Nette Geschichte für die Alltagsflucht nach Amrum. Es wurden viele Themen angerissen, aber keinem ausreichend Raum und Tiefe gegeben.
Jette Hansen entführt die Lesenden in ihrem Roman "Die Inselfamilie" auf die Nordseeinsel Amrum zu Anne und Ben. Die Inselatmosphäre wird dabei wunderbar eingefangen und auch Lesende, die den ersten Band der Reihe nicht kennen, so wie ich, werden gut abgeholt. Die Handlung schreitet schnell voran, viele Themen werden angeschnitten und teilweise auch mit Plottwists versehen. Allerdings war mir die Handlung dadurch zum Teil überladen, und gleichzeitig auf den gut 250 Seiten nicht genügend Raum um sich tiefergehend mit den einzelnen Handlungssträngen zu beschäftigen. Themen wie unverhofft Vater werden und von heute auf morgen die Verantwortung für ein kleines Kind zu übernehmen; Annäherung an eine Mutter, die einen nach der Geburt weggegeben hat; ein Familienmitglied, das straffällig wird; Vorahnungen von Alzheimer bei einer nahestehenden Person; Eifersucht in der Beziehung; und dann will sich Anne auch noch selbstständig machen und muss sich mit Konkurrenten herumschlagen. Alle diese Themen hätten das Potenzial für einen eigenen Roman und müssen sich nun aber den Platz teilen, sodass einige von ihnen Recht oberflächlich und für meinen Geschmack viel zu schnell abgearbeitet werden. Die Tiefe hat mir auch in der Ausarbeitung der Charaktere gefehlt: Annes Mutter Emma z.B. ist mir immer noch total fremd und ich habe sie zwischendrin sogar glatt vergessen. Auch die Dialoge sind gefüllt mit Belanglosigkeiten und Floskeln, werden aber abgekürzt, wenn es wirklich wichtig wäre. Abschließend kann ich also folgendes über die Inselfamilie sagen: wer einen schnell voranschreitenden Roman mit einem gemütlichen Setting sucht, der wird hier gut unterhalten. Wer aber tiefe Emotionen, gut ausgearbeitete Charaktere und Handlungsstränge braucht, wird eher enttäuscht werden.


