Ein Flaneurroman - der uns aus der Perspektive eines Psychiaters mitnimmt durch die Straßen New Yorks und Brüssels! 👏🤩
„Open City“ ist ein gar außergewöhnliches Buch, denn eine Handlung im herkömmlichen Sinne gibt es nicht. Ist das nun gewagt, mutig oder komplett daneben?! Wir finden es gemeinsam heraus. Teju Cole schickt seinen Protagonisten, einen jungen Assistenzarzt der Psychiatrie, Sohn eines Nigerianers und einer Deutschen, auf einen Spaziergang durch New York. Es wird bald klar, dass er sich aufgrund seiner Hautfarbe nirgendwo richtig zugehörig fühlt, was sich mitunter in diversen Gesprächen mit Personen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen und Klassen widerspiegelt. Und so erleben wir seine Geschichten in einer ebenso präzisen wie suggestiven Sprache, auf eine vollkommen neue Art. Der Ich-Erzähler Julius nimmt uns mit in seine ganz eigene Welt, wir nehmen seine Perspektive ein und sehen, wie er die Menschen wahrnimmt, als Psychiater und Mensch. Teju Cole ergänzt diesen stream of conciousness durch Assoziationen zur Kunst und Musik. Es geht um die Seele, unseren Körper, Sklaverei, Verstümmelung, Schmerz, Tod, Vergewaltigung und so vieles mehr - bis Julius schließlich zusammengeschlagen wird, völlig zusammenhangslos und überraschend. Aber auch diese prekäre Situation schildert Teju Cole mit einer sprachlichen Versiertheit, dass man nur beeindruckt sein kann. Es gibt in gewohnt lyrischer Erzählweise auch einen kurzen Abstecher zum (eher fremdenfeindlichen) Brüssel, der einmal mehr klar macht, dass Teju Cole nicht nur Autor ist, sondern die Fotografie eine weitere seiner Leidenschaften ist. Besonders die street photography prägt seinen Blick auf Menschen und Städte. „Open City“ war für mich ein gelungener Flaneurroman, der mich mitgenommen hat durch New York und Brüssel in einer bildhaften Sprache, spielend mit der Identität und Erinnerung des jungen Psychiaters. Souverän führt er durch die Welt der Kunst und Kultur, nicht ohne zwischen den Zeilen auch Kritik zu üben und über Multikulturismus ebenso wie über Kosmopolitismus zu sinnieren. Vordergründig ereignisarm, ist dieses Buch vollgestopft mit Geschichten eines einsamen, jungen Psychiaters - Wissenschaftsprosa at it’s best. Für mich war’s das zweite Buch des Autors nach dem essayistischen „Schwarzer Körper“ und hat mich tief beeindruckt (wenn auch die beiden Werke schwer vergleichbar sind, da vom Umfang her sehr unterschiedlich) . Ein intellektueller Diskurs, den Ihr Euch nicht entgehen lassen solltet! Fazit: äußerst lesenswert!

