Intensiv, überraschend, großartige Figuren, von mir gibt’s eine klare Empfehlung für dieses außergewöhnliche Buch!

Im Jahr 1982 wird für Sarah und David, beide 15 Jahre alt, bereits ein Traum war. Beide qualifizieren sich für die Elite-Schauspielschule CAPA (Citywide Academy for the Performing Arts). CAPA wirbt damit in bewusster Selektion die talentiertesten Personen aus öffentlichen Bildungseinrichtungen der Stadt und trostlosen Orten abzuschöpfen und auf Weltklasseniveau zu heben. Während David aus einem reichen Elternhaus stammt, so trifft auf Sarah eher der trostlose Ort zu – sie wächst in einfachen Verhältnissen bei ihrer Mutter auf. Es dauert nicht lange, die beiden werden ein Paar und stehen schnell im Mittelpunkt des Geschehens. »Im Ruhezustand, selbst wenn beide bloß geradeaus schauten, war der Draht zwischen ihnen gespannt, und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler machten Umwege, um nicht darüber zu stolpern« (S. 15). Dieser Roman hat mich am Ende zwiegespalten zurückgelassen. Auf der einen Seite liefert Susan Choi auf 352 Seiten einen brillanten Roman, in dem rätselhafte Andeutungen viel Spielraum für Interpretation lassen und gleichzeitig wurde ich durch die verschiedenen Erzählperspektiven immer wieder auf die richtige Spur gebracht. Im Mittelpunkt der Erzählungen geht es nicht nur um die Geschichte von Sarah und David, sondern auch um Freundschaft, Liebe, Sex und Macht. Auf der andern Seiten ziehen sich gefühlt endlose Sätze über’s Papier. Die Zeit verläuft im Buch nicht linear – Zeitsprünge sorgen für zusätzliche Verwirrung und machen mir die Geschichte madig. Es gibt keine Kapitel oder Absätze, lediglich in der Mitte und ganz am Ende findet ein Cut statt, womit mir das Buch eine kurze Pause gegönnt hat, um mich sortieren zu können. Nach 40 Seiten wollte ich abbrechen, bin dann aber doch standhaft geblieben und hab bis zum Ende durchgehalten. Ob sich das lohnt – findet es für euch heraus, allerdings kann ich mit meinen Erfahrungen mit dem Buch leider keine Empfehlung dafür aussprechen. Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels und Katharina Martl.
Der Roman ist in drei Teilen. Der erste Teil erzählt die Geschichte von Sarah und David, beide 15, die auf die angesehene Schauspielschule CAPA gehen. Sie verlieben sich, es klappt nicht, Drama, Eifersucht, Tränen. Es geht aber auch um das Leben an der Schule, deren Leiter, der exzentrische Lehrer Mr. Kingsley, die Schüler mit teils verstörenden Methoden unterrichtet. Er selbst spricht davon, ihr Ego zu dekonstruieren, bevor er es rekonstruiert (klassische Sektenführer-Strategie). Der zweite Teil des Buchs spielt einige Jahre später, die Schüler*innen sind Erwachsene und wir erfahren, dass der erste Teil der Roman aus der Sicht von Sarah war, die inzwischen Autorin ist. Der zweite Teil von "Vertrauensübung" ist nun aus der Sicht von Karen erzählt, die in Sarahs Roman nur als Randfigur vorkommt. Von Karen erfahren wir, dass einiges ganz anders war, als Sarah es erzählt. Bei einer Theateraufführung treffen die Protagonist*innen von "damals" (also aus Teil 1) erneut aufeinander und als Leser*in wird uns mehr und mehr klar, dass wir auf nichts vertrauen können, was wir gelesen haben (daher auch der Titel des Romans vermutlich). Klingt anstrengend und schachtelig? Ja, ist es auch teilweise. Aber auch fesselnd und erschütternd. Es ist ein "Me too" Roman, der von Machtmissbrauch und Trauma handelt und davon, dass nichts ist, wie es scheint. Ich würde "Vertrauensübung" allen empfehlen, die Spaß an literarischen Herausforderungen haben und trotzdem Wert auf spannende Stories und gute Unterhaltung legen. Es ist ein typisches "Buchclub-Buch", denn es gibt so unheimlich viel zu deuten und zu entpacken.



