedliche Weise in ihre Kindheit zurück. Alle suchen die Nähe ihrer Mutter Lotten. In den Begegnungen treten verschiedenste Familiendynamiken, Konflikte und alte Verletzungen wieder zutage. Jedem der drei Geschwister ist ein eigener Buchabschnitt gewidmet, und wir erleben die Zeit rund um Olles Tod aus ihren unterschiedlichen Perspektiven. Dabei wird schnell deutlich, dass alle drei nicht nur verschiedene Sichtweisen, sondern auch unterschiedliche Wissensstände haben. Genau darin liegt die große Stärke und Spannung des Buches. Das Bild davon, wie die Familie Edman funktioniert und wie die Beziehungen zueinander stehen, verändert sich gleich mehrfach. Man lernt die Figuren immer wieder neu kennen. Durch diese drei Blickwinkel in drei unterschiedliche Leben einzutauchen, ist unglaublich faszinierend. Was man zunächst verurteilt, betrachtet man später mit Mitgefühl. Und für manches, das einem zunächst sympathisch erschien, schämt man sich einige Seiten später beinahe selbst. Obwohl der Blick dreimal auf einen ähnlichen Zeitraum gerichtet wird, wird die Geschichte nicht einfach wiederholt erzählt. Stattdessen füllen die einzelnen Perspektiven die Lücken der anderen und ergänzen sich zu einem immer vollständiger werdenden Bild. Genau an diesem Punkt wurde das Buch für mich besonders stark. Wir alle haben einen unterschiedlichen Fokus im Leben, andere Prioritäten und verschiedene Sichtweisen. Was der eine unbedacht sagt, kann einen anderen tief verletzen. Oft fehlt das gegenseitige Verständnis, weil wir uns zu wenig in das Leben anderer hineinversetzen und ihre Schuhe nicht selbst tragen. Diese Dynamik fängt das Buch unheimlich gut und stellenweise fast schon bedrückend ein. Wahrscheinlich kennen wir solche Situationen alle aus Beziehungen, Freundschaften oder der eigenen Familie. Unter Geschwistern jedoch, die viele Jahre eng miteinander verbunden waren und deren Beziehung von einer ganz besonderen emotionalen Tiefe geprägt ist, wirkt all das noch intensiver. Mich hat das Buch an manches Stellen ein wenig nachdenklich gemacht. Ich mochte den Schreibstil sehr, insbesondere alles, was das Buch sowohl offensichtlich als auch zwischen den Zeilen transportiert. Mit seinen knapp 600 Seiten ist es zwar ein eher umfangreicher Roman, und auch die Perspektiven der drei Geschwister wirken anfangs teilweise sehr ausführlich. Rückblickend wird jedoch deutlich, dass genau diese Ausführlichkeit notwendig ist, damit das Buch seine volle Wirkung entfalten kann. Von mir gibt es daher eine absolute Leseempfehlung.

Geschwister
Geschwisterby Moa HerngrenKein & Aber
14. Juni
Rating:5

Ein Pulverfass

Geschwisterbeziehungen, die bis ins hohe Alter gut laufen, kenne ich nur sehr wenige. Es gibt immer jemand, der sich benachteiligt fühlt, jemand der toxische Kommentare fallen lässt, oder alles an sich reißt. Spätestens wenn’s ans erben geht, gibt es Zoff. Moa Hergren hat es geschafft, dieses Spannungsfeld so auf die Spitze zu treiben, dass es gleichzeitig unglaublich und sehr realistisch wirkt. Eine Geschichte, die das Leben schrieb! Olle ist gestorben und Andrea, die mittlere von drei Kindern, hat ihren über alles geliebten Papa verloren. Auch die andern beiden trauern, aber Andrea unterstellt ihn mal schnell, dass sie sich nicht so viel um seine Beerdigung, seinen Nachlass und die Familie kümmern wie sie. Ulrika ist fünf Jahre älter und fühlt sehr mit ihrer Mama Lotten mit, die wiederum ihren Mann so sehr geliebt hat, dass sie seine, eigentlich unverzeihlichen, Fehler in Kauf nimmt und die damit einehergehenden Depressionen auch. Ulrika lebt als alleinerziehende Mutter in sehr prekären Verhältnissen. Sie ist dabei menschlich geblieben, doch auch Verbitterung und Resignation macht sich in ihrem Leben breit. Diese, mit Sarkasmus und Loyalität zu ihrer Mutter gepaarte Gefühlslage knallt auf Andreas unreflektierte Affenliebe zum Vater, deren Aktionismus und ihre spürbare Überheblichkeit. Und dann ist da noch Rasmus, der Nachzügler, der eine sehr einsame Kindheit verbrachte und von seinen Schwestern nur bemerkt wird, wenn sie etwas von ihm wollen. Ein Pulverfass! Niemand kann es besser als Moa Hergren, familiäre Schieflagen aus unterschiedlichen Perspektiven so darzustellen, dass man permanent das Gefühl hat, man kann die jeweilige Erzählstimme total gut verstehen. Mein Gerechtigkeitsgefühl wurde ganz schön getriggert. Ich habe mit Andrea Empörung über die Untätigkeit der Geschwister empfunden, ich hab mit Ullis ganz viel Mitgefühl gehabt und ich habe großes Verständnis für Rasmus fühlen können. Und gleichzeitig hätte ich alle drei am liebsten so lange in einen Raum gesperrt, bis sie ihren Shit endlich mal auf die Reihe kriegen. Das in einer Situation die eigenen Kinder aufpassen müssen, die Probleme der Eltern nicht in die nächste Generation mitzunehmen (und dabei den besseren Durchblick haben als ihre Erzeuger) kenne ich auch persönlich. Auch hier hat die Autorin ganz fein ihre klebrigen Fäden schon früh gesponnen, in die sich die beiden Schwestern und der kleine Bruder verheddert haben und zwar so fest, dass es immens viel Kraft braucht, sich daraus zu befreien. Die Schuld der Eltern möchte ich dabei nicht ausser acht lassen. Ich finde man muss Kinder immer und in jeder Situation gerecht behandeln. Das kenne ich aber leider häufig anders. Besonders ältere Menschen neigen dazu, denen ihre Liebe zu schenken, die auf den ersten Blick für Sie da sind - und die anderen dafür zu benachteiligen. Das legt den Grundstein für den großen Krach, wenn sich die Eltern für immer verabschieden. Außerdem haben Lotten und besonders Olle ihre Kinder auf unterschiedliche Art und Weise zu Geheimnisträgern gemacht und für ihre Zwecke manipuliert. Ein unverzeihlicher Fehler, den Erwachsene in Krisensituationen oft an ihren Kindern begehen. Und so steuern wir auch hier auf eine Explosion zu, die ich am Ende heiß ersehnt habe. Wie die Protagonisten aus der Nummer rauskommen, ist typisch Herngren. Man kann nie davon ausgehen, dass das Gewitter alles bereinigt hat. Ein Roman, der für Leute mit hohem Blutdruck schwierig werden könnte, besonders wenn sie selber Ähnliches in ihrem Umfeld erlebt haben. Ich musste es tatsächlich ab und zu weglegen, weil ich mich so aufgeregt have über jede einzelne Person, die hier vorkommt und gleichzeitig gedacht hab: so ist das eben mit der lieben Verwandtschaft! Ich hab mir auf jeden Fall für die Zukunft Einiges vorgenommen und bin gespannt, ob ich aus dieser Lektüre wirklich was gelernt habe. Ihr könnt euch sicher denken: riesengroße Empfehlung und ein weiteres Jahreshighlight!

Geschwister
Geschwisterby Moa HerngrenKein & Aber
12. Juni
Rating:5

3 Perspektiven

Mit „Geschwister“ liefert Moa Herngren ein kluges, emotionales und unglaublich fesselndes Familiendrama, das mich von der ersten bis zur letzten Seite komplett in seinen Bann gezogen hat. Nach dem Tod des Vaters müssen sich die Geschwister Ulrika, Andrea und Rasmus gemeinsam mit ihrer Mutter Lotten neu sortieren. Doch der Versuch, den Nachlass zu regeln, öffnet eine emotionale Büchse der Pandora: Lang verdrängte Traumata, Geheimnisse und angestaute Konflikte kommen ans Licht. Das Geniale an diesem Roman ist der Aufbau: 3 Kapitel, 3 Geschwister, 3 Wahrheiten. Herngren zeigt meisterhaft, dass es in einer Familie nie die eine Realität gibt, sondern alles vom jeweiligen Blickwinkel abhängt. Die tiefen Verletzungen und die lebenslange Rivalität zwischen Erstgeborenen und Nesthäkchen werden hier extrem scharfsinnig seziert. Der präzise, ruhige Schreibstil der Autorin sorgt für eine unterschwellige, subtile Spannung. Jeder Satz sitzt. Schritt für Schritt setzt sich das Puzzle dieser Familiengeschichte zusammen, wodurch sich der Blick auf die Figuren immer wieder verändert. Es ist eine feinfühlige Erzählung über das schwierige Aufarbeiten der Vergangenheit, über verpasste Chancen und den steinigen Weg zur Versöhnung. Für mich ist es der bisher beste Roman von Moa Herngren – ein tiefgründiges Buch, das durch seine ehrlichen und realen Kommunikationsmuster noch lange nachwirkt. Eine absolute Kauf- und Leseempfehlung!

Geschwister
Geschwisterby Moa HerngrenKein & Aber