Etwas langatmige Familiengeschichte mit zu vielen Baustellen
Vor 25 Jahren ist Monica ihrem Mann zuliebe nach Spanien ausgewandert, damit dieser sich den Traum vom eigenen Weingut erfüllen konnte. Zwei der Kinder blieben auf englischen Internaten, nur der jüngste Sohn kam mit. Als Familienpatriarch Gus einen Schlaganfall erleidet, muss sich die Familie zusammenraufen … ‚Mum & Dad‘ lässt mich ein wenig zwiegespalten zurück - schwierig das Buch einzuordnen. Geschrieben ist es hervorragend, Joanna Trollope ist eine ausgezeichnete Beobachterin menschlichen Seins. Ihre Figuren sind äußerst vielschichtig, lebensnah und durchaus mit Fehlern und Schwächen. Und bei der Menge an Protagonisten - die Familie besteht aus Gus und Monica, drei Kindern mit Partnern und sechs Enkelkindern - kommt da einiges zusammen. Und vermutlich liegt da genau das Problem. Der Roman wirkt auf mich einfach irgendwie überfrachtet. Nicht nur das Schlaganfall-Szenario und das damit verbundene Zusammenraufen der Kinder wird behandelt. In jeder Beziehung kriselt es mehr oder weniger, es gibt finanzielle Probleme und dann durchlebt auch noch eine der Enkeltöchter eine psychologische Krise. Puh. Bis das am Anfang alles erst mal eingeführt wird, braucht es Zeit und trotz der vielen Perspektivwechsel fand ich die ersten zwei Drittel sehr zäh. Zumal auch noch gerade die drei Kinder alle irgendwie unsympathisch wirken, weil sie in ihren eigenen Alltagsproblemen gefangen sind. Am Schluss wiederum löst sich für mich vieles zu schnell zu sehr in Wohlgefallen aus, jeder bekommt so seinen kleinen Anstupser und ändert dann einfach mal so seine eingefahrenen Bahnen. Ein bisschen nach dem Motto ‚reiß‘ dich halt mal zusammen, dann geht das schon‘. Das war mir für das komplexe Beziehungsgeflecht irgendwie zu wenig. Vielleicht war diese Geschichte nicht so richtig was für mich, und ich könnte mir vorstellen, der Schriftstellerin mit einem anderen Roman aufgrund ihres tollen Stils und der eindringlichen Figurenzeichnung noch eine Chance zu geben.
