Schon mal von ABI gehört?
Ich bin völlig ahnungslos in das Buch gestartet und habe es nur auf Grundlage dessen gekauft, weil mir die bisherigen Bücher von Stuart Turton (Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle; Der Tod und das dunkle Meer) sehr gefallen haben. Die Geschichte und die Idee fand ich sehr originel, insbesondere wenn man bedenkt, dass das Buch als Krimi kategorisiert ist. Die Themen Sciene-Fiction und Apokalypse sind aber grundsätzlich nichts so meins, weshalb mich die bisherigen Werke vom Genre mehr angesprochen haben. Das Setting und die Idee waren jedoch sehr gut ausgestaltet und wenn man gänzlich unvorbereitet in das Buch einsteigt, wird man alle paar Seiten überrascht. Die Spannung ist wie bei den bisherigen Büchern von Stuart Turton sehr gut aufgeteilt und man hat immerzu die Gefühle von einem Abenteuer- oder Mysteryroman. Grusel oder ähnliches enthält dieser Krimi nicht und ist auch nicht bei den anderen Werken von Stuart Turton vertreten. ------- Den Spannungsbogen und die Story an sich fand ich zwar sehr gut, aber ab einem gewissen Punkt wird die Ausgestaltung etwas wirr und unpassend. Vorneweg, hat das Ende einen merkwürdigen Beigeschmack. Man kann es zwar als Happy End ansehen, weil die Hauptprotagonistin Emory wieder mit ihrem Ehemann Jack zusammen ist und alle Dorfbewohner in Sicherheit sind, aber die restlichen Menschen in den Statiskammern sind davon abhängig, dass die Dorfbewohner sie eines Tages aufwecken. Nach dem aktuellen Stand ist also nicht gewährleistet, dass die Menschheit tatsächlich eine Zukunft hat. Auch die Tatsache, dass Thea und Hephaistos zum Ende hin beide gestorben sind, finde ich bedauerlich. Zwar habe ich die Charaktere keineswegs gemocht - weder aus der Perspektive der Dorfbewohner noch aus ihrer eigenen - aber für ein "vollumfängliches" Happy End, wäre es schöner gewesen, wenn die beiden überlebt hätten und mit den Dorfbewohnern Frieden geschlossen hätten (von einer Love Story ganz abgesehen). Die Dorfbewohner sind alle keine Menschen, sondern eine Art "Roboter aus pflanzlichen Materialien" (was auch nie umfangreich beschrieben oder erklärt wird). In der Zeit von KI (oder AI) finde ich diesen Aspekt sehr interessant, dass die Basis biologisch bzw. organisch war und nicht aus Metall. Immerhin, wurden die Dorfbewohner in einer Art Pflanze gezüchtet. Trotz diesen Aspekts, ist das Verhalten der Dorfbewohner das, was man als "menschlich" bezeichnet. Trotz ihrer Untergebenheit gegenüber den Ältesten, empfinden sie Liebe, Trauer und Freude. Den Aspekt mit "Abi" fand ich auch ganz interessant, insbesondere, weil Abi die Ich-Perspektive dargestellt hat. Nach ungefähr 100 Seiten hat man dann die Vermutung und auch relativ schnell die Bestätigung, dass Abi eine Art KI ist. Für mich war ab diesem Zeitpunkt schnell klar, dass Abi das grundsätzliche Problem ist, da es ein allgemeines Thema ist, was passiert, wenn die KI die Kontrolle über die Menschheit gewinnt. In diesem Fall, hatte Abi die Kontrolle über die Dorfbewohner. Im Epilog wurde auch dankenswerterweise erklärt, dass Abi für "artifizielle biologische Intelligenz" steht. Also auch hier der interessante Aspekt, dass Abi keine klassische KI, sondern eine Pflanze ist. Dahingehend finde ich es schade, dass die Insel nicht aus "denkenden und lebenden" Pflanzen bestanden hatte. Wenn Abi zusätzlich mit ihrer Verwurzelung auch die Pflanzen auf der Insel hätte steuern können, hätte es der Geschichte auch nochmal einen besonderen Reiz gegeben. ------ Das Hauptthema der Geschichte (unabhängig von dem sehr originellen Setting für einen Krimi) war die Aufklärung von Niemas Ermordung. Emory war dahingehend wirklich eine tolle Hauptprotagonistin, jedoch gab es viele Dorfbewohner, die kaum eine Rolle in der Geschichte gespielt haben und die entweder besser hätten eingebaut, oder, einfach weggelassen hätten werden können. Für meinen Geschmack, da ich eine gewaltige Anzahl an Charakteren meist spannender finde, hätte ich es gutgeheißen, wenn mehr Dorfbewohner eine gewisse Schlüsselrolle bekommen hätten. Auch die Auflösung von Niemas Tod fand ich etwas platt, jedoch kann ich mich aus Stuart Turtons vorherigen Werken noch dran erinnern, dass die Spannung im Verlauf des Buches zwar eine ereignisreiche Achterbahnfahrt ist, zum Ende aber alles sehr simpel ist. Es wurde mit sehr vielen Details gearbeitet, weil Emory ihre Ermittlungsstrategien aus den Sherlock Holmes Büchern zieht, welche sie gelesen hat. Dahingehend finde ich es schade, dass Adil einen Mord rekonstruiert hatte, nachdem Niema versehentlich mit einem Messer verletzt worden war und sich am Ende selbst das Leben genommen hatte. Die vielen Details haben Emory die Ermittlung erschwert und ich selbst muss gesehen, dass ich nicht recht verstanden habe, ob am Ende alles aufgeklärt worden ist. Auch der zeitliche Handlungsstrang der "Mordnacht" hätte einmal besser von vorne bis hinten für das Leserverständnis erläutert werden können. Hui geht auf gewisse Weise unter und ihre einzige Rolle war im Endeffekt, dass Niema sie beschützen wollte. Auch Magdalene hat keine richtige tragende Rolle und ihr Sohn Sherko schon gar nicht. Ben, welcher als neuer Zuwachs im Dorf angepriesen wurde, ist lediglich im letzten Kapitel dienlich, weil er das Wissen hat, wie man deren Spezies züchten kann. Ansonsten waren die Einwürfe mit Ben und den Gleichungen in diesem Umfang einfach nur unnötig. Auch das "Ermittler-Team" war etwas schwach, da Emorys Tochter Clara grundsätzlich nur einen Wert hatte, wenn etwas unter ein Mikroskop gelegt werden musste, und Emorys Vater Seth nur zum Rudern gut war. Das Setting war zwar abenteuerlich auf einer tropischen Insel gestaltet, aber deren Expedition zur Aufklärung von Niemas Tod war nicht so bunt sondern eher eintönig. Oftmals gab es dann auch zwischen und während den Kapiteln große Zeitsprünge, welche den Adrenalinreiz genommen haben. Zum Ende hin wurde auch immer klarer, dass Niemas Tod entweder ein Missverständnis oder ein Chaos war. Da mir die Auflösung nicht ganz klar war, bin ich mir bei ein paar Punkten noch unsicher. Zum einen wäre da Theas Daumennagel. Wenn ich es korrekt verstanden habe hat ihr der ganze Nagel gefehlt, aber es befand sich nur ein Splitter in Niemas Wange. Wie ist im Endeffekt ein einzelner Splitter dort gelandet? Hatte Thea versucht Niema den Erinnerungsextraktor vom Kopf zu reißen oder hat tatsächlich Adil im Nachhinein einen Splitter dort platziert? Genauso wie Niemas zertrümmerter Schädel. Warum war es wirklich notwendig mehrmals einzuschlagen? Im Buch werden unteranderem Anspielungen auf Sherlock Holmes und Hercule Poirot gemacht. Wer Hercule Poirot und den Fall im Orientexpress kennt, der wird auch dazu verleitet daran zu glauben, dass mehrere Personen Niemas Kopf abwechselnd mit einem schweren Gegenstand eingeschlagen haben. Von der Auflösung um Niemas Tod abgesehen, ist Abis Rolle sehr nervenaufreibend. Das Hauptproblem bei KI (oder AI) ist, dass diese nicht selber denkt, sondern nur einem Befehl folgt - und diesen manchmal völlig anders interpretiert. Die Dorfbewohner waren zu eigenständigem Handeln und Denken fähig, auch wenn sie ABI implantiert hatten. Abi hat aber nach Niemas Tod weiterhin stur ihre Befehle ausgeführt, auch wenn diese völlig unsinnig waren. Die Dorfbewohner mussten sich keine Sorgen um den Nebel machen, stattdessen hat Abi aber Emory glauben lassen, dass sie den Mord an Niema aufklären muss um die Dorfbewohner vor dem Nebel zu retten. Wenn Abi ein Mensch mit Verstand und Gefühl gewesen wäre, hätte sie dieses Spiel mit Emory nicht getrieben. Ich war erleichtert, als Abi am Ende schließlich auch gestorben ist. Ich für meinen Fall bin aber definitiv schon gespannt auf das nächste Buch von Stuart Turton.






















































