21. Jan.
Rating:4

Colette ist eine Schriftstellerin auf die ich nie gestoßen wäre, hätte ich nicht an einer Autorinnen-Challenge teilgenommen und mir vorgenommen mehr Autorinnen zu lesen. Ich bin sehr froh dieses Kleinod entdeckt zu haben. La Chatte wird auf dem Buchrücken als "Parabel auf die unzulängliche Natur des Menschen" angegeben. Ich dagegen finde dass es eher das psychologisches Porträt eines egozentrischen Mannes ist. Alain ist ein verwöhntes Muttersöhnchen. Er liebt seine Katze weitaus mehr als seine Frau und ist extrem prüde und verklemmt. Er hat unerfüllbare Ansprüche an die Vollkommenheit von Frauen, sie sollen in seinen Augen Heilige wie seine Katze darstellen. Seine Ehefrau Camille, die ihre Sexualität selbstbewusst ausleben will, überfordert ihn sehr schnell. Er zeigt ziemlich krasse Verhaltensmuster, so hat er nach dem Sex ein schlechtes Gewissen und gibt seiner Frau die Schuld dafür, indem er sie danach grob behandelt. Dazu kommen andere Verhaltensweisen wie seine Unfähigkeit sich an neue Situationen zu gewöhnen, da er nicht damit umgehen kann dass seine Frau fortan in "seinem" Haus wohnt und es umgestalten möchte, außerdem seine Probleme menschliche Nähe zuzulassen, während er nur die Zuneigung seiner Katze sucht und umgekehrt auch nur der Katze Zuneigung schenkt. Ohne mich jetzt zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, da ich kein Psychologe bin und keine Diagnosen stellen kann, hat all dies schon sehr autistisch auf mich gewirkt. Schon an den vielen unterschiedlichen Rezensionen kann man erkennen dass jeder etwas anderes in diese doch sehr kurze Novelle hineininterpretiert. Einige sehen darin die Abhängigkeit von unseren Haustieren, andere halten Camille für frivol und oberflächlich und loben Alain dafür dass er bis zum Ende loyal zu seiner Katze hält. Diese letzte Sichtweise ist genau die des Protagonisten. Colette lässt den Leser durch Alains Augen sehen (wenn auch ohne Ich-Perspektive) und lockt ihn so wohlmöglich in eine Falle (tatsächlich ähnlich zu Nabokovs Lolita, wobei ich mich fast nicht traue diesen Vergleich zu ziehen, da Lolita keine Novelle ist und sonst auch in einer eigenen Liga spielt). Das ist jedoch nur meine Interpretation, ich persönlich fand dass Alain hinreichend als unsympathisch dargestellt wird. Ich denke dieses Buch spaltet die Leserschaft in zwei Lager, abhängig davon ob man Katzenliebhaber ist oder nicht. Die Rezensionen die ich bisher gelesen habe die mit Alain sympathisieren, tuen dies alle aufgrund seiner Liebe zur Katze. Ich dagegen mag Katzen nicht. Und vermutlich deswegen mochte ich Alain auch von Anfang an nicht besonders. Das große Problem dieser Beziehung bzw. Ehe ist meiner Ansicht nach nicht nur Alain's spezielle Psyche, sondern auch die frühe Heirat, ohne sich vorher überhaupt richtig zu kennen, die fehlende Kommunikation weil Beziehungserfahrungen fehlen, was eine Kritik an der damaligen Zeit sein könnte. Wirklich sympathisch waren mir weder Alain, noch Camille, noch die Katze. Trotzdem hat mir diese kleine Novelle sehr gut gefallen, was nicht zuletzt an dem tollen Schreibstil der Autorin liegt. Man fühlt den französischen Flair und scheinbar bewunderte selbst Marcel Proust seine Schriftstellerkollegin. "Eifersucht", wie die deutsche Übersetzung heißt (bei GR übrigens falsch angegeben, Eifersucht wird hier als deutsche Edition von The Vagabound aufgelistet), wird nicht mein letztes Buch von Colette gewesen sein. Für alle die Interesse haben, ist hier der Link zur korrekten deutschen Ausgabe: https://amzn.to/2xfbJ5n

La chatte
La chatteby ColetteJ'AI LU