1. Sept.
Rating:4

Bisher habe ich mich ja erfolgreich um Oscar Wildes Werke herummanövriert, dabei fiel mein Interesse schon recht früh auf seine Geschichten. Der "Dorian Gray" ist leider nach wie vor ungelesen, kam mir aber als stilistische Adonis-Narziss-Mischung bereits in Aufsätzen vor. Wildes "Märchen" sind öfter eher Parabeln, Fabeln und traurige Kurzgeschichten mit märchenhaften Elementen. Die Metaphern sind angepasst-überbordernd, manchmal arg kitschig, aber trotzdem treffend und passend für diese merkwürdige Mischsorte an Kurztexten. Es gibt keine typischen "Es war einmal..."-Anfänge und keine "und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende"-Enden, aber trotz allem sind all diese Geschichten zeitlich und räumlich enthoben, haben alle ein fantastisches Element und beziehen sich auf verschiedene europäische und orientalische Erzählmuster und -motive. Was eher märchenuntypisch ist, ist die starke, oft religiös aufgeladene Verklärung des Todes. Mehr als die Hälfte der Kurzwerke enden mit dem Tod der Hauptfigur, dieser ist jedoch mehr Erlösung und Paradiesführung als das Leben, was dieser Mensch zuvor führte. Zudem lässt Wilde durchaus Beziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Figuren/Personen/Tierwesen/Objekten zu, was bei ihm womöglich in anderen Werken ebenfalls anzutreffen ist. Mir hat dieser erste Einblick in Wildes Primärtexte [in Übersetzung: Reclamausgabe - 9783150202586] gut gefallen. Die vielfachen Einflüsse aus anderen Kulturen und die vielen Schmuckworte lassen doch auf noch größeres hoffen. :) Lieblingsmärchen aus diesem Band: "Der glückliche Prinz".

The Complete Fairy Tales of Oscar Wilde
The Complete Fairy Tales of Oscar Wildeby Oscar WildeNorilana Books