"Those who hurt the most are the best at protecting others from the dark, because they know what the dark looks like."
Ok, das Buch habe ich so nicht kommen sehen. Ein queerer, magischer Zirkus wurde mir versprochen - und den gab es auch. Allerdings dazu mit einer ganzen Menge Tiefgang, Trauma und einem der fiesesten Antagonisten, die ich bisher lesen musste. Ich fands richtig gut, aber das Buch war definitiv eine kleine Herausforderung, aber dazu gleich mehr. Wir begleiten einen magischen Zirkus, der durch die Staaten rest und versucht, das Leben der Bevölkerung aufzuhellen, insbesondere der Menschen mit magischen Fähigkeiten. Das Buch ist in zwei Erzählsträngen und zwei Zeitlinien geschrieben, deren Zusammenhang man allerdings recht schnell herstellen kann. Insgesamt spielt die Geschichte zwischen 1916 und 1945, mit einem Schwerpunkt auf dem Jahr 1926. Die Hauptfigur kann durch die Zeit springen und macht dieses auch regelmäßig. Dabei kommt sie zwangsläufig mit den Geschehnissen aus zwei Weltkriegen in Kontakt, die sie massiv belasten. Außerdem muss sie gleichzeitig vor einer Person aus ihrer Vergangenheit fliehen, bzw ihren ganzen Zirkus vor dieser retten. Insgesamt also ziemlich heftige Themen, die hier angeschnitten werden. Die Zeitsprünge werden dabei so eingearbeitet, dass sich im Laufe des Buches ein massives Foreshadowing aufbaut, welches die Grundstimmung insgesamt wirklich sehr drückt. Wer hier also auf eine leichte Lektüre baut (wie es der Klappentext teilweise suggeriert) ist definitiv falsch. Zentrale Themen, vor denen man warnen sollte, umfassen unter anderem Kriegstrauma (von Soldaten im Gaskrieg - aber irgendwie auch kollektiv einer ganzen Generation), toxische Beziehungen (ich würde sogar sagen bis hin zu psychischer Vergewaltigung), sowie in geringerem Maße der Holocaust, Atomkrieg und Homophobie. Definitiv keine leichte Kost und phasenweise herausfordernd zu lesen, verstärkt durch das Foreshadowing und die Machtlosigkeit der Protogonistinnen gegen "den Lauf der Welt". Verschlimmert wird das ganze durch einen manipulativen Antagonisten, den ich wirklich abstoßend empfand (aber auch ziemlich gut ausgearbeitet als Charakter). Trotzdem ein Buch, das mich sehr gefesselt hat und wichtige Themen bearbeitet, auch wenn durch die Dichte an verschiedenen Themen, einige von ihnen einfach nicht genug Platz in der Erzählung bekommen können. Die beschriebene Atmosphäre, der Kontrast zwischen einem Safe Space fantastischer Zirkusmagie und Wahlfamilie auf der einen Seite und Angst vor der Zukunft, Hilflosigkeit und Trauma auf der anderen ist wirklich gut ausgearbeitet und ließ mich mehr als einmal an die aktuelle Weltlage denken und die Unsicherheit, die einfach gerade vorherrscht. Paradoxerweise auch irgendwie ein Mutmacher und damit ein wichtiges Buch und für mich (unerwartet) eines der besten Bücher des Jahres.


