Medea – eine Neuinterpretation zwischen Mythos, Macht und weiblicher Perspektive
Vor dem Lesen von Medea kannte ich zwar ihren Namen, wusste aber kaum etwas über ihren Mythos. Umso mehr hat mich Rosie Hewletts Neuinterpretation beeindruckt. Die Geschichte hat mich von der ersten Seite an gefesselt und eindringlich gezeigt, wie aus einer Frau, die immer wieder ausgegrenzt, benutzt und verraten wird, die Figur wird, die wir heute aus den griechischen Sagen kennen. Medea ist dabei keine klassische sympathische Heldin. Viele ihrer Entscheidungen sind schwer zu ertragen und teilweise erschütternd. Trotzdem konnte ich nicht anders, als mit ihr mitzufühlen. Die Autorin macht nachvollziehbar, welche Erfahrungen, Verletzungen und Ungerechtigkeiten Medea prägen. Nicht ihre Taten werden entschuldigt, aber ihre Geschichte wird verständlich. Gerade das hat die Figur für mich so faszinierend gemacht. Besonders stark fand ich den feministischen Blick auf den Mythos. Rosie Hewlett zeigt eindrucksvoll, wie Frauen in einer von Männern dominierten Welt auf ihre Rolle reduziert, kontrolliert oder für die Ziele anderer benutzt werden. Das wird im Roman immer wieder sehr direkt benannt – etwa wenn es heißt: „Ist es nicht verblüffend, wie es Männer gelungen ist, allen vorzugaukeln, sie seien das klügere Geschlecht?“ oder auch in der bitteren Erkenntnis: „Ihr wisst, dass Ehefrau nur ein anderes Wort für Eigentum ist.“ Auch die Mechanismen dieser Erzählungen werden schonungslos offengelegt: „Und ich weiß auch, wie sie diese Geschichte erzählen werden. Das ist bei allen Frauen so, die sich nicht mit ihrem Platz in der Welt zufriedengeben. Jason wird der Held sein, und ihr? Entweder machen sie euch zu einer bewundernden, liebeskranken Maid oder zur Schurkin. Das sind die einzigen Rollen, die sie uns zubilligen.“ Medeas Geschichte wirkt dadurch erstaunlich modern und aktuell. Die Themen Macht, Abhängigkeit, Verrat und die Erwartungen, die an Frauen gestellt werden, ziehen sich durch den gesamten Roman. Ganz schwer zu ertragen war für mich Jason. Selten hat mich eine Figur so frustriert. Rosie Hewlett zeichnet ihn nicht als strahlenden Helden, sondern als schwachen, egoistischen und manipulativen Mann, der immer wieder die Bedürfnisse und Opfer anderer für seine eigenen Ziele nutzt. Gerade dadurch wird Medeas Geschichte noch tragischer, denn man erlebt hautnah, wie sehr sie für jemanden kämpft, der ihre Loyalität weder verdient noch zu schätzen weiß. Auch die Figuren abseits von Medea fand ich spannend. Vor allem Atalanta hat meine Neugier geweckt. Obwohl sie nur eine Nebenfigur ist, fand ich sie so interessant, dass ich nach dem Lesen direkt mehr über ihren eigenen Mythos erfahren wollte. Für mich spricht das sehr für die Stärke des Romans und seiner Figurenzeichnung. Rosie Hewlett verbindet griechische Mythologie mit emotionaler Tiefe und einer modernen Perspektive, ohne dabei die Tragik der ursprünglichen Sage zu verlieren. Medea ist ein intensiver, düsterer und nachdenklich stimmender Roman, der noch lange nachhallt. Für mich ein absolutes Highlight und eine klare Leseempfehlung. Schon immer haben mich in mythischen Erzählungen – ganz unabhängig von der Herkunft – Figuren wie Hexen oder Frauen, die sich außerhalb der gesellschaftlichen Ordnung bewegen, am meisten fasziniert. Vielleicht, weil sie selten eindeutig sind und sich nicht in einfache Rollen pressen lassen. Ich bin gespannt, welche dieser Figuren mir als Nächstes begegnen und welchen Weg sie in anderen Mythen für mich noch kreuzen werden.















































