
„Wir laufen nicht vor dem Vergessen weg, sondern auf die Hoffnung zu.“
Ihr ganzes Leben lang hat sich Sciona auf den einen Tag vorbereitet, der ihr Leben und das aller Frauen von Tiran verändern soll: Als erste Hochmagierin ins Magisterium aufgenommen werden, allen Vorurteilen zum Trotz. Sie schlägt alle Konkurrenz mit eisernem Willen und setzt sich durch. Doch ihr Weg an die Spitze der Macht ist steinig und so findet sie durch ihre Forschungen schon bald zahlreiche Unstimmigkeiten in Magie und Geschichtsschreibung. Mithilfe ihres eigenwilligen Assistenten deckt sie schließlich ein Geheimnis auf, das den Fortbestand des ganzen Reiches gefährdet… Mit „The Sword of Kaigen“ hat M.L. Wang bereits bewiesen, dass sie komplexe Fantasy beherrscht. Nun, mit „Blood Over Bright Haven“, legt sie noch eine Schippe obendrauf, wird politischer und direkter denn je. Aber auch der Rest des Buches, vor allem der Fantasy-Aspekt, können mit diesen großen Fußstapfen mithalten. Man muss natürlich aufmerksam lesen, wenn man dieses komplizierte, wissenschaftlich angehauchte Magiesystem verstehen will. Es gibt ein Glossar am Ende, das die Verwirrung lindern kann, trotzdem ist es zu Beginn nicht ganz einfach, der Autorin und ihrer genialen Protagonistin zu folgen. Es braucht auch ein paar Seiten, um überhaupt mit der Geschichte warm zu werden, doch dann ist man drin in einer Welt, die vor Ungerechtigkeit nur so strotzt. In Tiran prallen die Gegensätze aufeinander: Fortschritt und Unterdrückung, Technologie und Rückschritt, Wissenschaft und Ausbeutung, all das im Namen der Religion. In überspitzter Form liegt bereits darin eine Gesellschaftskritik. Doch die Autorin geht noch viel weiter. Sie schenkt ihrer Geschichte eine Protagonistin, die mindestens streitbar ist. Sie ist selbst eine unterdrückte Persönlichkeit, die hart um ihre Daseinsberechtigung kämpfen musste, als Frau, als Talent, als Wissenschaftlerin. Sie scheint zu wissen, wie es ist, einer Minderheit anzugehören, ist aber gleichzeitig genauso blind für alle, die in der Hackordnung unter ihr stehen. Sie ist also gleichzeitig Opfer und ignoranter Täter, sieht einen Teil des Problems, ist aber für das große Ganze genauso blind. Im Laufe der Handlung wird ihr das bewusst, aber nie völlig, immer noch stolpert sie über die Erkenntnis, dass sie nicht besser ist, als die Menschen, die ihr Regime unterdrückt, nicht besser als die Unterdrücker, die sie beginnt zu kritisieren. Sie ist arrogant und in ihrer Genialität manchmal geradezu blind. Sie ist keine Protagonistin, die man uneingeschränkt mögen darf, sie ist aber eine die langsam wächst und immerhin einen Teil ihrer Fehler erkennt. Sie ist streitbar und voller Fehler, manchmal naiv und doch immer hoffnungsvoll und am wichtigsten: Sie übernimmt am Ende Verantwortung, trotz all ihrer Fehler. Die Autorin hat also so einiges an Gesellschaftskritik in ihrer Geschichte verpackt und das ganze mit einer komplexen, spannenden Fantasy-Welt kombiniert. Die Handlung an sich, der Machtmissbrauch, die unendlichen Lügen und Ausflüchte der Mächtigen könnten aber auch aus einem weniger fiktiven Szenario stammen. M.L. Wang setzt hier ein deutliches Zeichen gegen Ungleichheit aller Art, sei es nun Rassismus, Klassismus oder Sexismus, außerdem fanatische Auslegung von Religion. All das kommt in diesem Buch zur Genüge vor und wird zeitweise wirklich abstoßend, doch der Ton ist genau richtig gewählt, um den gewollten Effekt zu erzeugen. Am wichtigsten in diesem Buch ist aber unter dem Strich die Protagonistin selbst, die langsam aus ihren Träumen erwacht und die Albträume erkennt, die sie jeden Tag mitgetragen hat. Die, die selbst die Indoktrination erlebt hat und sie selbst kaum ablegen kann, die meist nur ihren eigenen Blickwinkel sieht und nie den einer anderen Person; die, nur weil sie selbst benachteiligt ist, meint, das Leid der anderen zu kennen und sich als Retterin aufspielen kann, die uns all die falschen und egoistischen Wege vor Augen führt, mit denen man dies oder jenes rechtfertigen kann, wenn man bequem und leichtgläubig genug ist. Die, die aber trotzdem Schritt für Schritt in die richtige Richtung geht und ein Stück der Wahrheit erkennt und nicht klein beigibt, auch wenn sie das große Ganze nie sieht. Die Protagonistin ist keine Heldin, sondern ein Denkzettel, den uns die Autorin verpasst, und das hat sie ganz meisterlich getan. Natürlich ist es kaum möglich, dass dieses Buch zu einem Happy End im klassischen Sinne findet. Das wäre auch gar nicht glaubwürdig. Für manchen Leser mag es nicht rund oder zu offen sein, doch es passt am Ende gut zu dieser grausamen, brutal ehrlichen, aber auch ganz leise hoffnungsvollen Geschichte.






























































